Im Kino: The Zone of Interest

Wie macht man einen guten Film über den Holocaust? Mit „The Zone of Interest“ liefert Jonathan Glazer eine eher ungewöhnliche Antwort auf diese Frage.

Von den angrenzenden KZ-Mauern lässt sich Familie Höß nicht die Laune verderben. (© Filmcoopi)

Im Jahr 1940 wurde Rudolf Höß damit beauftragt, im besetzten Polen das Konzentrationslager Auschwitz aufzubauen. Während der Folgejahre verordnete er dort den Tod von rund 1,1 Millionen Jüd*innen und anderen politischen Häftlingen. 1947 wurde er im Rahmen der Nürnberger Prozesse zum Tode verurteilt. Höß gilt heute als einer der Hauptverantwortlichen der in Nazideutschland begangenen Kriegsverbrechen; er steht im Zentrum unzähliger Bücher, Filme und Serien. So wie in Jonathan Glazers „The Zone of Interest“ wurde seine Geschichte bisher allerdings noch nie erzählt.

Schauplatz des 106-minütigen Streifens ist die nur wenige Meter von den KZ-Mauern von Auschwitz entfernte Villa, in welcher Höß in den 1940er-Jahren mit seiner Ehefrau Hedwig und den fünf gemeinsamen Kindern lebte. Lose an Tagebucheinträgen von Rudolf Höß sowie an der Handlung des gleichnamigen Romans von Martin Amis inspiriert, fragt der Film, wie sich inmitten des von den Nationalsozialist*innen begangenen Genozids ein reguläres Leben führen ließ.

Die Familie Höß, wie sie der britische Filmemacher darstellt, hat damit scheinbar keinerlei Schwierigkeiten. Allen voran Hedwig (Sandra Hüller) wähnt sich im Paradis auf Erden. Bei der Kindererziehung und im Haushalt lässt sie sich von ihrem Personal – „Frauen aus dem Dorf“, wie sie an einer Stelle erklärt – unter die Arme greifen. Kleider bekommt die Familie „second hand“ aus dem KZ, am Wochenende entspannt man sich mit Partys und Ausflügen zum nahegelegenen See. Um die Villa herum blüht der üppige Garten samt Planschbecken und Gewächshaus. Hedwigs einzige Sorge: Die Weinstöcke wachsen noch nicht hoch genug, um die hässlichen KZ-Mauern zu verdecken.

Effizientes Sounddesign

Auch wenn vordergründig der Alltag der Familie Höß im Fokus steht, so lenkt Glazer unsere Aufmerksamkeit doch auf etwas anderes, nämlich die sich hinter den KZ-Mauern ereignenden Gräuel. Dafür setzt er vor allem auf ein Sounddesign, das es einem*r kalt den Rücken runterlaufen lässt. Egal, ob die Kinder beim Spielen oder die Familie beim Essen gezeigt wird: Immerzu hört man im Hintergrund die Schreie der KZ-Aufseher*innen, ihrer Opfer und andere verstörende Geräuschfetzen, dazu Mica Levys beklemmende Filmmusik. Nachts leuchtet der Himmel durch die pausenlos laufenden Hochöfen feuerrot auf – eine Tatsache, die die Familienmitglieder lediglich zum Schließen der Schlafzimmerfenstern veranlasst.

Nicht das Leid der NS-Opfer macht das Grauen von „The Zone of Interest“ aus, sondern vielmehr das Ausblenden ebendieses Leids. Rudolf (Christian Friedel) und Hedwig wissen ganz genau, was sich hinter den KZ-Mauern abspielt – er sieht es sogar täglich mit eigenen Augen –, ihre Unbekümmertheit rührt also nicht von Ignoranz, sondern daher, dass sie die Massenvernichtung ausdrücklich gutheißen. Anders als viele Holocaustfilme werden die Protagonist*innen hier jedoch nicht als karikaturhafte Schurk*innen dargestellt: Die Schockwirkung des Films rührt gerade aus den Parallelen, die Glazer zu den Sorgen und Freuden eines kleinbürgerlichen Familienlebens zieht. „I wanted to dismantle the idea of them as anomalies, as almost supernatural“, erklärte Glazer im Dezember der New York Times gegenüber. „You know, the idea that they came from the skies and ran amok, but thank God that’s not us and it’s never going to happen again. I wanted to show that these were crimes committed by Mr. and Mrs. Smith at No. 26.“ Sympathien für die Familie Höß will der Film zwar keine wecken, doch er soll die bequeme Distanz aufbrechen, die diese Art von Filmen oftmals zwischen den Nazis und den Zuschauer*innen herstellt.

Entmenschlichung der Opfer?

Ziel des Films ist es dennoch nicht, uns die Psyche dieser Menschen näher zu bringen. Kameramann Łukasz Żal filmt die Familie mit statischer Kamera, Nahaufnahmen gibt es kaum. Es werden auch keine an den Haaren herbeigezogenen Erklärungsversuche für die Kaltblütigkeit dieser Menschen ins Feld geführt. Nichtsdestotrotz wird hier eindeutig den Nazis, nicht den Opfern eine Bühne geboten. Trägt Glazer damit zur Entmenschlichung bei, die er bei den Protagonist*innen als so kritikwürdig darstellt?

Mitnichten. Glazers Film funktioniert deshalb so gut, weil er sich das kollektive Gedächtnis rund um den Holocaust zu Nutzen macht. Die Krematorien, die nackten, abgemagerten Körper, die Gaskammern – Glazer braucht ihre Existenz nur anzudeuten, und schon sehen wir sie vor unserem inneren Auge. Die Herangehensweise erinnert an Filme von Michael Haneke: Dadurch, dass der Horror ins „Off“ verlegt wird, werden die Zuschauer*innen aus ihrer Passivität hinein ins aktive Schauen gezwungen. Die Bilder, die durch visuelle und auditive Andeutungen im Kopf entstehen, werden Teil des Kunstwerks – und sind letztlich schlimmer als alles, was man mit den Mitteln der Filmkunst visualisieren könnte.

Die ästhetisierende Herangehensweise an die Thematik stieß in den vergangenen Monaten nicht nur auf Wohlgefallen, wie einige Verrisse in der internationalen Presse deutlich machen. Von einem leeren, selbstbeweihräuchernden Kunstfilm ist in der New York Times die Rede. „The Holocaust happened to real human beings, and ignoring that by reducing the event to a monotonous video project is more dismissive than it is penetrating“, urteilt Paste Magazine.

Dabei ist es auch möglich, zu der gegenteiligen Interpretation zu kommen, denn „The Zone of Interest“ ist weit davon entfernt, ein Film zu sein, den man auf sich einrieseln lassen kann, wie eine gut gemachte Romcom. Es ist nicht l’art pour l’art: Glazers Film verlangt den Zuschauer*innen nicht nur sehr viel ab, er verweigert eine saubere Einordnung in die Schublade „Holocaust-Fiktion“.

Für „The Zone of Interest“ wurde Glazer, der für Filme wie „Birth“ (2004) und „Under the Skin“ (2013) bekannt ist, in Cannes mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet.

In fast allen Sälen.

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