Der neue Jugendbericht untersucht die Lebenswelten der Jugend, sowohl online als auch offline. Über Chancen und Risiken vom Jungsein im digitalen Zeitalter und einer Social-Media-Debatte, die zu kurz greift.

Alle fünf Jahre nimmt der Jugendbericht die Lebensrealität von jungen Menschen in Luxemburg in den Blick. (Foto: Tim Mossholder/Unsplash)
Um den Jugendlichen und jungen Erwachsenen selbst eine Stimme zu geben, ist dieser Text mit Original-Zitaten aus dem Bericht gespickt. Sie sollen zum Nachdenken anregen und sind am besten mit einer aufgeschlossenen Haltung und der Neugier auf junge Lebenswelten zu lesen.
Krieg, Klima und Wirtschaftskrisen bestimmen seit Jahren die Nachrichten – was macht das mit Menschen, die in einer von Umbrüchen und digitalem Wandel geprägten Welt aufwachsen? Alle fünf Jahre nimmt der Jugendbericht die Situation der Jugend in Luxemburg in den Blick. Wie in der Vergangenheit wurde auch für die vierte Auflage das „Centre for Childhood and Youth Research“ (CCY) der Universität Luxemburg mit der Durchführung der Forschungsarbeiten für den Bericht 2025 beauftragt. Auf 260 Seiten werden in zehn Kapiteln verschiedene Aspekte beleuchtet. Datengrundlage zur Einschätzung der allgemeinen Lebensrealität war eine repräsentative Umfrage von 4.800 Befragten aus Luxemburg zwischen 12 und 29 Jahren, ergänzt durch Daten der Statistikinstitute Statec und Eurostat. Ein zweiter Teil widmete sich auf Wunsch des Bildungsministeriums dem Schwerpunktthema „Leben und Aufwachsen in Online- und Offline-Welten“. Hier stützen sich die Erkenntnisse primär auf zwei qualitative Studien mit 36 Erst- und Folgeinterviews sowie digitalen Tagebüchern.
„Ich denke, Online-Spiele zu spielen ist das Äquivalent […] dazu, mit echten, physischen Freunden essen zu gehen oder einen Kaffee zu trinken.“ Mariana, 27 Jahre
Vergangenen Montag wurden im Rahmen einer Pressekonferenz die Schlüsselergebnisse vom Leiter des CCYs, Robin Samuel, vorgestellt. Klar ist: Das Aufwachsen in der heutigen Zeit ist durch Covid, zahlreiche geopolitische Krisen und rasante digitale Entwicklung komplexer und komplizierter geworden. Die Welt ist im Umbruch und das bleibt auch den jungen Menschen, die in Luxemburg mit 34,1 Prozent ein gutes Drittel der Bevölkerung ausmachen, nicht verborgen. Im Gegenteil. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen haben Angst, vor allem die Angst vor einem Krieg in Europa ist zwischen 2019 und 2024 von 65,3 auf 80,6 Prozent gestiegen und löst die Angst vor Umweltverschmutzung und Klimawandel auf den Spitzenplätzen ab, wobei diese noch unter den Top fünf zwischen Angst vor schlechter wirtschaftlicher Lage und schwerer Erkrankung verweilen. Es sind Ängste, die die mediale Lage und die Stimmung der Zeit sehr gut abbilden. „Was im Vergleich zu anderen Ländern auffällig ist: In Luxemburg haben wir festgestellt, dass die Angst vor schweren Erkrankungen besonders ausgeprägt ist“, sagt Samuel, der zusammen mit elf weiteren Kolleg*innen am Jugendbericht gearbeitet hat. „Die Medienberichterstattung und auch die Allgegenwärtigkeit digitaler Medien sehen wir als einen Grund dafür, dass sich die Wahrnehmung und auch die Präsenz bei jungen Menschen für globale Krisen stark verändert hat.“
„Ich stehe morgens auf und hatte 96 Snaps zu beantworten. Und dann bekommst du ja auch wieder welche zurück. […] Dann hast du wieder 96 […] es ist wie ein Kreislauf.“ Tom, 15 Jahre
