Theater: „Die Verwundbarkeit des menschlichen Verstandes ist ungreifbar”

In „Zizou a Zazou“ des Theaterkollektivs Independent Little Lies warten zwei Freundinnen gemeinsam auf den Tod. Die Schauspielerinnen Catherine Elsen und Frédérique Colling sowie die Regisseurin Claire Wagener reden darüber, dass Seniorinnen nicht gleich Omas sind und Gedächtnisverlust keine Altersfrage ist.

Fotos: Independent Little Lies

woxx: In der Beschreibung des Stücks „Zizou a Zazou“ heißt es, das Drehbuch basiere größtenteils auf Improvisationen von Catherine und Frédérique. Claire, wie schwer war es, da Regie zu führen?


Claire Wagener: Es war nicht schwer, es war schön. Regie zu führen, heißt für mich unter anderem, Dinge zum Ausdruck zu bringen, die schon da sind – umso besser ist es, wenn es viel Material gibt. Bei Independent Little Lies arbeiten wir generell als Kollektiv zusammen. Das ist eine Arbeitsweise, die uns drei anspricht.

Zentrales Motiv des Stücks ist die Freundschaft zwischen Zizou und Zazou – zwei Figuren, deren Lebensende naht. Welche Rollen spielen gemeinsame Erinnerungen?


Catherine Elsen: In dem Stück kommt oft dieser Moment vor, in dem man einander fragt: „Erinnerst du dich noch an…?“. Zizou und Zazou interessiert es allerdings nicht, wie die jeweils andere diese Erinnerungen empfindet. Sie hören sich nicht wirklich zu, es ist mehr so: „Du bist hier in meiner Erinnerung, jetzt wage es nicht, irgendwas anderes zu behaupten als das, was ich sage.“ Sie verlieren sich beide in Gedanken. Dieses Gefühl verbindet sie an anderen Stellen wiederum, was teilweise absurd ist.

Die Namen Zizou und Zazou haben etwas von einer Spiegelung. Erkennen sich die beiden ineinander wieder?


C. W.: Die eigene Spiegelung wird eher durch den Blick der anderen verzerrt.

Mögen die beiden sich?


C. E.: Obwohl sie wissen, dass sie gleich sterben werden, sind sie garstig. Doch es gibt Momente, in denen sie merken, was sie einander bedeuten.

Die Idee zum Stück ist vor Ausbruch der Corona-Pandemie entstanden. Musstet ihr umgestalten?


Frédérique Colling: An sich wollten wir ein intergenerationelles Stück auf die Bühne bringen, in dem auch ältere Menschen mitwirken. Vor einem Jahr ging das allerdings nicht. Wir mussten umdenken. Auch wenn sich die Situation inzwischen verbessert hat, sind wir bei dem jetzigen Konzept geblieben. Ältere Menschen sind dennoch Teil des Stücks: Es sind Diskussionen mit ihnen – unter anderem mit meiner hundertjährigen Großmutter – in den Text verwoben. Besonders die Stimme meiner Oma ist deutlich herauszuhören.

Wie stellt ihr Alter auf der Bühne dar?


C. E.: Wir spielen keine Seniorinnen, sondern eher alterslose Figuren.

F. C.: Eigentlich sind wir Archetypen von mehreren Generationen luxemburgischer Frauen: In die Charaktere fließen ältere Personen ein, die Generation unserer Mütter und unsere eigene.

Im Stück geht es auch um Sexualität. 


C. E.: Vor allem um das Prinzip der Schuld: Lange durfte nicht offen über Sexualität gesprochen werden, schon gar nicht über die von Frauen. Es wurde versucht, sexuelle Themen symbolisch zu verpacken. Das machen wir in dem Stück auch. Manchmal sind wir aber auch ganz direkt.

Seniorinnen und Sex – eine Kombi, die selten auf luxemburgischen Theaterbühnen zu sehen ist, oder?


F. C.: Diese Kombination gibt es weder in Luxemburg noch im Ausland oft zu sehen.

C. W.: Das hängt mit der allgemeinen Perspektive auf das Alter zusammen. Das übliche Narrativ ist: Mit den Jahren geht es nur noch bergab.

F. C.: Als ältere Frau ist man irgendwann nur noch „Oma“. Andere Facetten der eigenen Identität werden nicht mehr berücksichtigt.

C. E.: Hinzu kommt die Verniedlichung älterer Menschen, wie man sie auch vom Umgang mit Kindern oder Haustieren kennt. Wir stellen das durch unsere Spielweise verwischt dar.

Was ist euch besonders wichtig, wenn es um die Interpretation von „Zizou a Zazou“ geht?


C. E.: Dass wir kein Stück über Demenz geschrieben haben, in dem wir zwei alte Frauen spielen. Wir interessieren uns dafür, wie plastisch unser Verstand ist. Die Verwundbarkeit des menschlichen Verstandes ist ungreifbar. Uns hat auch die Frage bewegt: Wenn du nur noch wenige Stunden zu leben hast, worauf schaust du zurück? Wir wollen dabei auch die humoristischen und psychedelischen Aspekte des Gedächtnisverlusts aufzeigen – und die Tatsache, dass niemand zwanghaft versuchen muss, zu funktionieren.

Am 2., 3., 6. und 7. Juli um 20 Uhr und am 4. Juli um 17 Uhr im CARRÉ Hollerich. Platzreservierung unter contact@ill.lu

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