Genderbinarität im Sport: Fair für wen?

Bei den diesjährigen Olympischen Spielen wird erstmals eine offen lebende trans Frau antreten. Angesichts der anhaltenden Diskriminierung, die trans und intergeschlechtliche Elitesportler*innen erfahren, nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Caster Semenya darf zwar 
noch gegen Frauen antreten, 
aber nicht mehr in 400m-, 
800m-, und 1500m-Rennen – 
ihren Spezialgebieten. (Mara Xingjin/Wikimedia Commons)

Sadie Lipton, eine professionelle Schwimmerin befindet sich vor Gericht. Der Grund: Weil ihr bei der Geburt das männliche Geschlecht zugeordnet wurde, wird ihr abgesprochen, gegen Frauen antreten zu dürfen. Auch wenn ihre Testosteronwerte seit über einem Jahr ausreichend niedrig seien, um gegen Frauen antreten zu dürfen, so das Argument, so habe sie doch die „männliche Pubertät“ durchlaufen. Das bedeute: längere Gliedmaßen, größeres Herz, sowie ein besseres Muskelgedächtnis als die durchschnittliche cis Frau. Lipton aber sagt dazu: „Every athlete has unusual features. No one says it’s unfair that Simone Biles is 4-foot-8 even though that’s part of what makes her an incredible gymnast. It’s only when someone is trans that people start calling certain characteristics unfair.“ Am Ende gibt der Richter ihr Recht. Im Sport gelten Hormone als einziges Kriterium für die Zuordnung zu einer bestimmten Geschlechtskategorie und Lipton erfüllt die entsprechenden Voraussetzungen.

Die beschriebene Handlung entstammt einer Folge der US-amerikanischen Serie „The Good Fight“. Wer sie sich anschaut, erhält einen Crashkurs über eine real existierende Debatte: Ist es unfair, wenn eine trans Athletin gegen cis Frauen antritt oder ein trans Athlet gegen cis Männer? In der Serie ist Sadie Lipton die erste trans Frau, die jemals zu den Olympischen Spielen zugelassen wird. Was die Macher*innen noch nicht wussten, als diese Folge am 21. Mai 2020 erschien: In zwei Wochen wird Laurel Hubbard als erste transgeschlechtliche Olympia-Sportlerin in die Geschichte eingehen. Sie tritt in Tokyo für Neuseeland im Gewichtheben an.

Wechselnde Kriterien

Hubbard wurde zugelassen, weil sie zwölf Monate lang den von der International Weightlifting Federation und dem Internationalen Olympischen Komitee festgelegten Maximalwert an Testosteron nicht überschritten hat. Dieser war im Jahr 2011 auf 10 Nanomol pro Liter Blut festgelegt worden. Wer unter diesem Wert liegt, muss bei den Frauen antreten, wer drüber liegt, bei den Männern. Zwischen 1967 und 2011 galt ein anderes Kriterium, um diese Unterscheidung vorzunehmen: Wer XX-Chromosomen aufwies, wurde als Frau, wer XY-Chromosomen hatte, als Mann eingestuft.

Diese Regelung betrifft nicht nur trans, sondern auch intergeschlechtliche Athlet*innen. World Athletics (bis 2019 noch International Association of Athletics Federations, kurz IAAF, genannt) zufolge haben sieben von tausend Leichtathlet*innen hohe Testosteronwerte. Im Jahr 2019 wurde der südafrikanischen, zweifachen Olympiasiegerin Caster Semenya untersagt, gegen Frauen anzutreten. Der Grund: Ihre Testosteronwerte liegen über der im Jahr 2018 für Mittelstreckenläufer*innen festgelegten Maximalgrenze von 5 Nanomol pro Liter. Am vergangenen Freitag gab die Namibia National Olympic Committee and Commonwealth Games Association (NNOC-CGA) bekannt, dass die Sprinterinnen Christine Mboma und Beatrice Masilingi ebenfalls zu hohe Testosteronwerte haben, um bei den Olympischen Spielen in Tokyo gegen Frauen antreten zu dürfen.

Sowohl Semenya als auch Mboma und Masilingi dürfen zwar theoretisch antreten, allerdings nur unter der Voraussetzung, dass sie mittels Medikamenten ihre Testosteronwerte über eine Dauer von zwölf Monaten unter 5 Nanomol pro Liter halten.

2019 war Semenya juristisch gegen das Urteil vorgegangen. Der Sportgerichtshof bezeichnete die erforderte Senkung der Testosteronwerte zwar als „diskriminierend“, befand jedoch, dass eine solche Diskriminierung „notwendig, vernünftig und angemessen“ sei, um die Integrität weiblicher Athleten zu gewährleisten. Im Februar hat Semenya beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte Klage gegen die Testosteronregel von World Athletics eingereicht. Der Prozess steht noch aus.

Vergleichbare Körper

Letzten Endes geht es um Fairness und Vergleichbarkeit. Dabei gilt im Sport die Haltung, diese entlang der Geschlechterbinarität festlegen zu können. Die Suche nach objektiven, wissenschaftlich haltbaren Einordnungskriterien gestaltet sich indes schwierig.

