Jugendarbeit und Corona-Krise: Virtuell bei Laune halten

Im Gegensatz zu Schulen und Betreuungsstrukturen müssen Jugendhäuser nach wie vor geschlossen bleiben. Wir haben mit den Erzieher*innen Tina Boesen vom Jugendhaus Schëtter und Claude Poorters vom Jugendhaus Mutfert darüber gesprochen, welche Herausforderungen und Chancen sich daraus ergeben.

Claude Poorters und Tina Boesen im Garten vom Jugendhaus Schëtter.  FOTO: Claude Poorters

woxx: In den letzten Monaten haben mehrere Jugendhäuser unter dem Hashtag #jugenhaiseraustausch gemeinsame Online-Aktivitäten organisiert. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Claude Poorters: Zu Beginn der Krise fiel auf, dass durch die Schließung der Crèches und Maison relais auch die Erzieher auf den Congé pour raisons familiales zurückgreifen mussten. Sie konnten sich also nicht digital um die Jugendlichen kümmern.

Tina Boesen: Ich selbst war in der Zeit im Congé pour raisons familiales und habe das Ganze deshalb von außen mitbekommen. Zu Beginn sah es so aus, als fingen die einzelnen Jugendhäuser an, miteinander in Konkurrenz zu treten. Dabei hatten wir alle die gleichen Ziele: Einerseits die Jugendlichen zu motivieren, zuhause zu bleiben und ihnen andererseits zu signalisieren, dass wir für sie da sind. Wir waren der Meinung, es sei wichtig, Ideen in einer Austauschgruppe zu bündeln.

C.P.: Ich habe dann in einer gemeinsamen Facebook-Gruppe gefragt, ob Interesse an einer Zusammenarbeit bestehe. An der ersten Videokonferenz haben sieben Jugendhäuser teilgenommen, mittlerweile sind es deren 19.

T.B.: Wir haben mit einem Brainstorming angefangen, wo sich darüber ausgetauscht wurde, welche individuellen Fähigkeiten und Ressourcen die einzelnen Erzieher jeweils einbringen konnten. Auf dieser Basis wurde dann ein Konzept für die darauffolgenden Wochen erstellt. Wir wollten ein möglichst vielfältiges und ansprechendes Programm mit Partizipationsmöglichkeit anbieten. Sowohl pädagogische als auch Spaßaktivitäten. Es musste mitbedacht werden, dass je nach Plattform – Facebook, Instagram, Snapchat – eine andere Altersgruppe erreicht wird und die Inhalte entsprechend aufbereitet werden müssen.

Davor bestand also kein Austausch zwischen den Jugendhäusern in dieser Form?

T.B.: Kontakt bestand schon immer, wenn auch nicht in gleichem Maße. Die Jugendhäuser einzelner Regionen sind stark vernetzt, durch gemeinsame Versammlungen, Weiterbildungen und Projekte. Überregionale Vernetzung einzelner Jugendinstitutionen entstehen oftmals nach einem Erstkontakt in Weiterbildungen. In den letzten Wochen sind so vielfältige Kollaborationen entstanden, wie z. B.: mit dem Lycée du Nord aus Wilz „LN Sport“ die uns seine Fitness-Videos zur Verfügung gestellt hat.

C.P.: Wir organisieren immer wieder größere Events, die nicht von einem Jugendhaus allein gestemmt werden können. Auch wenn wir etwa Babysitter-Ausbildungen oder Erste-Hilfe-Kurse anbieten, macht es wenig Sinn, die auf ein Jugendhaus zu beschränken. Durch eine Öffnung kommen bis zu 40 Teilnehmer zusammen und die Arbeit kann auf mehrere Erzieher aufgeteilt werden. Die Zusammenarbeit macht mehr Spaß und spart Zeit, die für andere Projekte genutzt werden kann.

Wie war das Feedback auf die Aktivitäten des Jugendhaiseraustauschs?

T.B.: Anfangs wurden unsere Angebote gut von den Jugendlichen angenommen. Es ist aber schnell klar geworden, dass die Jugendlichen schon stark mit Homeschooling involviert waren und wir haben uns dann dementsprechend umorganisiert.

C.P.: Als wir merkten, dass die Views und Likes abnahmen, haben wir nur noch alle paar Tage etwas veröffentlicht. Es war uns wichtig, eine Regelmäßigkeit herzustellen: Montags posteten wir auf Tiktok, unsere Brain-Challenge war immer mittwochs, unsere Fortnite-Turniere und der „Muppe-Club“ freitags. Es war uns wichtig den Jugendlichen feste Referenzen innerhalb der Woche und des Tages zu geben.

T.B.: Aber irgendwann verloren die Jugendlichen immer mehr die Lust an der digitalen und virtuellen Welt. Ihnen fehlte der Realkontakt. Ab dieser Woche dürfen wir uns endlich wieder mit einzelnen Jugendlichen treffen – unter Berücksichtigung der Schutzmaßnahmen natürlich. Sie können über die sozialen Medien oder Telefon eine Kontaktanfrage stellen und einen persönlichen Termin mit uns vereinbaren.

C.P.: Wir haben eine Umfrage ausgearbeitet, um einen Eindruck davon zu bekommen, wie unsere Aktivitäten angekommen sind. 126 Personen haben daran teilgenommen. 81 Prozent davon waren Jugendliche, 68,5 Prozent suchen regelmäßig ein Jugendhaus auf. Es haben fast genauso viele Mädchen wie Jungs teilgenommen, was uns gefreut hat, denn die meisten Jugendhausbesucher sind männlichen Geschlechts. Die Auswertung der Umfrage ist allerdings noch nicht abgeschlossen.

