Vandalismus: LGBTIQ+ Freedom Zone für die Katz

Ein Banner mit der Aufschrift „LGBTIQ+ Freedom Zone“ ist seit mehreren Tagen mit Kritik besprüht. Über eine absurde Nachbarschaft, Spekulationen und No-Gos.

(Foto: Privat)

Der Kreisverkehr in Raemerich und die Umgebung könnten nicht hässlicher sein? Falsch: Mindestens seit vergangenem Samstag versinkt das Verkehrskarussell nicht nur in Autoabgasen, sondern es wütet dort auch der Hass gegen LGBTIQ+ Menschen und deren Unterstützer*innen. Es ist ein Banner, festgemacht an einem Metallzaun, das Fahrer*innen und Passant*innen am Straßenrand darauf aufmerksam macht, dass Esch seit Ende Juni eine LGBTIQ+ Freedom Zone ist. So schlicht das Banner auch sein mag, irgendwem missfällt Eschs Bekenntnis zur Community: Unbekannte haben es mit dem Satz „No freedom of thought“ übersprüht.

Auf diese abgedroschene Kritik kann nur die alte Leier folgen: Sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität anderer Menschen sind nichts, wozu Außenstehende ihre Gedanken äußern oder ihre Meinung abgeben müssen. Diskriminierung ist keine Freiheit, es ist Hass. Sich für die Rechte und die Anerkennung von LGBTIQ+ Menschen stark zu machen, ist die Verteidigung von Menschenrechten.

Vielleicht hat sich die Vandalin oder der Schmierfink aber auch nur am Monument geirrt, betäubt vom Benzingeruch der Tankstelle auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Wie absurd ist es, dass nur ein Fußgängerstreifen vom beschädigten LGBTIQ+ Freedom Zone-Banner entfernt eine Büste zu Ehren des 2005 verstorbenen Papstes Johannes Paul II. in den Himmel ragt? Dreht sein Geist im Raemericher Kreisverkehr seine Runden, statt in der Heiligen Stadt umherzuirren, lacht er sich beim Anblick des beschmierten Banners sicherlich ins Fäustchen.

Der erste Pole auf dem Papstthron war offener Gegner von Schwangerschaftsabbrüchen, Sterilisation und Verhütungsmitteln. Zur Vorbeugung von HIV-Infektionen predigte er sexuelle Enthaltsamkeit, die er übrigens auch Homosexuellen nahelegte. Ihre Partnerschaften öffentlich zu respektieren und anzuerkennen, lehnte er ab. Auf der Stirn des Papstes mache sich die Phrase „No freedom of thought“ besser als auf einem Zeichen der Solidarität mit diskriminierten Menschengruppen.

Ob dieses Zeichen ausgerechnet neben Johannes Paul II. aufgerichtet werden musste, ist eine andere Frage. Es ist eher unwahrscheinlich, dass der Escher Bürgermeister und CSV-Politiker Georges Mischo mit der Ortswahl seine Kritik an traditionellen, katholischen Moralvorstellungen manifestieren wollte. Auch dass es sich bei der Positionierung um ein subtiles Statement gegen die queer- und homofeindliche Regierung Polens handeln könne, ist sicherlich nur Wunschdenken. Zumal das Banner an anderen Stellen fernab religiös oder politisch aufgeladener Monumente, wie etwa während dem Pride-Monat in der Betonwüste Belval, zu sehen ist.

Die Kritik „No freedom of thought“ passt eher zum Nachbarn.

Die Nachbarschaft von Johannes Paul II. und dem LGBTIQ+ Freedom Zone-Banner ist ein Affront für beide Seiten. Anhänger*innen des Papstes, die auch 16 Jahre nach seinem Tod vor dem Schrein aus rostigem Metall Blumen niederlegen, stoßen sich wahrscheinlich an der Offenheit der Gemeinde Esch und der Verbreitung von Menschenrechten in der Nähe ihres Moralhüters.

Für schwule, lesbische, trans, intersex und queere Menschen kommt das beschmierte Banner einem Kinnhaken mit rechter Geraden gleich. Nicht nur steht das Banner achtlos neben diesem Symbol institutionalisierter Homo- und Queerfeindlichkeit, sondern die Schmiererei wird von den Lokalpolitiker*innen scheinbar noch nicht einmal bemerkt, geschweige denn unverzüglich durch ein sauberes Banner ersetzt. Wenn auch nicht übers Wochenende, dann wenigstens am folgenden Montag, denn da prangte sie nämlich immer noch schwarz über den Regenbogenfarben. Was auch immer hinter der Aktion und der Untätigkeit steckt: Es ist ein absolutes No-Go homo- und queerfeindlichen Vandalismus in einer LGBTIQ+ Freedom Zone kommentarlos stehen zu lassen.


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