Sexualerziehung
: Lernen, „Nein“ zu sagen

Zur HIV-Prävention gehört weit mehr als nur Informationen über Verhütungsmethoden zu vermitteln. In unserem vierten und letzten Interview zum Thema Sexualerziehung haben wir mit Claudia Pedroso über den ganzheitlichen Ansatz der 
HIV-Berodung gesprochen.

Die Mitarbeiterin der 
HIV-Berodung Claudia Pedroso ist graduierte Erzieherin. (© HIV-Berodung)

woxx: Im Bereich der Sexualerziehung wird immer mehr getan. Trotzdem tun sich viele immer noch sehr schwer mit der Thematik. Wie sollte darauf reagiert werden?


Claudia Pedroso: Selbst junge Eltern haben heutzutage noch sehr viele Hemmungen, mit ihren Kindern über Sexualität zu sprechen. Es darf deshalb nicht erwartet werden, dass Eltern sich darum kümmern. Aus diesem Bedarf heraus wurde der nationale Plan „Promotion de la santé affective et sexuelle“ ins Leben gerufen, der Sexualerziehung für jede Institution vorschreibt und Methoden dafür festlegt. Nun müsste Sexualerziehung nur noch früher ansetzen. Wenn ich offen über Sexualität sprechen kann und auch darüber, wenn mal etwas schiefläuft, dann werde ich besser aufpassen. Sexualität hängt mit so vielen Aspekten zusammen und reduziert sich nicht nur auf Geschlechtsverkehr. Respekt sich selbst und anderen gegenüber, sowie Grenzen setzen und akzeptieren, gehören auch dazu. Wie viele Eltern platzen einfach so ins Zimmer ihrer Kinder hinein, anstatt ihnen zu zeigen, dass auch ein Erwachsener anklopfen und einem Kind gegenüber Respekt zeigen kann? Ein Kind muss lernen, dass es auch zum Beispiel seinen Eltern und Lehrern gegenüber „Nein“ sagen darf. Es muss auch lernen, Kompromisse einzugehen. Wenn man von klein auf an solchen Dingen arbeitet, kommt man später wahrscheinlich weniger oft in riskante Situationen.

Woran liegt es denn, dass nicht schon früher damit begonnen wird?


Ich glaube, viele Lehrer und andere Akteure haben Angst vor den Reaktionen der Eltern. Ich habe früher in einem Hort gearbeitet. Dort kam es vor, dass Mädchen von Jungs schon in der ersten Klasse begrapscht wurden. Es wurden auch manchmal pornografische Bücher mit in die Schule gebracht. Wir haben dann das Projekt „Sexualität“ ins Leben gerufen. Erst haben wir den Eltern auf einem Informationsabend erklärt, was wir machen wollten, und dass sie auch am Projekt teilnehmen dürften. In einer Übung ging es darum, Körper zu malen, um die Unterschiede zwischen den Geschlechtern, aber auch innerhalb der Geschlechter kennenzulernen. Andere Themen waren Liebe und Nein-Sagen. Nach dem zweisemestrigen Projekt hat niemand mehr das Wort „ficken“ benutzt und die Jungs haben die Mädchen nicht mehr angefasst. Falls einer es versucht hat, haben die Mädchen „Nein, hör auf!“ gesagt. Es ist wichtig, sich nicht schon im Vorfeld von potenziellen Reaktionen der Eltern abschrecken zu lassen. Stattdessen sollte man sie einbinden. Wir erklären ihnen, was wir vorhaben und fordern sie auf, sich bei Fragen an uns zu wenden. Ich als Mutter würde auch wissen wollen, worüber bei einem solchen Projekt mit meinem Kind gesprochen wird. Es ist verständlich, dass man Angst hat, dass die Inhalte nicht altersgerecht aufbereitet sind. Ich will aber auch schon alleine deshalb wissen, worüber gesprochen wird, damit ich auf eventuelle Fragen vorbereitet bin, die mein Kind mir anschließend zu Hause stellt. Im Rahmen unseres Projekts konnten die Kinder alle Materialien mit nach Hause nehmen, sodass sich die Eltern diese anschauen konnten.

In einem zweisemestrigen Projekt lässt sich natürlich viel umsetzen. Die Workshops der HIV-Berodung in den Schulklassen dauern meist nur wenige Stunden. Wie gestalten sich diese Besuche?