„Die Jugend“ an sich gibt es aber so gar nicht, wie er gleich zu Anfang betont: „Die Jugend ist keine homogene Gruppe, sie ist besonders durch ihre Heterogenität gekennzeichnet“, sagt Samuel beim Vorstellen der Schlüsselergebnisse. Wirft man ein Blick auf die untersuchte Altersspanne, leuchtet die Verschiedenartigkeit der Gruppe sofort ein. Ein 12-jähriges Mädchen lebt eine vollkommen andere Realität als ein 29-jähriger erwachsener Mann. Beide sind in der Befragung mit eingeschlossen worden. Ein genauer Blick in die Ergebnisse macht deutlich, wie schwerwiegend diese Unterschiede teilweise wiegen. „Nur 46 Prozent der Mädchen in Luxemburg berichten von einer hohen familiären Unterstützung, im Vergleich zu 63 Prozent der Jungen. Diese Geschlechterdifferenz ist eine der größten unter den verglichenen Ländern. Während die Jungen in Luxemburg mit 63 Prozent nahe am internationalen Durchschnitt für Jungen liegen, fühlen sich die Mädchen deutlich weniger unterstützt als in den meisten anderen Ländern“, heißt es im Bericht. Eine Geschlechterdifferenz, die darauf hindeute „dass es in Luxemburg möglicherweise spezifische Gründe oder Faktoren gibt, die das Unterstützungserleben der Mädchen beeinflussen.“
„Ich finde halt Snapchat besser, aber alle Erwachsenen haben eher WhatsApp, also schreibe ich da.“ Theo, 18 Jahre
Diese Unterschiede zwischen den Geschlechtern ziehen sich als Muster durch den gesamten Bericht: Mädchen und jungen Frauen geht es schlechter als Jungen und jungen Männern. Sie schätzen ihren Gesundheitszustand schlechter ein und haben mehr multiple psychische und somatische Beschwerden. 45,9 Prozent, also fast die Hälfte der weiblichen Jugendlichen und jungen Erwachsenen gibt an, multiple gesundheitliche Beschwerden zu haben, gegenüber 27,3 Prozent der Jungen. Ein Gender-Gap-Trend, der sich zwischen 2019 und 2024 sogar noch verstärkt hat. Geschlechtsidentitäten jenseits dieser Zweigeschlechtlichkeit tauchen im Bericht leider erst gar nicht auf.
„Ich habe auch Facebook, eben wegen meiner Großeltern, aber ich gehe da nicht wirklich drauf.“ Julien 21 Jahre
Doch Geschlecht ist nicht der einzige Faktor, der den Gesundheitszustand und das Wohlbefinden der Jugend stark prägt. Was sich bei den Mädchen und jungen Frauen zeigt, zeigt sich genauso bei jungen Menschen mit einem niedrigen sozioökonomische Status (SES), also jungen Menschen in Haushalten mit geringem Einkommen, niedrigem Bildungsniveau oder eingeschränkten sozialen Ressourcen. Auch hier zeigen sich durchweg schlechtere Ergebnisse. Interessant wäre es hier mit einem intersektionellen Fokus näher hinzuschauen, also in den Blick zu nehmen, wie Geschlecht und Status den Gesundheitszustand gegenseitig verschlechtern, auch um später Maßnahmen zu entwickeln, die über undifferenzierten Maßnahmen wie zum Beispiel ein generelles Social-Media-Verbot hinausgehen. Bildungsminister Claude Meisch (DP) sieht sich hingegen durch den Bericht bestätigt: Smartphone-Verbot an Schulen, Screen-Life-Balance-Kampagne, und das geplante Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige. In der zugehörigen Pressemitteilung betont er die Notwendigkeit, den Zugang zu sozialen Netzwerken besser zu regulieren, und verweist auf die „Fear of missing out“ (Fomo) als zentrales Risiko besonders für 12- bis 15-Jährige.
„Ich könnte mir vorstellen, dass ich mich gut mit Leuten online verstehe und dass wir so schreiben. Aber ich finde trotzdem, dass dieser persönliche Kontakt sehr wichtig für mich ist.“ Sophie, 14 Jahre
Während Fomo tatsächlich ein Thema ist, das junge Menschen selbst immer wieder benennen, greift eine reine Regulierung von Bildschirmzeit und „Social Media“ für eine ernsthafte Debatte über den Umgang mit einer sich schnell wandelnden digitalen Gesellschaft viel zu kurz. Schon der Begriff ist unscharf: Social Media kann Messenger wie Snapchat oder WhatsApp meinen, Kurzvideoplattformen wie TikTok oder Dienste wie Facebook, die unter Jüngeren kaum noch eine Rolle spielen. Auch bleibt in der Pressemitteilung zum Jugendbericht vollkommen unerwähnt, dass es aufgrund der Ergebnisse zwingend notwendig ist, einen differenzierten Blick auf die unterschiedliche Gruppen „der Jugend“ zu werfen und die Art der sozialen Kommunikation, Unterstützung und Bildschirmnutzung in den Blick zu nehmen. Denn auch hier zeigen sich gravierende Unterschiede auf Basis von Geschlecht und SES – online wie offline.
