Im Kino: The Zone of Interest

von | 01.02.2024

Wie macht man einen guten Film ĂŒber den Holocaust? Mit „The Zone of Interest“ liefert Jonathan Glazer eine eher ungewöhnliche Antwort auf diese Frage.

Von den angrenzenden KZ-Mauern lĂ€sst sich Familie HĂ¶ĂŸ nicht die Laune verderben. (© Filmcoopi)

Im Jahr 1940 wurde Rudolf HĂ¶ĂŸ damit beauftragt, im besetzten Polen das Konzentrationslager Auschwitz aufzubauen. WĂ€hrend der Folgejahre verordnete er dort den Tod von rund 1,1 Millionen JĂŒd*innen und anderen politischen HĂ€ftlingen. 1947 wurde er im Rahmen der NĂŒrnberger Prozesse zum Tode verurteilt. HĂ¶ĂŸ gilt heute als einer der Hauptverantwortlichen der in Nazideutschland begangenen Kriegsverbrechen; er steht im Zentrum unzĂ€hliger BĂŒcher, Filme und Serien. So wie in Jonathan Glazers „The Zone of Interest“ wurde seine Geschichte bisher allerdings noch nie erzĂ€hlt.

Schauplatz des 106-minĂŒtigen Streifens ist die nur wenige Meter von den KZ-Mauern von Auschwitz entfernte Villa, in welcher HĂ¶ĂŸ in den 1940er-Jahren mit seiner Ehefrau Hedwig und den fĂŒnf gemeinsamen Kindern lebte. Lose an TagebucheintrĂ€gen von Rudolf HĂ¶ĂŸ sowie an der Handlung des gleichnamigen Romans von Martin Amis inspiriert, fragt der Film, wie sich inmitten des von den Nationalsozialist*innen begangenen Genozids ein regulĂ€res Leben fĂŒhren ließ.

Die Familie HĂ¶ĂŸ, wie sie der britische Filmemacher darstellt, hat damit scheinbar keinerlei Schwierigkeiten. Allen voran Hedwig (Sandra HĂŒller) wĂ€hnt sich im Paradis auf Erden. Bei der Kindererziehung und im Haushalt lĂ€sst sie sich von ihrem Personal â€“ „Frauen aus dem Dorf“, wie sie an einer Stelle erklĂ€rt – unter die Arme greifen. Kleider bekommt die Familie „second hand“ aus dem KZ, am Wochenende entspannt man sich mit Partys und AusflĂŒgen zum nahegelegenen See. Um die Villa herum blĂŒht der ĂŒppige Garten samt Planschbecken und GewĂ€chshaus. Hedwigs einzige Sorge: Die Weinstöcke wachsen noch nicht hoch genug, um die hĂ€sslichen KZ-Mauern zu verdecken.

Effizientes Sounddesign

Auch wenn vordergrĂŒndig der Alltag der Familie HĂ¶ĂŸ im Fokus steht, so lenkt Glazer unsere Aufmerksamkeit doch auf etwas anderes, nĂ€mlich die sich hinter den KZ-Mauern ereignenden GrĂ€uel. DafĂŒr setzt er vor allem auf ein Sounddesign, das es einem*r kalt den RĂŒcken runterlaufen lĂ€sst. Egal, ob die Kinder beim Spielen oder die Familie beim Essen gezeigt wird: Immerzu hört man im Hintergrund die Schreie der KZ-Aufseher*innen, ihrer Opfer und andere verstörende GerĂ€uschfetzen, dazu Mica Levys beklemmende Filmmusik. Nachts leuchtet der Himmel durch die pausenlos laufenden Hochöfen feuerrot auf – eine Tatsache, die die Familienmitglieder lediglich zum Schließen der Schlafzimmerfenstern veranlasst.