Ganz zu Beginn eines Workshops wird erst mal der Wissensstand ermittelt: Was habt ihr über HIV gehört und gelesen? Welche Fragen und Ängste hättet ihr, wenn ihr selbst oder ein Freund von euch betroffen wäre? Bei einer solchen, persönlicheren Herangehensweise gibt es meist wesentlich mehr Redebeiträge als wenn man beim Abstrakten bleibt. Anschließend werden auf interaktive Weise Informationen vermittelt. Bei einer Übung geht es zum Beispiel darum aufzuzählen, durch welche vier Körperflüssigkeiten man sich infizieren kann und welche drei Bedingungen für eine Ansteckung erfüllt sein müssen: Erstens eine infizierende Körperflüssigkeit – Sperma, Blut, Scheidenflüssigkeit oder Muttermilch -, zweitens eine Öffnung, wie eine offene Wunde oder Schleimhaut, und drittens ein Kontakt zwischen beiden. Dann wird die Gruppe aufgefordert, aus einer Reihe von Bildern, die alltägliche Handlungen zeigen, diejenigen auszuwählen, bei denen eine Ansteckungsgefahr besteht. Bei der Auswertung der Antworten geht es nicht darum, den Schülern zu sagen, wie viele Fehler sie gemacht haben, sondern eine Diskussion darüber anzustoßen, weshalb manches falsch und anderes richtig ist. Es geht darum, ihnen zu zeigen, dass sie manchmal weniger wissen als ihnen bewusst ist. Wichtig ist, über Risiken Bescheid zu wissen, darüber wie man sich schützen kann, und was man tun kann, wenn man glaubt, dass man sich angesteckt haben könnte. „Ich habe mit einer Person geschlafen, die HIV-positiv ist und das Kondom ist gerissen – was kann ich tun?“. In solchen Momenten ist es wichtig zu wissen, dass es eine Notfallbehandlung, die PeP [Postexpositionsprophylaxe; Anm. der Red.], gibt. Ein Junge hat sich einmal im Schulbus auf eine Spritze gesetzt. Er hat sofort seine Mutter angerufen, die dann mit ihm ins Krankenhaus gefahren ist. Es wurde eine einmonatige Notfallbehandlung gemacht und er hat sich glücklicherweise nicht infiziert. Er hat mir das erzählt, als wir uns ein Jahr nach dem Vorfall einmal begegnet sind. Er meinte, er habe in dem Moment, als er sich gestochen habe, gleich an meinen Workshop gedacht. Er war immer noch fassungslos, weil er immer verhütet hatte und sich hatte testen lassen und dann im Schulbus riskierte sich anzustecken. Solche Anekdoten erzähle ich gerne in den Klassen, damit die Schüler sehen, dass auch sie einer gewissen Ansteckungsgefahr ausgesetzt sind und sie in dem Zusammenhang über die PeP zu informieren. Wurde ein Mädchen auf einer Party zu ungeschütztem Sex gedrängt, reicht es nicht, die Pille danach zu nehmen. Sie sollte über die PeP Bescheid wissen und über ihr Recht, gegebenenfalls eine Klage einzureichen.

„Wurde ein Mädchen auf einer Party zu ungeschütztem Sex gedrängt, reicht es nicht, die Pille danach zu nehmen.“

Werden neben sexuell übertragbaren Krankheiten noch weitere Aspekte thematisiert?


Ein wichtiger Aspekt ist Respekt. Man muss einerseits sein Gegenüber respektieren, andererseits aber auch sich selbst. Das heißt, nicht etwas zu tun, nur weil es ein anderer von einem verlangt, sondern sich zu fragen, was man selbst will. Man glaubt, das sei nebensächlich, aber das Ansteckungsrisiko wird dadurch erhöht: Wenn ich mich nicht respektiere, benutze ich vielleicht kein Kondom, wenn mein Sexualpartner es nicht will. Fühlt man sich wohl mit dem Thema und hat auch schon darüber geredet, ist man eher in der Lage „Nein“ zu sagen. Was mir besonders am Herzen liegt, ist die Kinder stark zu machen. Ein starkes Kind wird einmal zu einem starken Jugendlichen und dieser wiederum zu einem starken Erwachsenen. Neben dem ersten Mal und dem Respekt thematisiere ich mit Jugendlichen auch die Pornografie. Ich frage dann zum Beispiel: „Gibt es eigentlich eine Gebrauchsanleitung für Sex?“. Da kommt dann oft „Pornografie“ als Antwort. Ich will ihnen vermitteln, dass es zwar nicht schlimm ist, sich Pornos anzuschauen, dass es sich dabei aber um Filme handelt, die nicht der Realität entsprechen. In Pornos macht der eine meist, was der andere will. Kinder und Jugendliche müssen lernen, dass sie zwar tun können, was sie wollen, aber nur unter der Bedingung, dass sie und ihr Partner Lust darauf haben und bereit dafür sind. Eine weitere, falsche Vorstellung, der ich versuche entgegenzuwirken: Wenn man Sex hat, heißt das nicht, dass unbedingt der Penis in die Vagina oder sonstwo rein muss. Man kann es auch bei Petting belassen, wenn einem das lieber ist. Das Anschauen von Pornos kann auch noch andere Nebenwirkungen haben: Manche Kinder und Jugendliche haben Komplexe, weil sie ihren Penis oder ihre Brüste als zu klein empfinden. Sie glauben, dass die Penis- und Brustgröße von Pornodarstellern dem Durchschnitt entsprechen. Sexualerziehung geht mittlerweile aber noch weiter. Heute ist es unter Jugendlichen stark verbreitet Nacktfotos von sich verschicken. Es kann jedoch passieren, dass diese in die falschen Hände geraten und ehe man sichs versieht, werden sie in den sozialen Netzwerken veröffentlicht. Es ist also wichtig, diese Fotos so zu machen, dass man unkenntlich bleibt, ohne Gesicht zum Beispiel.