T.B.: Was wir aber jetzt schon wissen, ist, dass 93 Prozent von den Aktivitäten des Jugendhaiseraustauschs begeistert waren. Wir haben auch konstruktive Anregungen bekommen, die wir mittlerweile teilweise umgesetzt haben. Was uns besonders freut: Die Botschaft, dass wir jederzeit für die Jugendlichen da sind, ist angekommen. Wir hatten Angst, sie könnten sich vernachlässigt fühlen, aber dem ist zum Glück nicht so. Natürlich haben sie mitbekommen, dass die Lockerungen für Kinder und Jugendliche etwas langsamer kommen, sie haben aber auch Verständnis dafür, dass Schulen und Betreuungsstrukturen vor den Freizeitaktivitäten öffnen.

C.P.: Was unsere Herzen gleich höher schlagen ließ, war die Antwort auf die Frage, worauf sie sich am meisten freuen: auf den sozialen Kontakt mit uns Erziehern.

T.B.: Wir freuen uns natürlich auch sehr auf sie.

Standen Sie auch im direkten Kontakt mit den Jugendlichen?

C.P.: Ein Ziel des Jugendhaiseraustauschs bestand darin, dass die Erzieher mit mehr Zeit, denjenigen mit weniger Zeit entgegenkommen konnten. Dadurch, dass die Jugendhäuser Aktivitäten posten konnten, die sie nicht alle selbst vorbereiten mussten, blieb mehr Zeit für die Kommunikation mit den Jugendlichen. Ein wesentliches Ziel des Austausch war nämlich, die Beziehung zu den Jugendlichen aufrechtzuerhalten. Nur dann ist unsere Arbeit überhaupt möglich. Wir wollten signalisieren, dass sie sich bei Problemen immer an uns wenden können. Der direkte Kontakt wurde von den Jugendhäusern unterschiedlich gehandhabt, je nach den Bedürfnissen der Jugendlichen.

T.B.: Bei uns war es so, dass Videokonferenzen von den Jugendlichen nicht so gerne genutzt wurden, dafür haben sie lieber gechattet oder Sprachnachrichten hinterlassen. Sie brauchen diesen Kontakt einfach. Ich wurde von manchen kontaktiert, die ihren Job verloren haben. Ich habe dann versucht, sie positiv zu stimmen und ihnen so gut wie möglich weiterzuhelfen. Da ist es als Jugendhaus von Vorteil auf ein großes Netzwerk aus Kontaktpersonen bei der Adem und ALJ [Antennes locales pour jeunes; Anm. d. Red.] zurückgreifen zu können. Das geht dann schneller, als wenn die Betroffenen sich auf eigene Faust durch die Institutionen kämpfen müssen.

C.P.: Manche kontaktierten uns wegen Problemen bei sich zu Hause. Nicht alle haben einen Garten, in dem sie sich austoben können, oder einen anderen Rückzugsort. Manche hatten einfach das Bedürfnis, bei jemandem außerhalb der Familie Dampf abzulassen. In einigen Fällen hilft es schon sehr, mit jemandem reden zu können.

T.B.: Man darf nicht vergessen, dass manche Jugendliche mit Psychosen, Depressionen oder Ängsten zu kämpfen haben. Zu ihnen haben die Erzieher besonders engen Kontakt gepflegt. Die ganzen Auswirkungen der Krise werden wir aber wahrscheinlich erst später mitbekommen, wenn wir wieder persönlichen Kontakt mit den Jugendlichen haben.

Haben sich die Ziele jetzt durch die Schulöffnungen verschoben?

T.B.: Unser Ziel bleibt nach wie vor, die Jugendlichen bei Laune zu halten und sie zu motivieren, was die Hygieneregeln angeht, nicht leichtsinnig zu werden. Gerade in der Ferienzeit gehen die Jugendlichen raus und treffen sich untereinander, zum Teil auch an gesperrten Orten wie Spielplätzen oder Skateparks. Da sind wir dann in unseren Gemeinden unterwegs, um sie bei Bedarf an die Regeln zu erinnern und alternative Treffpunkte vorzuschlagen.

C.P.: Ein Teil unserer Arbeit ist eben auch Präventions- und Aufklärungsarbeit bezüglich Covid-19. Wir haben mit den Jugendlichen beispielsweise über die Möglichkeiten eines zweiten Lockdowns gesprochen. Schafft das Land das überhaupt? Was, wenn kein Chômage partiel mehr ausbezahlt werden kann? Es war uns wichtig, dass sie sich dieser Problematiken bewusst werden, um ihnen so die Notwendigkeit der Hygieneregeln verständlicher zu machen.

Wie kommt es, dass Jugendhäuser noch geschlossen bleiben müssen? Haben Sie da mehr Informationen?

T.B.: Nein, zurzeit nicht. Offene Jugendstrukturen werden leider nur allzu oft im Fokus ihrer Freizeitaktivitäten betrachtet, sodass die pädagogischen Zielsetzungen hier in den Hintergrund treten oder für Außenstehende unsichtbar sind.

C.P.: Uns liegen keine Informationen vor, wie es weitergehen soll. Es ist die traurige Wahrheit, dass Jugendliche keine Lobby haben, die in ihrem Namen Druck auf die Regierung ausübt. Wir sind aber optimistisch, dass es nicht mehr allzu lange dauert, bis wir wieder öffnen dürfen. Mittlerweile werden die Jugendlichen ja wieder durch die Schule betreut und wissen in der Zwischenzeit, dass wir zur Verfügung stehen, wenn wir gebraucht werden.


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