Nicht das Leid der NS-Opfer macht das Grauen von „The Zone of Interest“ aus, sondern vielmehr das Ausblenden ebendieses Leids. Rudolf (Christian Friedel) und Hedwig wissen ganz genau, was sich hinter den KZ-Mauern abspielt – er sieht es sogar tĂ€glich mit eigenen Augen –, ihre UnbekĂŒmmertheit rĂŒhrt also nicht von Ignoranz, sondern daher, dass sie die Massenvernichtung ausdrĂŒcklich gutheißen. Anders als viele Holocaustfilme werden die Protagonist*innen hier jedoch nicht als karikaturhafte Schurk*innen dargestellt: Die Schockwirkung des Films rĂŒhrt gerade aus den Parallelen, die Glazer zu den Sorgen und Freuden eines kleinbĂŒrgerlichen Familienlebens zieht. „I wanted to dismantle the idea of them as anomalies, as almost supernatural“, erklĂ€rte Glazer im Dezember der New York Times gegenĂŒber. „You know, the idea that they came from the skies and ran amok, but thank God that’s not us and it’s never going to happen again. I wanted to show that these were crimes committed by Mr. and Mrs. Smith at No. 26.“ Sympathien fĂŒr die Familie HĂ¶ĂŸ will der Film zwar keine wecken, doch er soll die bequeme Distanz aufbrechen, die diese Art von Filmen oftmals zwischen den Nazis und den Zuschauer*innen herstellt.

Entmenschlichung der Opfer?

Ziel des Films ist es dennoch nicht, uns die Psyche dieser Menschen nĂ€her zu bringen. Kameramann Ɓukasz Ć»al filmt die Familie mit statischer Kamera, Nahaufnahmen gibt es kaum. Es werden auch keine an den Haaren herbeigezogenen ErklĂ€rungsversuche fĂŒr die KaltblĂŒtigkeit dieser Menschen ins Feld gefĂŒhrt. Nichtsdestotrotz wird hier eindeutig den Nazis, nicht den Opfern eine BĂŒhne geboten. TrĂ€gt Glazer damit zur Entmenschlichung bei, die er bei den Protagonist*innen als so kritikwĂŒrdig darstellt?

Mitnichten. Glazers Film funktioniert deshalb so gut, weil er sich das kollektive GedĂ€chtnis rund um den Holocaust zu Nutzen macht. Die Krematorien, die nackten, abgemagerten Körper, die Gaskammern – Glazer braucht ihre Existenz nur anzudeuten, und schon sehen wir sie vor unserem inneren Auge. Die Herangehensweise erinnert an Filme von Michael Haneke: Dadurch, dass der Horror ins „Off“ verlegt wird, werden die Zuschauer*innen aus ihrer PassivitĂ€t hinein ins aktive Schauen gezwungen. Die Bilder, die durch visuelle und auditive Andeutungen im Kopf entstehen, werden Teil des Kunstwerks – und sind letztlich schlimmer als alles, was man mit den Mitteln der Filmkunst visualisieren könnte.

Die Ă€sthetisierende Herangehensweise an die Thematik stieß in den vergangenen Monaten nicht nur auf Wohlgefallen, wie einige Verrisse in der internationalen Presse deutlich machen. Von einem leeren, selbstbeweihrĂ€uchernden Kunstfilm ist in der New York Times die Rede. „The Holocaust happened to real human beings, and ignoring that by reducing the event to a monotonous video project is more dismissive than it is penetrating“, urteilt Paste Magazine.

Dabei ist es auch möglich, zu der gegenteiligen Interpretation zu kommen, denn „The Zone of Interest“ ist weit davon entfernt, ein Film zu sein, den man auf sich einrieseln lassen kann, wie eine gut gemachte Romcom. Es ist nicht l’art pour l’art: Glazers Film verlangt den Zuschauer*innen nicht nur sehr viel ab, er verweigert eine saubere Einordnung in die Schublade „Holocaust-Fiktion“.

FĂŒr „The Zone of Interest“ wurde Glazer, der fĂŒr Filme wie „Birth“ (2004) und „Under the Skin“ (2013) bekannt ist, in Cannes mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet.

In fast allen SĂ€len.

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