Neuer Stadtteil „Faïencerie“: Graue Kisten mit etwas Grün

Ein neues Stadtviertel auf einer Industriebrache bedeutet eine weitere Chance, ein Urbanismusprojekt in den Sand zu setzen. Die Stadt Luxemburg hat sie ergriffen.

Schloss Siebenbrunnen wird am Rand des neuen Stadtteils stehen – und Sitz einer Privatuniversität sein. (Foto: CC-BY-SA wikimedia/Les Meloures)

„Reis mit Scheiß“ – so heißt das Standardgericht vieler „Volxküchen“, die aus dem Müll gerettete Lebensmittel verkochen. Gemeint ist damit eine undefinierte Gemüsepampe, zu der Reis gereicht wird. Das macht zwar satt, ist kulinarisch aber eher unbefriedigend. Wer sich Bebauungspläne in Luxemburg ansieht, kommt um das Gefühl nicht herum, die Urbanist*innen würden mit einem ähnlich kreativen Ansatz an die Stadtplanung herangehen: Stets werden graue Kisten mit etwas Grün serviert. So sehen auch die Bilder aus, anhand derer man sich das zukünftige Viertel „Faïencerie“ im Rollingergrund vorstellen soll. Neben der rein visuellen Kritik gibt es aber auch substanzielleren Ärger gegen das Projekt.

Der geläufigere Name für das Projekt ist „Villeroy & Boch“, denn der neue Stadtteil entsteht dort, wo bis 2010 Porzellan der gleichnamigen Marke hergestellt wurde. Seit 1767 gab es die Faïencerie Siebenbrunnen, 1783 begannen die Gebrüder Boch mit dem Bau ihres Schlosses. Das wird in Zukunft der Campus der „Luxembourg School of Business“ darstellen. Die Privatuniversität mit dem ehemaligen Wirtschaftsminister Etienne Schneider im Aufsichtsrat hat einen Fokus auf den „Weekend MBA“ – Weiterbildungsmöglichkeiten für Führungskräfte in der Wirtschaft, die mit wenig Zeitaufwand einen Master machen wollen.

Neben sicherlich hochwertiger Bildung soll künftig auf den 8,5 Hektar im Rollingergrund aber vor allem Wohnraum angeboten werden. Daneben die in Luxemburg wohl nie ausreichenden Büros und einige Verkaufsflächen. 809 Wohnungen sollen entstehen, davon jedoch lediglich zehn Prozent zu erschwinglichen Preisen. Das ist einer der vielen Punkte, die die Umweltschutzorganisation Mouvement écologique moniert. Obwohl im neuen Wohnbaugesetz 15 Prozent erschwinglicher Wohnraum gefordert würden, habe sich die Stadt Luxemburg noch daran „vorbeigedrückt“: „Gerade die Stadt Luxemburg sowie der Staat müssten doch angesichts der Wohnungsnot – insbesondere immer dann wenn sie Mitbesitzer eines Areales sind – Vorreiter sein und die gesetzlich vorgeschriebenen Quoten sogar überschreiten!“, schreibt die NGO in ihrer Pressemitteilung zum Projekt. Sie fordert, dass die Stadt mehr Sozialwohnungen auf dem Areal schafft. Auch bemängelt der Mouvement, dass kooperative Wohnformen ohne Gewinnzweck, die nur schwer an Bauland kommen, einmal mehr außen vor gelassen wurden.

An den Fakt, dass in Luxemburg vor allem hochpreisiger Wohnraum gebaut wird, haben sich die meisten bereits gewöhnt. Auch urbanistisch wird sich in dem neuen Viertel wenig Neues finden lassen: Graue Kästen, kleinere Parkanlagen und Dachbegrünung. Auf den Renderings der Architekturfirmen wirkt die wie Rollrasen. In welcher Form sie dann tatsächlich realisiert wird, bleibt eine – vermutlich eher enttäuschende – Überraschung.

Stadtplanerisches Porzellan zerschlagen

Überhaupt gebe es im vorliegenden Entwurf zu wenig Grün, kritisiert der Mouvement écologique. Bei der Detailplanung sei man ohne Erklärung von den Vorgaben des Flächennutzungsplans („Schéma directeur“) abgewichen. Dort waren noch zusammenhängende Elemente aus Grün und Wohnblöcken vorgesehen, die sind jetzt verschwunden. „Die wenigen grünen Elemente stellen de facto eine Art ‚Restgrün‘ dar, dienen vielleicht noch als Abschirmung zur Straße, erhöhen aber nicht die Aufenthaltsqualität im Freien. Wohl kaum einer wird die Bäume zwischen Neubauten und Straße als öffentlichen Raum nutzen“, heißt es in der Stellungnahme der Umwelt-NGO. Die kritisiert außerdem, dass viele Grünflächen in privater Hand sind, und somit nicht gesichert ist, dass sie artgerecht gepflegt werden. Ein Teil des Areals gehört der Stadt Luxemburg, ein größerer Teil ist in privater Hand.

