Romain Butti: „Ein Jahr in Berlin“

von | 25.02.2020

In „Ein Jahr in Berlin“ erzählt Romain Butti die Geschichte eines Biographen, der in der deutschen Hauptstadt strandet. Über „erzählend irgendwie“, unnahbare Charaktere und Homoerotik im Nebel.

Foto: Kremart Edition

„Die Frage ist dann immer die, wie viel du preisgeben möchtest. Wie viel wird in Szene gesetzt, und was bleibt so authentisch und nah dran am Erlebten wie möglich? Meine Perspektive soll beobachtend sein, erzählend irgendwie“, spricht der Hauptprotagonist in „Ein Jahr in Berlin“ zur Galeristin Ida. Dieselbe Frage scheint sich aber auch der luxemburgische Autor Romain Butti gestellt zu haben: „Erzählend irgendwie“ setzt er seinen Protagonisten in Berlin aus. Er lässt ihn die Biographie der Galeristin Ida schreiben und sich dabei in einer undurchsichtigen Affäre mit Greg sowie in Tagträumen an diesen verlieren. „Irgendwie“ erzählt der Hauptcharakter seine Geschichte, irgendwie aber auch nicht.

Hjärtat, wie Ida den Erzähler nennt, bleibt einem den ganzen Roman über fremd. Er ist schwer fassbar, was teils an der stellenweise etwas zu aufgesetzten poetischen Sprache, teils an den unerwarteten Gedankensprüngen liegen mag. Die Dialoge zwischen den wenigen Charakteren sind bedeutungsschwer, so „sauber“, dass sie selten realistisch wirken. „Wie viel wird in Szene gesetzt?“, um den Hauptprotagonisten noch ein Mal zu zitieren. Bei Butti lautet die Antwort viel und wenig zugleich. Der Autor hält sich nicht lange damit auf, die Figuren auszuarbeiten. Gleichzeitig wirkt jedoch fast alles andere, was Butti schreibt, inszeniert. Der Gedankenstrom des Hauptprotagonisten lässt den Leser*innen keinen Spielraum, anderes zu sehen als das, worauf der Autor ihre Aufmerksamkeit lenkt.

So erfährt man auch nur in Bruchstücken, was es mit der Beziehung zwischen Greg und dem Erzähler auf sich hat. Ist Greg echt? Oder ist er lediglich ein Tagtraum, eine Fantasie? Real wirkt er nur in wenigen Szenen, beispielsweise wenn Butti schreibt: „Greg schaut mich an und tritt an mich heran und drückt meine Hand, seine Eichel berührt meine, und mit seinem Bart schrubbt Greg meine Wange trocken. Greg wird mir noch so viel zeigen, und Greg lächelt, und das Licht wird blass und steingrün, und durch den sprudelnden Wasserfall gehen wir gemeinsam nach draußen.“ Die erotischen, intimen Momente zwischen den Protagonisten sind nebelhafte Momentaufnahmen. Neben Greg gibt es aber auch noch Sven – einen Mann, der dem Erzähler nahezustehen scheint. Viel mehr als dass er aus dem Norden kommt und gerne Tee trinkt, erfährt man nicht über ihn.

„Ein Jahr in Berlin“ ist kurzweilig. Die eigentliche Geschichte – die des Erzählers, der Idas Biographie schreiben soll – ist nicht sonderlich spannend. Es ist schwer, eine Bindung zu den Charakteren aufzubauen. Viele Passagen verwirren. Doch genau diese Mischung macht das Buch interessant. Eben weil man oft nicht folgen kann, sich fragt „Warum?“, sich treiben lässt, und dabei wie ein*e Flaneur*in gemeinsam mit einem Fremden durch Berlin und seine Gedankenwelt schlendert. Butti spielt dabei mit der Anonymität der Großstadt, mit dem Gefühl der Einsamkeit unter Millionen, mit der Rekonstruktion des Erlebten. Freund*innen kohärenter, leicht durchschaubarer Geschichten und subtiler Schreibstile gefällt Buttis Roman womöglich nicht. Wer sich jedoch auf ein kleines, literarisches Experiment einlassen möchte, dem könnte „Ein Jahr in Berlin“ Freude bereiten.

Ein Jahr in Berlin“ ist bei Kremart Edition erschienen.

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