Darüber hinaus suggeriert die verkürzte Darstellung, dass der Jugendbericht die Notwendigkeit eines Social-Media-Verbots generell belege oder gar befürworte. Dabei heißt es dort wörtlich: „Systematische Übersichtsarbeiten zeigen, dass der Zusammenhang zwischen Nutzung sozialer Medien und psychischen Problemen bei Jugendlichen statistisch schwach und von vielen Faktoren abhängig ist.“ Der Bericht geht auch auf die Kritik ein, die „den sozialen und kommunikativen Nutzen, den insbesondere benachteiligte oder marginalisierte Jugendliche (z. B. LGBTQ-Jugendliche) aus der Nutzung sozialer Netzwerke ziehen“, betont. Auch die technischen und ethischen Herausforderungen von Altersverifikationssystemen, auf die auch die woxx hingewiesen hat, nennt der Bericht (Ausweispflicht im Internet; woxx 1876). Die Autor*innen betonen, dass die aktuelle Forschung „keine eindeutige Empfehlung für ein pauschales Verbot sozialer Medien bis zum Alter von 16 Jahren ausspricht.“ Sie weisen darauf hin, dass in der wissenschaftlichen Literatur stets altersgerechte Gestaltung und differenzierte Regulierung der Plattformen gefordert wird. Außerdem sollen gezielt digitale Kompetenzen gefördert und Maßnahmen zur Risikominimierung gesetzt werden. „Für Luxemburg erscheint es daher ratsam, die Debatte um Altersgrenzen kritisch zu begleiten und Maßnahmen den Vorzug zu geben, die nicht nur restriktiv, sondern auch fördernd und unterstützend wirken. Darüber hinaus sollten zukünftige politische Entscheidungen stets von systematischen Evaluationen begleitet werden, um evidenzbasierte Anpassungen zu ermöglichen“, lautet das Fazit des Berichts.
Am Ende des Berichts haben die Wissenschaftler*innen Impulse für Handlungsanweisungen erarbeitet. Darin betonen sie, dass Bildschirmzeit allein kein ausreichender Indikator sei. Daher denken sie, dass kontextsensitive Analyse von Nutzungsmotiven und -situationen notwendig sei, um sinnvolle Maßnahmen ableiten zu können. Digitale Medienbildung müsse zudem Lehrkräfte systematisch einbeziehen und Eltern niedrigschwellig unterstützen. Gefordert werden geschlechter- und herkunftssensible Ansätze, die Mädchen stärken, ohne Stereotype zu reproduzieren, und Jungen als Teil der Lösung einbeziehen. Um den vielen geäußerten Ängsten entgegenzuwirken, brauchen Jugendliche mehr Räume für politische Beteiligung und offenen Austausch.
„Man fragt dort etwas, und man bekommt dann eine Erklärung zur Aufgabe. Also, es macht im Grunde die Arbeit der Lehrkräfte, nur bekommt man dort keine dumme Antwort.“ Amélie 20 Jahre, zu „KI als Alternative zur menschlichen Unterstützung“
Was für Social Media gilt, gilt laut Robin Samuel ebenso für den Umgang mit sogenannten KI-Tools, auf Nachfrage der woxx merkt dieser an: „Es ist nicht einfach so, dass die jugendliche Person, die KI nutzt, damit automatisch gut oder schlecht dran ist, sondern es kann je nach Person sehr positiv oder negativ sein, bis hin zu dramatischen Outcomes. Aus meiner Sicht ist es wichtig anzuerkennen, dass wir von einem System ausgehen können. Es ist ja nicht nur die jugendliche Person, die allein ist, auch nicht die Politik, die das alles regeln muss, oder die Schulen, die das alleine machen müssen. Sondern wir haben Peers, Familie, die jugendliche Person selbst, die Schule, Professionelle aus der Praxis und die Politik. All diese Akteure müssen zusammenarbeiten. Und nicht zuletzt sprechen wir auch von Plattformen, die kommerzielle Interessen verfolgen. Auch die müssen ihren Teil leisten.“
„Auf TikTok – wenn ich lange genug scrolle, kommt irgendwann was.“ Elias 13 Jahre, zu „Nachrichten aus Sicht junger Menschen“
Für Ende des Jahres ist der Jugendpakt angekündigt, ein Aktionsplan für die Jugend in Luxemburg. Spätestens hier sollten differenzierte Maßnahmen definiert werden, die die Impulse des Jugendberichts berücksichtigen. Social-Media-Nutzung geschieht nicht in einem luftleeren Raum – es zeichnet gesellschaftliche Entwicklungen nach und verstärkt diese durch seine Algorithmen in einer Art Lupen-Brenn-Effekt. Eine Veränderung muss an der Wurzel beginnen: beim gesellschaftlichen Diskurs, beim Miteinander, bei der Frage, wer eigentlich von digitalen Räumen profitiert. Medienkompetenz ist dabei keine Frage des Alters, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

