Das EU-Ziel, laut dem sich alle Gewässer bis 2027 in einem guten Zustand befinden müssen, werde Luxemburg nicht einhalten können, so Umweltminister Serge Wilmes. Die Regierung stellt jedoch einige neue Maßnahmen vor, um Luxemburgs Gewässer schneller wiederherzustellen.

Renaturierungsarbeiten an der Gander. Nach den Wiederherstellungsarbeiten kümmert sich die Wasserverwaltung um den „suivi“ und hält das natürlichere Ökosystem aufrecht. (Foto: Administration de la gestion de l‘eau)
„Mondorf hat gelitten“, beginnt Gastgeber und DP-Bürgermeister Steve Reckel an diesem Mittwochnachmittag seine Rede. Auch wenn es momentan in Luxemburg seit Wochen nicht mehr geregnet hat: Durch die Klimakrise wird das Land noch öfter von häufiger und heftiger auftretenden Überschwemmungen betroffen sein. Die südliche Gemeinde Mondorf entlang der Gander kenne dies, so Reckel. Immer wieder sorgen die Fluten für Zerstörung. In den letzten zwei Jahrzehnten hat die Gemeinde deshalb die Renaturierung des kleinen Flusses vorangetrieben. 650 Meter sind bislang wiederhergestellt worden. Dort fließt die Gander einen natürlicheren Lauf. Wenig überraschend fällt demnach auf das Dorf die Ortswahl der Regierung, um die Ergebnisse des zweiten „Renatuéierungsdësch“ an diesem 21. Juli im dortigen Kulturhaus vorzustellen.
Für Umweltminister Serge Wilmes und Innenminister Léon Gloden (beide CSV) ist die Wiederherstellung von Flüssen und Bächen – wie eben die Gander oder im hauptstädtischen Petrusstal – eine Kernmaßnahme, um die Bevölkerung „resilienter“ gegen die Folgen der Klimakrise zu machen. Fließgewässer, die nicht mehr begradigt und zu einem natürlicheren Lebensraum wiederhergestellt worden sind, halten Starkregen besser aus. Dadurch sinkt das Hochwasserrisiko. „Wenn eine Katastrophe kommt, kommt aber keine Krise“, fasst Gloden das Regierungsziel am Mittwoch bei der Präsentation zusammen. Es gehe darum, die „Natur als Verbündete“ für sich zu gewinnen, formuliert es Wilmes. Die Schaffung von Uferstreifen und die Renaturierung von Fließgewässern verbessere zudem die Wasserqualität und fördere die Artenvielfalt.
Dies hat das Großherzogtum bitter nötig: Kein einziges Gewässer befindet sich hierzulande in einem gutem Zustand. Serge Wilmes macht sich keine Hoffnungen: Das entsprechende EU-Ziel werde Luxemburg bis 2027 nicht erreichen, gesteht der Umweltminister. Die Gewässer sind keine Ausnahme, denn zwei Drittel der natürlichen Lebensräume befinden sich in einem ungünstigem oder schlechtem Erhaltungszustand. So setzt sich der Verlust der Artenvielfalt weiter fort, die Luft- und Wasserqualität nehmen ab. Als Hauptursachen für den Verlust gelten die Flächenversiegelung, die Urbanisierung und die intensive Landwirtschaft, die mit Pestizidrückständen und Stickstoffeinträgen zur Umweltverschmutzung beiträgt. Renaturierungen ermöglichen, „den Verlust der biologischen Vielfalt umzukehren und die Widerstandsfähigkeit unserer Landschaften zu stärken“ so die NGO Méco in einer schriftlichen Mitteilung vor einigen Monaten: „Diese Chance darf Luxemburg nicht durch Verzögerungen und Halbherzigkeit verspielen.“ Obschon das Land das EU-Ziel für 2027 nicht einhalten wird, gibt es ein weiteres: Bis 2030 müssen EU-weit mindestens 20 Prozent der Landes- und Meeresflächen wiederhergestellt sein, beziehungsweise die Arbeiten für eine Renaturierung angefangen haben.

