Literaturempfehlungen: Im Licht der Leselampe

Die woxx füttert Bücherwürmer mit Lesestoff. Unter anderem auf dem Menü: ein Schneemann, Frauenhasser und Lyrik.

Aubrey Gordon: What We Don’t Talk about When We Talk about Fat

(Penguin Random House)

(tj) – „Wherever I go, the message is clear: my body is too much for this world to bear.“ Aubrey Gordon ist queer und weiblich. Die mit Abstand meiste Diskriminierung erfährt sie jedoch aufgrund ihres Gewichts. Nun hat die Autorin, die unter dem Namen Your Fat Friend bloggt und twittert, ein Buch über diesen Missstand geschrieben. Sie dekonstruiert dabei nicht nur die sogenannte „Übergewichtspandemie“ und Diätindustrie, sondern entlarvt zudem die „Sorge um die Gesundheit“ als getarnte Dickenfeindlichkeit. Das alles tut Gordon, indem sie auf unzählige wissenschaftliche Studien eingeht, die strukturelle Dickenfeindlichkeit in den unterschiedlichsten Bereichen vor Augen führen. Damit man vor lauter Wissenschaftlichkeit den gelebten Alltag von Betroffenen nicht aus dem Blick verliert, untermalt Gordon die Befunde mit Anekdoten aus ihrem Leben.

 

Veronika Kracher: Incels

(Ventil Verlag)

(ja) – Incels, das sind „involuntary celibates“, also „unfreiwillig im Zölibat Lebende“. In der Hauptsache handelt es sich um Männer, die einander einreden, dass sie aufgrund ihres Aussehens niemals Sex oder Liebe erfahren werden. Gleichzeitig sind sie einer frauenhassenden Ideologie verfallen und geben dem Feminismus die Schuld für ihre Einsamkeit. Veronika Kracher analysiert in ihrem Sachbuch diesen Online-Kult, der schon mehrere Terroristen hervorgebracht hat. Sie stellt dabei klar, dass es sich bei Incels nicht um ein vereinzeltes Phänomen handelt, sondern sozusagen um die Spitze des patriarchalen Eisbergs, der unsere gesamte Gesellschaft prägt. Der teilweise leicht ironische, aber gut verständliche Schreibstil macht das Buch trotz des schwierigen Themas leicht lesbar. Eine ausführliche Rezension können Sie unter hier nachlesen.

Jörg Fauser: Der Schneemann

(Diogenes Verlag)

(lc) – Ein Loser-Typ, der sich selbst nicht aufgeben will, gerät gegen seinen Willen in die Fänge der internatio-
nalen Drogenmafia. Dabei wollte Siegfried Blum doch nur endlich mal richtig absahnen und sein Stück vom Kuchen einfordern. Was klingt wie ein banaler Krimi-Plot, ist in Wirklichkeit viel mehr, denn der Roman versucht nicht, den amerikanischen Vorbildern nachzueifern, sondern versetzt die Handlung nach Europa – und dort ist eben nicht alles cool. Die deutsche Spießigkeit begegnet Blum nicht nur im Alltäglichen, sondern auch in den Milieus, die eigentlich als „Underground“ gelten. Genau diese Beobachtungen Deutschlands Anfang der 1980er-Jahre machen Fausers Bücher, die bei Diogenes neu verlegt werden, so bemerkenswert. Sparen sollte man sich also den schrecklichen Film von 1984 mit Westernhagen und besser gleich in die Sinnsuche mit Blum und all den anderen verrückten Gestalten, die Fauser aus seiner Feder zauberte, eintauchen.

 

Haus für Poesie: Lyrikline. Listen to the poet.

(Sabine Scho und Matthias Holtmann/Haus für Poesie, Lyrikline)

(is) – Lust auf Lyrik? Die Online-Plattform „Lyrikline. Listen to the poet“ des Berliner Haus für Poesie sammelt seit 1999 internationale Stimmen der Poesie: In Audiobeiträgen lesen Dichter*innen ihre Werke in Originalsprache vor. Unter der Aufnahme gibt es den Text zum Nachlesen. Manche Gedichte sind in mehrsprachiger, schriftlicher Übersetzung abrufbar. Die Werke sind in thematische sowie stilistische Kategorien unterteilt, was das Stöbern erleichtert. Tippt man „Luxemburg“ in die Suchleiste ein, stößt man ohne Umwege auf Gedichte von Anise Koltz, Nathalie Ronvaux und Jean Portante – drei wichtige Dichter*innen aus Luxemburg. Für Unentschlossene gibt es den Button „Zufallsgedicht“: Drückt man drauf, spuckt die Plattform ein beliebiges Werk aus der Sammlung aus. Ein beeindruckendes Projekt, das Lyrik aus aller Welt erfahrbar und verständlich macht.

Samuel Hamen/Marc Angel: Zeechen

(Edition Guy Binsfeld)

(lc) – Zéi ewéi en däischtere Wanterdag bei deem weder Sonnenopgank nach Ënnergank eng Roll spillen, an traureg ewéi d’Lous, e Kand vu Staatsbeamten ze sinn. Dat ass d’Kräiz, dat de Protagonist vum Deel „Bal“ an der Sammlung „Zeechen“ droe muss. Am Samuel Hamen sengen dräi Erzielungen (niewent „Bal“ och nach „Elo“ an „Djö“) probéiert de Schrëftsteller aus sengen Träipen eraus eng Zort lëtzebuergesche „Mal de vivre“ – duerch d’Geschicht vun engem Opwuessen am Grand-Duché – ze distilléieren. Wat him och duerchaus geléngt. An di „grafesch Geschichten“, di de Marc Angel am Buch derbäi zaubert, ginn di richteg Keelt dozou, di d’Gesamtwierk zu engem Erliefnis maachen – bei deem een*t onwidderrufflech och e bëssen no sech sëlwer siche geet. Kee Wonner also, datt dësen Duo dëst Joer de Buchpräis gewonnen huet, well dëst Buch wäert sécher säi Wee an den nationale Literaturkanon fannen.


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