Politik: Die neuen Konservativen

Woher kommt der Hass der Christlich-Konservativen gegen die Grünen? Bei genauer Betrachtung ist mehr Existenzkampf zu erkennen als ideologische Auseinandersetzung.

Wikimedia_Stefan Kaminski

Man muss Annalena Baerbock nicht mögen, die grüne Kanzlerkandidatin ist oft zu flach, zu fade und kommt allgemein als die Sorte Mutter rüber, mit der man vor dem gemeinsamen Kindergarten am besten nicht ins Gespräch kommen will, weil sie eh besser weiß, wie Kinder zu erziehen sind. Aber die Hasswelle, die gerade über die Politikerin rollt, wirft trotzdem Fragen auf – auch weil sich inzwischen luxemburgische Konservative auf Twitter, um Laurent Mosar nicht zu nennen, daran beteiligen. Vor allem verwundert das Ungleichgewicht der Vorwürfe, die gegen Baerbock erhoben aber nicht gegen den CDU-Mann Armin Laschet aus der Schublade genommen werden. Letzterer hat seinen Lebenslauf auch frisiert, einen fragwürdigen Maskendeal an der Backe und schweigt beharrlich zu den rechtsextremen Äußerungen seines thüringischen Kollegen und Ex-Verfassungsschutzpräsidenten Maaßen. Von seiner kohlefreundlichen „Umweltpolitik“ ganz zu schweigen.

Politik in Wahlkampfzeiten ist alles andere als ein Ponyhof, trotzdem drängt sich die Frage auf, warum die Konservativen, auch in Luxemburg, sich so auf die grünen Parteien einschießen – man erinnere sich an die Dieschbourg- und Traversini-Affären als die CSV auf Rachefeldzug für die 2013 verlorene Ehre war.

In Zeiten, in denen der politische Diskurs schon seit Jahren verwässert ist und die großen Parteien sich in der Mitte drängeln, reichen oft Kleinigkeiten, um territoriale Ängste auszulösen. Und dass von den Grünen als linke Partei nicht mehr viel übrig ist, wissen die meisten Deutschen spätestens, seit sie nach deren erster Regierungsbeteiligung Hartz IV in ihr Vokabular aufnehmen mussten. Auch die luxemburgischen Grünen rücken fast geräuschlos von ihren Vorsätzen ab, wie diese Woche im Parlament bei der Verabschiedung des Videoüberwachungsgesetzes zu beobachten war. Und wenn ein Grüner bewiesen hat, dass die Partei genauso spießig und wirtschaftsfreundlich wie die CDU sein kann, ist es der baden-württembergische Landesvater Kretschmann.

Foto: NDK-Grüne

Die konservativen Parteien haben erkannt, dass es den Grünen mehr um Macht als um Ideologie geht, genau wie ihnen.

Die Grünen dringen auf konservatives Territorium vor und buhlen um deren Wählerschaft, auch weil sie in linken Kreisen an Glaubwürdigkeit verloren haben. Indem sie dies tun, beweisen sie nicht nur ihre ideologische Flexibilität, sondern auch dass sie eine historische und soziologische Realität verstanden und absorbiert haben: Es gibt mittelständische Wählerstämme, die aus konservativen Verhältnissen stammen, sich trotzdem nicht mehr in der rechten Politik wiederfinden, aber auch nicht nach links abdriften wollen. Denen bieten die Grünen ein ideales Zuhause: Nicht mehr so zwanghaft nach christlichen Werten orientiert, jedoch durchaus offen für ein spirituelles Heimat- und Naturgefühl. Aber auch abgesondert von den Niederungen linker Politik, die sich beständig in einem paradoxalen Konflikt zwischen anti-kapitalistischen oder kapitalismuskritischen Forderungen und marktdominierter Realpolitik befindet. Diesen Widerspruch wollen die Grünen mit ihrer klimafreundlichen Wachstumspolitik aufgelöst haben – egal ob dies nun machbar ist, oder doch nur indus- triefreundliches Greenwashing –, jedenfalls kommt es wie eine Epiphanie daher.

Denn es geht den grünen Parteien in Deutschland wie in Luxemburg mehr um die Macht an sich als darum, eigene Ziele durchzusetzen. In dem Sinne kommen sie den konservativen Über-Parteien gefährlich nahe, was letztere ja auch erkannt haben. Und gerade weil sie sich so ähnlich geworden sind, lösen die Grünen bei den Konservativen vielleicht sogar unbewusste Abwehrreflexe aus.


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