Zwei Drittel aller natürlichen Lebensräume in Luxemburg befinden sich in einem schlechten oder ungünstigem Zustand. Von den Gewässern bekommen alle die Note „schlecht”. Finanzielle Subventionen und Sensibilisierungsarbeiten sollen nun neue Renaturierungsprojekte fördern. (Grafik: Umweltministerium)
Laut den Ministern gehe Mondorf mit „gutem Beispiel“ voran. An diesem Nachmittag führen Mitarbeiter*innen der Wasserverwaltung die Presse entlang der Gander und geben einen Einblick in die renaturierten Abschnitte des Baches. Das Flussbett wurde verbreitert, allerdings nicht „zu viel, damit der Wasserpegel noch hoch genug ist“, so die Expertin Martine Peters von der Wasserverwaltung. Das Wasser fließt an einigen Stellen frei, die Vegetation ist gewachsen. Mitte der 2000er-Jahre kamen die ersten Gespräche auf, um Teile der Gander zu renaturieren. Damals in Reaktion auf die Überschwemmungen der 1990er-Jahre. Seitdem haben Hochwasserereignisse noch zugenommen. „Wir wurden 2017 überrascht und hatten sehr große Schäden“, sagt der Mondorfer Bürgermeister Steve Reckel. „Dann dachten wir: nie mehr Überschwemmungen.“ Das Jahr darauf begann die Gemeinde die vierte Tranche der Renaturierungsarbeiten an der Gander, bei der das Hochwasserrisiko nicht so hoch wie bei anderen Flüssen des Landes ist, immerhin aber laut dem Géoportail noch „erheblich“. Die Gemeinde hat Pumpen angeschafft, Bewohner*innen wurden informiert. Dann kamen die jüngsten Überschwemmungen. Die Gander trat über ihre Ufer, an der Alzette oder auch der Sauer und der Our stieg das Wasser so hoch wie noch nie. „2021 war viel schlimmer, doch die Schäden geringer, denn wir waren besser vorbereitet“, so Reckel.
Die Sensibilisierung gilt für die Regierung als einer der wichtigsten Punkte mit Nachbesserungsbedarf. Nachdem sich der Renaturéirungsdësch vergangenen November zum ersten Mal traf, haben die beteiligen Akteure und Institutionen nun 51 Maßnahmen ausgearbeitet, um die Wiederherstellung von Fließgewässern anzutreiben – von den grundlegendsten, etwa eine Definition für Wasserläufe zu erstellen, bis zu den schwierigsten wie der Mobilisierung von Grundstücken. Außerdem sieht der Maßnahmenkatalog vor, die Zuständigkeiten besser zu definieren und einige Prozeduren zu vereinfachen, um administrative Fristen für Anträge zu kürzen. So soll das Wassergesetz von 2008 wie schon im Wohnsektor das Prinzip „silence vaut accord“ (Schweigen gilt als Zustimmung) beinhalten. Bis zum 1. September können NGOs, Wassergewerkschaften und weitere Akteure ihre Stellungnahmen zum neuen Maßnahmenkatalog zur Wiederherstellung der Fließgewässer einreichen.
Eine der größten Herausforderungen sei es jedoch, die Einwohner*innen und vor allem die Grundbesitzer*innen vom Sinn einer Wiederherstellung zu überzeugen, sagt die Expertin Martine Peters während des Spaziergangs entlang der Gander. Ein junges Enten-Küken flitzt im fließendem Wasser vorbei. Zudem gebe es bürokratische und juristische Barrieren. So befinden sich die Flächen, die eine Renaturierung nötig haben, oft in privatem Besitz. Die Folge: Bei der Umsetzung von Renaturierungsprojekten hapert es. „Mehr als 80 % der geplanten hydromorphologischen Maßnahmen wurden noch immer nicht umgesetzt“, bemängelt beispielsweise die NGO natur&ëmwelt in einer Stellungnahme. Ein Mentalitätswechsel sei nötig. In Mondorf sei es erst ab dem Hochwasser von 2017 „einfacher geworden“, mit Besitzer*innen über die möglichen Wiederherstellungsmaßnahmen zu reden, so Reckel. Davor sei die Gegenwehr meist zu groß gewesen, um überhaupt ein Projekt in Betracht zu ziehen, geschweige denn ein Grundstück für die Erweiterung des Baches aufzugeben.
