Männer: Der rosa Elefant im Raum

Solange gendersensible Jungen- und Männerarbeit hierzulande nicht stärker priorisiert wird, lassen sich die bestehenden Probleme in puncto Gleichstellung kaum lösen.

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„La lutte contre la violence à l’égard des femmes et la violence domestique – une priorité du gouvernement luxembourgeois et un défi que nous relevons tous les jours“. So war eine Mitteilung betitelt, die am Montag an die luxemburgische Presse ging. Hinter dem Kommuniqué steckten das Gleichstellungsministerium (Mega), das Justizministerium und das Außenministerium. Sie informierten darüber, an der offiziellen Eröffnungsversammlung der Evaluationsvisite des „Groupe d’experts sur la lutte contre la violence à l’égard des femmes et la violence domestique du Conseil de l’Europe“ teilgenommen zu haben. Abschließend wurde betont, dass Luxemburg großen Wert auf die Betreuung von Opfern und Tätern häuslicher Gewalt lege. Über Präventionsarbeit stand nichts in der Mitteilung.

Der Eindruck, dass diese in der Gleichstellungspolitik nicht nur eine untergeordnete Rolle spielt, sondern das bestehende Angebot auch nicht weit genug geht, hat sich in den vergangenen Jahren verhärtet. Mitteilungen wie die genannte, sind nur eins von vielen Beispielen dafür.

Dass gendersensible Jungen- und Männerarbeit hierzulande nicht ernst genug genommen wird, merkt man an dem nach wie vor omnipräsenten Alltagssexismus. Tatsächlich sind sowohl Alltagssexismus als auch Gewalt gegen Frauen Ausprägungen einer misogynen Haltung: Ihr liegt die Überzeugung zugrunde, dass Männer gegenüber Frauen eine überlegene Position einnehmen. Würden aktuelle Bestrebungen greifen, dann gäbe es nicht nur keine Gewalt gegen Frauen, sondern auch keinen Alltagssexismus mehr. Wer nämlich verinnerlicht hat, die eigenen Privilegien zu hinterfragen und Frauen auf Augenhöhe zu begegnen, der wird wahrscheinlich nicht nur respektvoll mit diesen reden: Er wird sie auch nicht schlagen, nur um im Streit die Oberhand zu behalten.

Mit seinen Kampagnen richtet sich das Mega nur sehr selten explizit an Jungen und Männer. Falls doch, dann etwa, um darauf aufmerksam zu machen, dass auch sie einem Pflege- oder Bildungsberuf nachgehen können und rosa mögen dürfen. Nach einer Kampagne zu Alltagssexismus sucht man vergebens.

Mit seinen Kampagnen richtet sich das Mega nur sehr selten explizit an Jungen und Männer.

Diese mangelnde Priorisierung wurde kürzlich auch bei einem Rundtischgespräch über Frauen und Politik deutlich. Auf Einladung der Chambre des salariés (CSL), E22 und dem Musée vun der Aarbecht diskutierten Mega-Ministerin Taina Bofferding, CSL-Präsidentin Nora Back, Historikerin Renée Wagener und Djuna Bernard, Präsidentin der grünen Fraktion, über die metaphorische Glasdecke, an der sich Frauen, die in die Politik gehen wollen, nach wie vor stoßen. Die anwesenden Politikerinnen sprachen über die Herausforderung, sich in einem Raum voller Männer Gehör zu verschaffen. „Einfach machen“, so Bernards Ratschlag an die weiblichen Zuhörerinnen. Man solle sich von unterbrechenden, monologisierenden Männern nicht von seiner politischen Ambition abbringen lassen. Was im Laufe des Abends mit keinem Wort erwähnt wurde, waren Workshops, die Politiker absolvieren müssten, damit sie gar nicht erst auf die Idee kommen, Frauen zu unterbrechen, um ihnen Dinge zu erklären, die diese schon längst wissen.

Von der woxx nach seiner Strategie in puncto Jungen- und Männerarbeit befragt, antwortet das Mega, dass diese ihm durchaus wichtig sei. Allerdings fließen nur sechs Prozent des Budgets, das dem Mega für Konventionen zur Verfügung steht, in diesen Bereich, und diese Subventionierung kommt einzig InfoMann zu. Darüber hinaus seien keine entsprechenden Anfragen an das Mega herangetragen worden. „Wichteg ass awer, datt esou eng Demande fir méi Jongen- an Männeraarbecht och aus der Zivilgesellschaft kennt an och vun hir gedroen (gëtt).“ Das Mega weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass es in Luxemburg keine „Männerbewegung“ gebe.

Hier wird eine eindeutige Kluft erkennbar. Auf der einen Seite ist klar, dass Aufrufe, über seine Probleme zu reden und einen Pflegeberuf zu ergreifen, nicht reichen, um eine wahrlich geschlechtergerechte Gesellschaft zu erreichen. Auf der anderen Seite steht die Behauptung, aus der Zivilgesellschaft sei keine Nachfrage da.

Diese Beurteilung des Mega erstaunt umso mehr, wenn man sich die Entstehungsgeschichte von InfoMann vor Augen hält. Im Auftrag des Mega war 2011 eine Bestandsaufnahme zum Thema Jungen- und Männerarbeit ausgearbeitet worden. An dem Bericht wurde deutlich, dass es an einer spezifisch auf diesen Bereich ausgerichteten Organisation fehlte. InfoMann wurde gegründet.

Auf Nachfrage der woxx erklärte das Mega, dass keine weitere Bestandsaufnahme geplant sei. Das Dokument, das zwar immer noch online einsehbar ist, mittlerweile jedoch völlig veraltete Informationen enthält, erhält also keine Neuauflage. Somit liegt die gesamte Verantwortung für Jungen- und Männerarbeit bei InfoMann. Die von InfoMann geleisteten Weiterbildungen können ein spezifisches Seminar in der Grundausbildung für Erzieher*innen und Lehrkräfte nicht ersetzen.

Die Frage der woxx, ob das Mega in Zukunft mehr Präventionsarbeit plane, um Gewalt gegen Frauen zu bekämpfen, blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet. Immerhin räumte das Ministerium ein, dass in puncto Jungen- und Männerarbeit mehr Weiterbildungen und Know-how nötig seien. Wann mit diesen zu rechnen ist, geht aus der E-Mail aber nicht hervor. Vorerst bleibt die Frage, wieso bei Gleichstellungsbemühungen so wenig mit und über Männer gesprochen wird, der rosa Elefant im Raum.


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