Medienpolitik: De Vlaamse Wort

Das Bistum kappt die Seile seines einst wirtschaftlich und gesellschaftspolitisch wichtigsten Schlachtschiffs. Und zieht damit einen Schlussstrich unter eine mehr als 170-jährige Geschichte.

Foto: Saint-Paul

Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe: Das Luxemburger Bistum verkauft das Verlags- und Druckereiunternehmen Saint-Paul an Mediahuis, einen vor allem in Flandern und den Niederlanden aktiven Konzern.

Auf den ersten Blick werden so zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Das Bistum kann eine nicht genannte Menge Geld für das angeschlagene Unternehmen „Katholische Kirche in Luxemburg“ bereithalten und das seit Beginn des Millenniums arg ins Taumeln geratene Medienbetrieb Saint-Paul stellt sich, mit einem starken Partner im Rücken, neuen Herausforderungen.

Noch vor einem Vierteljahrhundert in Luxemburg mit so etwas wie einer Monopolstellung versehen, war sich Saint-Paul seit Längerem bewusst, im internationalen Vergleich ein Zwerg zu sein. Nach einer harten Gesundschrumpfungsprozedur – die Belegschaft wurde von über 1.000 Leuten innerhalb von knapp zwei Jahrzehnten auf etwa 350 reduziert – ist die Saint-Paul Luxembourg S.A. seit einigen Jahren wieder profitabel. Dennoch spricht Direktor Paul Peckels von einer Art Dauerkrise, die nach weiteren Änderungen und Investitionen ruft, um das nicht mehr zeitgemäße Geschäftsmodell umzukrempeln.

Zwar hat Saint-Paul schon früh auf digitale Neuerungen gesetzt und dabei auch andere Medienformen getestet. Doch nicht, ohne sich dabei eine blutige Nase zu holen. Gab es da nicht einmal ein Radio oder gar den Versuch, dem Dauerkonkurrenten RTL auch per Fernsehprogramm ans Bein zu pinkeln?

Die Stimmung unter den Mitar-beiter*innen – darunter auch rund 100 Journalist*innen – war in den letzten Jahren von Höhen und Tiefen geprägt: Eine neue ligne éditoriale wurde 2013 vom Chefredakteur Jean-Lou Siweck ausgearbeitet. So gab es eine mediale Öffnung just zum Ende der Ära Juncker, der alsbald eine institutionelle Trennung von (katholischer) Kirche und Staat folgte. Das Wohlbefinden dauerte allerdings nicht lange an. Es folgte Luc Frieden als Verwaltungsratsvorsitzender, der Chefredakteur zog von dannen. Friedens Rolle scheint allerdings rückblickend weniger die Disziplinierung der redaktionellen Linie des Wort gewesen zu sein, als das Vorantreiben der internationalen Integration von Saint-Paul.

Dass die Wahl auf Mediahuis fiel, erklärt Peckels vor allem mit der Kompetenz des Konzerns in Sachen Digitalisierung. Synergien im journalistischen Bereich sind hingegen schon aufgrund der Sprachenkonstellation eingeschränkt. Allerdings öffnet Saint-Paul dem Konzern das Tor zur deutschen, französischen und sogar portugiesischen Medienwelt zugleich.

Foto: Mediahuis

Das Bistum profitiert über den Kaufpreis hinaus und kassiert nicht nur die Dividenden, die es als eher bescheidener Mit-Aktionär erhalten wird. Lafayette, der Eigentumsverwalter des Bistums, bleibt auch Inhaber von Teilen der von Saint-Paul genutzten Liegenschaften und kann so regelmäßige Mieteinnahmen verbuchen.

Niemand weiß genau, wie kapitalistisch ausgerichtete Medienbetriebe in zehn Jahren aussehen werden.

Der Deal dürfte allerdings nicht ohne Folgen für Luxemburgs Medienlandschaft bleiben. Die modernisierungsbedürftige Saint-Paul-Druckerei wird wohl mittelfristig verschwinden und einem Synergievorhaben des Konzerns jenseits der Landesgrenze den Vortritt lassen müssen.

Dafür wird die Herausgabe der größten Zeitung Luxemburgs, mit Blick auf eine aufwendige, aber dafür kostengünstige Digitalisierung durch Rückgriff auf Kernkompetenzen des Konzerns, stabilisiert. Allerdings weiß niemand genau, wie kapitalistisch ausgerichtete Medienbetriebe in zehn Jahren aussehen werden.

Und die spezifischen Probleme des hiesigen Marktes hinsichtlich der Finanzierung journalistischer Arbeit lernt Mediahuis erst noch kennen. Sollten sich auch international, wie zu erwarten, die Konditionen weiter verschärfen, könnte die Lust am Herumexperimentieren und Dauerbezuschussen in Luxemburg schnell vergehen. Die Entscheidungen, die sich daraus ergeben, werden dann allerdings nicht mehr im Ländchen gefällt.


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