Die NGO natur&ëmwelt schlägt unter anderem vor, systematisch eine Gemeinwohlprämie für Landwirt*innen, die Ökosysteme erhalten, einzuführen.In Mondorf zeigt sich, dass finanzielle Anreize wirken, denn die Gemeinde konnte die Besitzer*innen mit einem finanziellen Beitrag überzeugen. „Die Gemeinde bezahlt dem Besitzer hier eine Art Miete, damit wir den Fluss ausbreiten konnten“, sagt Martine Peters auf Nachfrage der woxx. Die Kosten an die Besitzer*innen summieren sich zu denen der Renaturierung: 500.000 Euro haben die Arbeiten an einem Teil der Gander gekostet, ein zweiter Teil, von 2022, kostete mehr als doppelt so viel: 1,1 Millionen Euro.
Allem voran setzt die Regierung mit den vorgeschlagenen Maßnahmen deshalb zudem auf finanzielle Anreize: „In Zukunft wird es einen Resilienzbonus geben“, erinnert so Innenminister Gloden. Der Bonus ist Teil der „Resilienzstrategie“ der Regierung (woxx 1894; „Stratégie nationale de résilience : pas de panique, le gouvernement est là !“). Er bezieht sich jedoch nicht auf Renaturierungen, sondern auf neue Bauten wie zum Beispiel Sportshallen „Wenn eine Gemeinde ein Gebäude baut, dann kann sie eine zusätzliche staatliche Subvention bekommen“, so Gloden – beispielsweise, um das neue Gebäude unter anderem mit Betten oder einer Küche auszustatten. Diese sollen dann in Krisensituationen wie im Sommer 2021 als Notaufnahme benutzt werden. Es ist zu hoffen, dass die staatlich mitfinanzierten Gebäude selbst einer Flut standhalten können. Die Möglichkeit einer Vorfinanzierung für bestimmte Renaturierungsarbeiten werde die Regierung indessen noch analysieren, so die Direktorin der Direktion der natürlichen Ressourcen, Wasser und Wälder des Umweltministeriums Nora Elvinger.
Auch wie viel überhaupt renaturiert werden muss, werde die Regierung künftig präzisieren: „Den genauen Flächenbedarf, der wiederhergestellt werden soll, müssen wir noch ermitteln“, so Elvinger, Momentan machen Luxemburgs Fließgewässer gerade mal 0,4 Prozent der Landesfläche aus, eine Fläche die bisher für Wohnbau und Viehhaltung priorisiert wird. „Eigentlich müssten zwischen zwei bis drei Prozent der Landesfläche den Flüssen zurückgegeben werden, damit sie eine guten ökologischen Zustand erlangen können“, so die NGO natur&ëmwelt in einer Stellungnahme zum bisherigen Entwurf des vierten Wasserbewirtschaftungsplans.
Neben den finanziellen Mitteln, um Privatbesitzer*innen zu entschädigen, fehlt bisher zudem ausreichendes erfahrenes Personal. Viele Gemeinden besäßen kaum die nötige technische Erfahrung, um solche Projekte zu realisieren. Auch Besitzer*innen landwirtschaftlicher Flächen bräuchten zusätzliche technische Unterstützung, gibt natur&ëmwelt an. „Bisher gibt es in Luxemburg keine Firma, die sich auf die Wiederherstellung von Ökosystemen spezialisiert hat“, sagt Martine Peters gegenüber der woxx. Die Expertin bleibt am Ufer der Gander stehen, hinter dem Gelände strecken sich Büsche und Halme in die Höhe. Für die Renaturierung des Baches habe die Wasserverwaltung mit einem Bauunternehmen zusammengearbeitet – sodass bei den ersten Arbeiten vieles neu war. „Sie sind es natürlich gewohnt, gerade Straßen zu bauen und dann kommen wir mit der Bitte an, das Gegenteil zu machen!”, lacht Peters. Der Bach schlängelt sich um den neuen, kurvigen Pfad.