Auch was die Mobilität angeht, ist das Projekt „Faïencerie“ alles andere als ein Leuchtturmprojekt. Es wurde zwar darauf verzichtet, wie in Gasperich eine mehrspurige Schnellstraße zu planen, aber unterirdische Stellplätze für PKWs soll es dennoch geben. Es wird zwar nur wenig Verkehr innerhalb des neuen Viertels geben, aber auch niemand davon abgehalten, fröhlich weiter dem motorisierten Individualverkehr zu frönen. So sind drei unterirdische Zugänge für PKWs vorgesehen, aber lediglich zwei Wege für Fußgänger*innen, die beide am östlichen Teil des Viertels liegen.

Rosmarie Voegtli/CC BY 2.0

Der Méco kritisiert außerdem, dass die stark befahrene „Rue de Rollingergrund“ in ihrer aktuellen Form bestehen bleiben und keine Verkehrsberuhigung erfahren soll. In dem neuen Stadtteil fehlen der NGO öffentliche Fahrradabstellplätze und attraktive Fahrradwege, außerdem seien die Fußwege „ausbaufähig“. Damit ist gemeint, dass gemischte Fuß- und Radwege geplant werden – etwas, was laut den Radverkehrsleitlinien des Mobilitätsministeriums lediglich bei Platzmangel oder „bei untergeordneten Radverkehrsverbindungen mit wenig Rad- und Fußverkehr eingesetzt“ werden sollte. Die wenigen vorgesehenen Radabstellplätze für die Wohngebäude hält der Méco für absolut unzureichend. Ein Wunsch der Umweltaktivist*innen bleibt ebenfalls unerfüllt: Ein Lift, mit dem die Nutzer*innen aktiver Mobilität direkt an das Viertel Limpertsberg angebunden wären.

Insgesamt findet die NGO, man hätte sich an dem Konzept der „Eco-Quartiers“ orientieren sollen. Schloss Siebenbrunnen würde zumindest optisch durchaus in das „Französische Viertel“ im süddeutschen Tübingen passen, das oft als Vorzeigeprojekt für solche Ökoviertel hergenommen wird. Über die verwendeten Baumaterialien und die energetischen Werte der geplanten Wohneinheiten schweigt sich die Präsentation der Stadt Luxemburg aus.

Der Elefant unter der Porzellanfabrik

Der Méco kritisiert aber auch die Formalien: Es habe nicht genügend Bürger*innenbeteiligung und nur unzureichende Unterlagen zu dem Projekt gegeben. „Dies ist nach unserer Ansicht bei einem Projekt von diesem Ausmaß nicht mehr zeitgemäß! Eine Informationsveranstaltung kann kein Ersatz für eine reelle Bürgerbeteiligung darstellen“, schreibt die Umwelt-NGO, die sich für eine Überarbeitung des Bebauungsplans nach einer Bürger*innenbeteiligung ausspricht.

Mangelnder Mut bei der Planung hat ganz sicher auch etwas mit den Besitzverhältnissen zu tun. Ein Großteil des Areals ist in privater Hand – und es ist anzunehmen, dass die wirtschaftlichen Interessen die ökologischen und urbanistischen Überlegungen überwiegen. Die 3,17 Hektar, die der Stadt Luxemburg gehören, wurden 2016 für rund 14 Millionen Euro von der Familie Boch gekauft. Im Luxemburger Gemeinderat hatten Déi Lénk damals kritisiert, dass die Stadt damit für die Bereinigung der Bodenverschmutzung zahle.

Die Aufarbeitung der Altlasten der Porzellanfabrik seien ohnehin nur teilweise gewährleistet, denn die vorgegebene untere Entsorgungsgrenze sei der Boden der „Blaue Box“-Industriehalle. „Der meterhohe Dreck, der da drunter liegt und verhindert, dass man den Millebaach überhaupt noch sieht, wird nicht angetastet!“, so der linke Gemeinderat Guy Foetz damals. Da auf dem Areal der Stadt die große Produktionshalle, die intern „Blaue Box“ genannt wurde, stand, musste die Gemeinde auf eigene Kosten für deren Entsorgung aufkommen. Für ein besseres Konzept fehlte wohl weniger das Geld, als vielmehr der politische Wille und Mut.

Eine angefragte Stellungnahme von Luxemburg-Stadt ist vor Redaktionsschluss nicht eingetroffen.

„Der vorliegende Entwurf entspricht in vielerlei Hinsicht nicht den Ansprüchen einer zeitgerechten Stadtentwicklung. Zudem wird das ‚schéma directeur‘ ohne ausreichende Begründung in Frage gestellt, dies im Widerspruch zu den juristischen Vorgaben.“
(Aus dem Einspruch des Mouvement Écologique zum PAP „Villeroy-Boch“)


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