Löhne und Wettbewerb in Europa: Rechnen statt sparen

Was der Ökonom Stefan Collignon sagt, behagt weder Unternehmern noch Gewerkschaftern. Der überzeugte Europäer operiert nicht nur mit Formeln und Zahlen, sondern auch mit neuen Erkenntnissen und Visionen.

(Flickr   Ms. President  CC-BY-SA 2.0)

(Flickr Ms. President CC-BY-SA 2.0)

Karl Marx ist tot. Will heißen: Die These, das alleinige Interesse des Kapitals liege darin, möglichst viel vom Mehrwert abzuschöpfen und die Löhne möglichst niedrig zu halten, hat heute keine Gültigkeit mehr. Dies war eine der zentralen Aussagen von Stefan Collignon am vergangenen Dienstag. „The new competitiveness indicators“ lautete der Titel seines Vortrags; eingeladen hatten das „Observatoire de la compétitivité“, der Statec und das Wirtschaftsministerium.

In seiner Einleitung bedauerte Statec-Direktor Serge Allegrezza das Fehlen der europäischen Dimension in der luxemburgischen Debatte über Wettbewerbsfähigkeit. Die Wahl des Vortragenden war insofern interessant, als der Ökonom Collignon als wahrhaft „europäisch“ gelten kann – er ist in München geboren, wohnt mittlerweile in Paris, lehrt unter anderem in London und Pisa und spricht alle vier Sprachen fließend. Seiner Webseite entnimmt man außerdem, dass er der SPD als Mitglied angehört, in Konjunktur- und Währungsfragen eher zu einer keynesianischen Sichtweise tendiert und – das ist immer noch originell – bekennender europäischer Föderalist ist. Zu seinem Vortrag hatten sich neben Akademikern auch Experten und Lobbyisten der Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite eingefunden. Wie Allegrezza betonte, steht derzeit eine Überarbeitung der Indikatoren für die nationale Wettbewerbsfähigkeit an – eine für die Sozialpartner sehr heikle Frage.

Tipps für die Sozialpartner

Beiden Seiten konnte der Redner neue Einblicke verschaffen. Als allzu oft „vegessene Variable im Euro-Wirtschaftsraum“ bezeichnete Collignon die Löhne und kritisierte die Fixierung der Mainstream-Ökonomen auf das Leistungsbilanz-Saldo. Er führte als neue nationale Bezugsgröße für Wettbewerbsfähigkeit den „Gleichgewichtslohn“ ein, der bei einer europaweit identischen Kapitalrendite gelten würde. Liegt das tatsächliche Lohnniveau höher, so ist das schlecht für den Standort, liegt es unter dem „Gleichgewichtslohn“, so ist das gut – aber nur bis zu einem gewissen Punkt, da das zu Ungleichgewichten in der Eurozone führt.

Das Lohnniveau zu senken, wie es Arbeitgebervertreter immer wieder fordern, ist allerdings nicht die einzige Option. Collignons statistische Auswertungen belegen, dass in vielen Ländern die Wettbewerbsfähigkeit weniger vom Lohnniveau als vielmehr von der Produktivität des Kapitals abhängt, die den Gleichgewichtslohn nach oben treibt. So erklärt sich der „Absturz“ Griechenlands nach 2010 vor allem durch den Rückgang von Kaufkraft und Bruttoinlandsprodukt bei einem nur langsam zurückgehenden Kapitalbestand – die Löhne massiv zu senken, hat nach Ansicht des Ökonomen mehr geschadet als genutzt.

Europäische Visionen

Doch auch die anwesenden Gewerkschafter konnten nicht triumphieren. Zwar gab Collignon keine klare Antwort auf die Frage eines Arbeitgebervertreters, ob man in Luxemburg – wo das Lohnniveau weit unter dem Gleichgewichtslohn liegt – Lohnerhöhungen sektorenübergreifend oder eher prioritär in profitablen Bereichen wie dem Finanzwesen anstreben sollte. Aber als er dann erklärte, Outsourcing von unqualifizierten Jobs in Niedriglohnländer sei eine gute Sache, weil es die Produktivität und damit den Gleichgewichtslohn nach oben treibe, mussten die Arbeitnehmervertreter doch schlucken.

Neben diesen kleinen Lektionen für ein kleines Land war Collignons Vortrag vor allem aufgrund seiner Herangehensweise im Großen interessant. So argumentierte er, dass es seit der Einführung des Euros verfehlt sei, nach klassischer volkswirtschaftlicher Methode nationale Bilanzen der Mitgliedstaaten zu erstellen. Stattdessen müsse man den gesamten Wirtschaftsraum wie ein einziges Land betrachten, in dem ein regional und sektoriell ausgeglichenes Wirtschaftswachstum angestrebt wird. Der Juncker-Plan sei der gescheiterte Versuch dessen, was eine richtige europäische Wirtschaftsregierung unternehmen könnte: Zum Beispiel massiv in Griechenland investieren, um die Wettbewerbsfähigkeit wiederherzustellen und damit zugleich die finanzielle Stabilität der Eurozone zu sichern.

Ganz klar, Collignon ist ein Visionär – auch wenn zwei Drittel seiner Vortrags-Slides aus Tabellen, Grafiken und kryptischen Formeln bestanden. Das zeigte sich auch bei der Frage eines Arbeitnehmervertreters, ob das Outsourcing und die mit ihm einhergehenden Entlassungen nicht den Druck auf das Lohnniveau erhöhen würden. Gewiss, antwortete der Redner – wenn man nur Outsourcing betreibt. Es sei an der öffentlichen Hand, den Prozess des technologischen Fortschritts zu begleiten, unter anderem durch die Umschulung von Arbeitslosen. Dafür, und für höhere Löhne, sei – makroökonomisch betrachtet – das Geld ja vorhanden, dank der Produktivitätsgewinne.

Recht hat er, der europäische Ökonom. Theoretisch könnten Outsourcing und dritte industrielle Revolution zu höheren Löhnen und besseren Jobs für alle führen. In der Praxis wissen wir, dass derzeit in den alten Industrieländern das Gegenteil passiert. Im Musterland Luxemburg scheitern seit Jahrzehnten alle Versuche, das Bildungssystem zu modernisieren – die Unternehmen greifen auf qualifizierte ausländische Arbeitskräfte zurück, für unqualifizierte luxemburgische Arbeitslose werden die Chancen auf Integration immer schlechter.

Ob Karl Marx als Ökonom überholt ist, sei dahingestellt. Stefan Collignons Win-win-Modell mit höherem Gleichgewichtslohn bei konstanter Kapitalrendite steht Thomas Pikettys Analyse der fatalen Tendenz zur Vermögenskonzentration gegenüber. Als politischer Philosoph scheint Marx jedenfalls recht zu behalten: Unser sozioökonomisches System schafft es nicht mehr, die technologischen Veränderungen auf sozialverträgliche Art zu „begleiten“. Für Marxisten: Die Evolution der Produktionsverhältnisse hinkt der Revolution der Produktionsmittel hinterher. Steht also ein Systemwechsel an? Früher oder später bestimmt. Genau deshalb braucht man Denker wie Collignon – der zwar Sozialdemokrat ist, aber doch auch ein Visionär.

www.stefancollignon.de

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