Nach den Renaturierungsarbeiten müsse ein solches Projekt aufrechterhalten werden. Die Vegetation dürfe sich nicht zu viel ausbreiten. „In Mondorf kümmern wir uns um die Pflege“, erklärt Expertin Julia Lotti von der Wasserverwaltung. „Jede Änderung und Arbeit muss von der Wasservewaltung genehmigt werden.“. Deshalb sei Sensibilisierungsarbeit so wichtig: „Viele Personen wissen noch nicht, was zu einer Wiederherstellung dazugehört. Sie sehen etwa einen Stamm im Wasser liegen und denken dann, dass der Fluss schmutzig oder verlassen ist“. In Wirklichkeit tragen Stämme zur Artenvielfalt bei, weil dadurch verschiedene Strömungen im Gewässer und Schutzorte für Lebewesen wie Fische entstehen. Anderswo gebe es sogenannte Flusspartnerschaften: lokale Akteure und Organisationen, die die Bevölkerung sensibilisieren. Landesweit gebe es sechs davon, so Peters. Die Wasserverwaltung arbeite an über fünfzig Wiederherstellungsprojekten.
Und wie stellt die Verwaltung sicher, dass die Gander nach der Renaturierung vor zukünftigem Schaden geschützt wird? „Es gilt das Verschmutzungsverbot“, so Lotti. Das kann bei punktuellen Kontaminierungen greifen. Vor mobileren Verschmutzungen wie PFAS, deren Quelle schwer festzustellen ist, schützt ein Verbot wenig. Wie eine woxx-Recherche ergab, wurde in der Gander 2023 der höchste TFA-Wert des Landes gemessen. Auf Nachfrage der woxx gab Tom Schaul vom Umweltministerium an, die Regierung arbeite an ihrem Aktionsplan gegen PFAS (woxx 1878; „Ewigkeitschemikalien: Abwarten und TFA trinken“). „Die Arbeits- und Wirtschaftsministerien sind nun beide mit an Bord, die Arbeiten gehen also voran“, so Schaul. Erst nach fünf oder sechs Jahren könne bei einem Renaturierungsprojekt eine Qualitätsstudie durchgeführt werden. Dabei werden hydromorphologische, chemische und biologische Parameter analysiert, etwa zur Artenvielfalt: „Manche Arten kommen sehr schnell zurück, andere brauchen länger“, erläutert Martine Peters. Hinter ihr schwimmt an diesem Nachmittag träge ein Fischschwarm im Wasser.
Beteiligung der intensiven Landwirtschaft „maßgeblich“
Bis zum 1. September müssen die EU-Mitgliedstaaten die Entwürfe ihrer nationalen Wiederherstellungspläne an die EU-Kommission übermitteln (woxx 1887; „Wiederherstellungsplan: Ein weiterer Papiertiger?“). Den entsprechenden Text hat der Regierungsrat vergangene Woche angenommen. Laut den Umweltschutz-NGOs ist die Beteiligung der Landwirtschaft„maßgeblich“, damit die Renaturierungen gelingen: „So lange sich an der Ausrichtung der Landwirtschaftspolitik nichts ändert, können eine Reihe von Lebensräumen nicht wiederhergestellt werden“, wie etwa artenreiche Heuwiesen, schreibt der Méco in einer Stellungnahme. Laufen Pestizidruckstände in die Umwelt, sind die synthetischen Mittel für die schlechte Wasserqualität mitverantwortlich. „Kein Restaurationsziel – ob für Feuchtgebiete, Fließgewässer, Grünland oder Bestäuber – ist erreichbar, wenn auf der umgebenden und auch renaturierten Agrarfläche weiterhin intensiv sowie mit chemisch-synthetischen Pestiziden gewirtschaftet wird“, so der Méco weiter. Die neuen Maßnahmen zur Förderung von Wiederherstellungsprojekten beinhalten weder ein Verbot von Pflanzenschutzmittel in umliegenden renaturieren Lebensräumen noch neue Ansätze für die Pestizidreduktion.