Uns geht es darum, einen lockeren Umgang mit dem Thema zu fördern, damit Menschen jeden Alters frei und ohne Vorurteile über Sexualität reden können.

(Quell: pixabay.com)

Sie haben angesprochen, dass es wichtig ist zu lernen, über diese Themen zu reden. Haben Sie dafür bestimmte Methoden?


Ich fordere die Gruppe immer dazu auf, ihre eigenen Worte zu benutzen und ich passe mich auch ihrem Sprachgebrauch an. Diesen ermittle ich immer gleich zu Beginn, um zu verhindern, dass ich Begriffe benutze, die die Gruppe nicht kennt. Wenn ich bei einer Übung nach Körperflüssigkeiten frage, dürfen sie beispielsweise auch „Fotzenschleim“ sagen, wenn ihnen kein anderes Wort dafür einfällt. Ich hake dann aber nach, wie man die Flüssigkeit noch anders nennen könnte. Dadurch sollen sie merken, dass sie nicht beurteilt werden, zugleich aber auch neue Begriffe lernen. Es gibt auch konkrete Übungen, um Hemmschwellen herunterzusetzen. Bei einer dieser Übungen werden Kärtchen verteilt, auf denen jeweils ein Begriff steht: bisexuell, Selbstbefriedigung, Penetration, Klitoris, Analsex und so weiter. Die Teilnehmer müssen diese dann umschreiben, ohne den Begriff zu verwenden, der auf der Karte steht. Diese Übung hilft sehr dabei, die Atmosphäre aufzulockern. Sie eignet sich auch gut bei Gruppen mit älteren Teilnehmern, denn diese sind oft noch gehemmter als Jugendliche. Das Wichtigste für mich ist eine interaktive Herangehensweise und die Arbeit mit Emotionen. Wenn man lacht, merkt man sich etwas eher, als wenn man erschreckt. Es ist wichtig, dass man sich mit dem Thema wohlfühlt. Es ist nicht jedermanns Sache, über Sexualität zu sprechen, und wenn man selbst gehemmt ist, kommuniziert man der Gruppe damit implizit, dass es ein Tabuthema ist. Uns geht es darum, einen lockeren Umgang mit dem Thema zu fördern, damit Menschen jeden Alters frei und ohne Vorurteile über Sexualität reden können. Um das zu erreichen, gehen wir in Lyzeen, Jugendhäuser, in die Jugendpsychiatrie sowie ins Gefängnis; wir bieten außerdem Fortbildungen an für Erzieher, Lehrkräfte und andere Multiplikatoren. Auch für HIV-positive Menschen sowie Kinder und Jugendliche, deren Eltern betroffen sind, stellen wir einen Ansprechpartner dar.

Bieten Sie auch Fortbildungen für Eltern an?


Es gibt keine spezielle Fortbildung für Eltern, aber wenn eine Gruppe von Eltern sich mit Fragen an uns wendet, stehen wir gerne zur Verfügung. Im Rahmen von Roundabout Aids beispielsweise habe ich Eltern angeboten, ihnen zu zeigen, was in den Workshops gemacht werden soll. Wir haben ja nichts zu verstecken. Manche fürchten, wir würden die Kinder und Jugendlichen dazu anspornen, Sex zu haben, indem wir ihnen zeigen, wie man ein Kondom benutzt. Das ist eine relativ naive Sichtweise, denn die Kinder werden später so oder so Sex haben. Nur weil man jemandem zeigt, wie man Auto fährt, heißt das nicht, dass er danach gleich ohne Führerschein losfährt. Es geht nur darum, sie vorzubereiten.

Sie haben das Projekt Roundabout Aids erwähnt. Was hat es damit auf sich?


Bei Roundabout Aids bilde ich junge Menschen aus, damit sie die Informationen anschließend an ihre Mitschüler weitergeben können. Das sind immer jeweils zehn Schüler aus zwei Lyzeen. Die 20-stündige Fortbildung ist sehr spielerisch und interaktiv gestaltet. Die Teilnehmer haben die Möglichkeit zu üben, wie man ein Kondom richtig überzieht. Dann haben wir noch eine Übung, um zu vermitteln, wie schwer es sein kann, anderen zu sagen, dass man HIV-positiv ist, und welche Vorurteile mit der Krankheit verbunden sind. Zum Programm gehört außerdem der Erfahrungsbericht einer betroffenen Person. Innerhalb der zwei Wochen nach der Fortbildung müssen die Schüler dann in ihrer Schule ein Roundabout Aids organisieren. Das ist eine Mischung aus Rallye und Peer-Education. Die Teilnehmer lernen dabei etwas, ohne sich dessen bewusst zu sein. Die Auseinandersetzung mit dem Thema ist dann zwar nicht so intensiv wie in den Schulklassen oder bei einer Fortbildung, aber es ermöglicht, mit der Thematik in Kontakt zu kommen.


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