Kernkraft: Zu langsam für die Energiewende

von | 01.10.2026

Noch nie wurde weltweit so viel Strom mit Kernkraft produziert wie 2025. Dennoch ist die Technologie auf dem absteigenden Ast. Für die rasch nötige Energiewende ist sie viel zu langsam.

Foto, das das Kernkraftwerk Haiyang zeigt. Zu sehen sind zwei fertige und zwei im Bau befindliche Reaktoren, die nahe der Küste stehen.

China baut weltweit die meisten Kernkraftwerke. Diese Reaktoren stehen in Haiyang, einer Großstadt in der Provinz Shandong an der chinesischen Ostküste. (Foto: WPTO, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)

Kernkraftwerke produzierten im vergangenen Jahr 2.703 Terawattstunden. Das ist ein Rekord, der aber im weltweiten Verhältnis gesehen werden muss: Mit lediglich 8,8 Prozent der gesamten Stromproduktion ist die Relevanz der Technologie weiterhin gesunken. Mitte der 1990er-Jahre war der Anteil noch doppelt so hoch. Photovoltaik alleine hat letztes Jahr die Kernkraft überholt. Schon 2021 war dies Solar- und Windkraft gemeinsam gelungen.

Die Kapazitäten von Stromproduktion aus Sonne und Wind sind um jeweils 27 und 14 Prozent gestiegen. Zusätzlich werden immer mehr Batteriespeicher errichtet, sodass auch in dunklen und windstillen Zeiten Strom verfügbar ist. Bei der seit Jahren immer wieder herbeigeredeten Renaissance der Kernkraft handelt es sich um eine Totgeburt. Vor drei Jahren unterzeichneten 20 Länder auf der Weltklimakonferenz einen Aufruf, die nukleare Kapazitäten bis 2050 zu verdreifachen – ein Plan, der nicht aufgehen kann, wie die aktuellsten Zahlen zum Stand der Kernkraft zeigen.

Die wurden diese Woche im neusten „World Nuclear Industry Status Report“ (WNISR) präsentiert. Dieser Bericht wird von unabhängigen Expert*innen verfasst, und von den deutschen und österreichischen Umweltministerien, den Grünen im Europaparlament und der Schweizerischen Energie-Stiftung finanziert. Er zeigt, dass das Wachstum der Kernkraft durch ein einziges Land vorangetrieben wird: China. Außerhalb der Volksrepublik ist die Stromproduktion durch Kernkraft 2025 sogar leicht gesunken. Während das durchschnittliche Alter der Kraftwerke immer höher wird, dauert der Neubau immer länger – über ein Drittel der Bauprojekte ist verzögert.

Zu langsam im Bau, zu gefährlich im Betrieb – und dann auch noch ein Abfallproblem!

Über die Hälfte aller neuen Kernkraftwerke wird in China gebaut, weitere 40 Prozent sind Projekte, die mit russischer Technologie außerhalb Russlands realisiert werden. Der klägliche Rest wird von Indien, Südkorea, Frankreich, den USA und Japan gebaut. Es handelt sich bei all diesen Kraftwerken um „große“, konventionelle Kraftwerke. Im Februar 2024 initiierte die Europäische Kommission zwar eine Allianz für SMRs, diese kann bisher jedoch keine Erfolge aufzeigen. Trotz vieler Versprechen und noch vielen mehr Fördermilliarden gibt es bisher keinen kleinen modularen Reaktor („small modular reactor“ – SMR) außerhalb von Russland und China. Auch liefern diese Projekte weniger Strom als geplant. Das Ziel, um 2030 einen ersten europäischen SMR ans Netz anschließen zu können, wird die EU nicht erreichen. Dennoch startete die Kommission im Sommer eine weitere Finanzierungsrunde für solche Mini-Reaktoren. Laut dem WNISR produziere der Einsatz von SMRs mehr Atommüll: Das Volumen des radioaktiven Abfalls würde sich um das zwei- bis 30-fache vergrößern.

Zu langsam im Bau, zu gefährlich im Betrieb – und dann auch noch ein Abfallproblem! Warum man auf Kernkraft hofft, lässt sich angesichts der Fakten schwer nachvollziehen. Dennoch gibt es in Luxemburgs Politik keinen Anti-Atom-Konsens mehr. Mitglieder der drei rechten Parteien ADR, CSV und DP äußern sich immer wieder positiv zur Kernkraft („Kein Konsens zur Kernkraft“, woxx 1786). Nun soll sogar im Rahmen des „Clean Industrial Deal“ die Technologie mit Luxemburger Steuergeldern gefördert werden („Atomkraft finanzieren? Ja, bitte!“, woxx 1900).

Die vielen Nachteile der Kernkraft werden ignoriert, um vermeintlich die europäische Souveränität zu stärken. Dabei hat die bestehende Kernkraft-Industrie, zum Beispiel in Frankreich, eine große Abhängigkeit von Russland. Das Land dominiert weltweit, die Versorgung mit angereichertem Uran. Immer noch wird russisches Uran in die EU importiert, da ansonsten die Sicherheit der Stromversorgung mancher Länder nicht sichergestellt werden könne. Zum Glück sind erneuerbare Energiequellen inzwischen so günstig wie nie zuvor – es sollte also ein Leichtes sein, die Erkenntnisse aus dem WNISR in eine nachhaltige Politik umzusetzen.

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