Während bei World Athletics mittlerweile Konsens darüber herrscht, dass weder Genitalien noch Chromosomen die sportliche Leistung beeinflussen, werden hohe Testosteronwerte von der Föderation nach wie vor als unfairer Vorteil in Frauenkompetitionen angesehen. Damit beziehen sie sich auf eine im British Journal of Sports Medicine (BJSM) publizierte Studie von 2017, der zufolge Frauen mit hohen natürlichen Testos-
teronwerten in einigen Disziplinen einen Wettbewerbsvorteil von bis zu 4,5 Prozent haben. Die Studie gilt allerdings als umstritten, weil sie von der World Athletics selbst in Auftrag gegeben wurde, nachdem in einem vorangegangenen Gerichtsprozess auf die mangelhafte wissenschaftliche Basis für den Richtwert hingewiesen worden war. Damals, 2014, verlor der Verband gegen die indische Sprinterin Dutee Chand, die in der Folge trotz hoher Testosteronwerte wieder gegen Frauen antreten durfte. World Athletics gab die erforderliche Studie jedoch nicht nur in Auftrag: 2018 wurde ihre Validität von mehreren Forscher*innen in Frage gestellt. So hatten sich manche der herangezogenen Wettbewerbszeiten als falsch oder gänzlich erfunden herausgestellt. Die Forscher*innen hatten zudem Athlet*innen einbezogen, die wegen Dopings nachträglich disqualifiziert worden waren. In Reaktion auf die Kritik wurde eine überarbeitete Version der Studie im BJSM veröffentlicht, doch auch diese enthielt fehlerhafte Daten. Bis heute ist diese Studie die einzige, die auf eine Korrelation zwischen Testosteron und sportlicher Leistung hindeutet. Die Frage, wie sich eine männliche Pubertät auswirkt, wurde bisher noch nicht eingehend untersucht.

Was jedoch aus einer Reihe von Studien hervorgeht, ist die Korrelation zwischen sportlicher Leistung und Körpermerkmalen wie etwa Größe und Lungenkapazität. Es ist keine Seltenheit, dass Elitesportler*innen über untypische körperliche Merkmale verfügen. Der mehrfache Olympiasieger Michael Phelps ist nicht nur überdurchschnittlich groß: Seine großen Hände und Füße, die langen Arme, der lange Oberkörper gepaart mit verhältnismäßig kurzen Beinen verschaffen ihm beim Schwimmen einen eindeutigen körperlichen Vorteil. Ist es fair, wenn Phelps gegen einen 1,80 Meter großen Mann mit kleinen Händen antritt?

Marco Verch/Flickr CC BY 2.0

Auch Olympiasiegerin Simone Biles verfügt mit ihren 1,47 Metern über eine fürs Turnen optimale Statur. Erst kürzlich gelang ihr mit dem Yurchenko double pike ein Sprung, den davor noch nie eine Turnerin bei einem Wettbewerb gewagt hatte. Gerade dieses Beispiel macht aber deutlich, dass herausragende Leistungen nicht dann erst hinterfragt werden, wenn es sich um trans Athlet*innen handelt, wie Sadie Lipton in obigem Zitat behauptet hatte. Anders als man erwarten könnte, erhält Biles für ihre besonders schwierigen Sprünge keine höhere Benotung. Im Turnsport zählen nämlich nicht nur Schwierigkeitsgrad und Umsetzung: Wird ein Sprung von der Jury als besonders gefährlich eingeschätzt, gibt es dafür Minuspunkte. So soll kein Anreiz geschafften werden, mit halsbrecherischen Sprüngen um Punkte zu buhlen. Für Biles jedoch wirkt sich dies zum Nachteil aus: Die unverhältnismäßig niedrigen Punkte verschleiern, wie groß ihr Vorsprung auf Konkurrentinnen tatsächlich ist. Worin Lipton Recht hat, ist, dass im Profisport mit zweierlei Maß gemessen wird.

Selbst die Testosteronregel betrifft Frauen und Männer unterschiedlich: Immerhin dürfen auch Männer mit überdurchschnittlich hohen Testosteronwerten gegen andere Männer antreten.

Menschenrechtsverletzungen

Die Richtlinien und Vorgehensweisen von World Athletics sorgen längst nicht nur im Elitesport für Empörung. Im Juni 2020 wurden sie vom UN-Hochkommissar für Menschenrechte wegen ihrer diskriminierenden Natur schwer kritisiert. Ende desselben Jahres veröffentlichten die Menschenrechtsexpert*innen von Human Rights Watch einen 128-seitigen Bericht, der dokumentiert, welche Folgen die Testosteronregel des Leichtathletik-Weltverbandes für betroffene Athletinnen hat. Dafür wurden unter anderem 13 betroffene Frauen interviewt, die von entwürdigenden Untersuchungen und öffentlicher Demütigung berichten. Ziel des Berichts war es, World Athletics zur Aufhebung der Testosteronregel zu bewegen. Bisher ohne Erfolg.

Dass Laurel Hubbard in zwei Wochen ums olympische Gold kämpfen darf, ist angesichts dessen nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Vor allem deshalb, weil das Thema nach wie vor stark polarisiert. Die Bekanntmachung von Hubbards Zulassung stieß in den Medien sowie der breiten Bevölkerung nicht nur auf Zustimmung. Eine Petition, die ihre Disqualifizierung fordert, erhielt bisher mehr als 21.000 Unterschriften. Unabhängig davon ist zurzeit unklar, wie es nach den Olympischen Spielen für Hubbard weitergehen wird. Das Internationale Olympische Komitee hat bereits angekündigt, die Kriterien für trans Personen überarbeiten und für jede Sportart spezifische Richtwerte ausarbeiten zu wollen.


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