Verbrecher Verlag: Digitaler Frauenhass

von | 10.04.2026

Hass gegen Frauen ist in unserer Gesellschaft allgegenwärtig – auch im digitalen Raum. In ihrem Buch „Bitch Hunt“ analysiert Veronika Kracher die Mechanismen dieser digitalen Misogynie: von der Hasskampagne gegen die Schauspielerin Amber Heard im Prozess gegen Johnny Depp bis hin zu Incels und Cyberbullying. Dabei geht sie der Frage nach, warum Frauen im Internet so gezielt und massiv angegriffen werden. Ein wichtiges Buch, von dem man sich wünschte, dass es weniger aktuell wäre.

Die Autorin Veronika Kracher vor einem Bücherregal.

Veronika Kracher ist als Autorin, Publizistin und Bildungsreferentin tätig. Sie beschäftigt sich mit den Themenfeldern digitale Misogynie, Antifeminismus, Online-Radikalisierung und Rechtsextremismus. (© PRIVAT)

Heute können, dank sozialer Medien, alle aktiv an der Gestaltung der Meinungslandschaft partizipieren. Facebook, Twitter, Reddit, Tik-Tok und viele weitere haben den medialen Diskurs demokratisiert – sowohl zum Guten, wie auch zum Schlechten.

Jedem Menschen steht es inzwischen frei, die eigene Meinung zum Weltgeschehen, zu politischen Inhalten, zu Promi-Skandalen oder zu kulturindustriellen Publikationen kundzutun, und manchmal wird das sogar von anderen gelesen. Es steht ihnen vor allem frei, in den direkten und unmittelbaren Austausch miteinander zu treten. Dies übersetzt sich für viele Menschen (und gerade Männer) jedoch regelmäßig mit absoluter, grenzüberschreitender Distanzlosigkeit gegenüber weiblich gelesenen Personen, besonders, wenn sich diese feministisch äußern oder den Anschein sexueller Verfügbarkeit erwecken.

Wie gesagt, sind diese Räume ein Spiegel der herrschenden Verhältnisse – und mit denen steht es bedauerlicherweise nicht zum Besten. Außerdem haben soziale Medien, wie ich im Laufe dieses Buches ausführen werde, die Eigenschaft, reaktionäre Tendenzen zu bestärken, was auch darin wurzelt, wie Technik im Kapitalismus eingesetzt wird.

Ich bin keine Kulturpessimistin, die der Ansicht ist, »das Internet« und »die sozialen Medien« und sowieso diese verdammten Smartphones seien die Ursache jeglicher sozialer Entfremdung und emotionaler Verrohung oder der autoritären Wende. Gesellschaft und Geschichte sind komplexer, um sich auf so eine simple Schuldzuweisung herunterbrechen zu lassen. Digitale Räume dienen auch der politischen Vernetzung, progressiver Bildungsarbeit, einem legitimen Eskapismus in bessere Welten, den Interessen von Nutzer*innen, die dort das sein können, was sie wollen,1 der Organisation von Protestformen oder ähnlichem. »Das Internet« ist gewiss nicht das Problem – sondern das auf Profitmaximierung ausgelegte Internet im patriarchal strukturierten Kapitalismus, das von finanzstarken antidemokratischen Kräften wie ultra-libertären Silicon-Valley-Milliardären oder reaktionären InfluencerInnen und Medienimperien genutzt wird, um ihre politische Agenda durchzusetzen. Wenn wir es ernst meinen mit einer Gesellschaft, in der Menschen ohne Angst verschieden sein können, dann müssen wir digitale Räume, eigentlich »das Internet« als solches, gegen diese Kräfte verteidigen. Wir müssen grundlegend darüber nachdenken, wie das Internet abseits von Profitgier und Propaganda funktionieren kann – demokratisch, egalitär und von User*innen für User*innen gestaltet.

Das Cover des Buches „Bitch Hunt“ von Veronika Kracher, typografisch gestaltet. 

(© Verbrecher Verlag)

Was dieses Buch hauptsächlich behandeln wird, ist die Frage, wie antifeministische AkteurInnen2 digitale Räume gezielt nutzen, um misogyne Ressentiments zu bedienen und anzufachen, zum Beispiel durch die gezielte Verbreitung von Desinformationen. Und wieso die Struktur dieser Räume es so einfach macht, sich den eigenen, niederen Instinkten hinzugeben und diese direkt am Objekt der Empörung auszulassen. Wieso die Dehumanisierung von queeren Menschen und Frauen im Internet so unglaublich normalisiert ist. Wie soziale Medien und künstliche Intelligenz eingesetzt werden, um Frauen als Frauen zu demütigen – durch das Sammeln und Veröffentlichen von privaten Informationen, die Veröffentlichung von intimen Bildern oder KI- Pornographie.3 Wie der Hass gegen geschlechtlich marginalisierte Menschen als Türöffner in den Rechtsextremismus fungiert und deswegen gezielt als Rekrutierungsmittel eingesetzt wird. Und wieso zur Hölle wir als Gesellschaft so viel Spaß daran haben, Frauen und genderqueere Menschen so systematisch abzuwerten, zu verhöhnen, zu erniedrigen.

Es sind nämlich nie ausschließlich die Neonazis, die Männerrechtsaktivisten und die Incels, die im Internet gegen Frauen und queere Menschen mobilmachen. Es sind ganz normale Männer und oftmals auch Frauen, die keinerlei Skrupel haben, misogyne Gewalt auszuüben, solange sie das anonym und unkompliziert tun können. Auch ich wurde nicht nur von eingefleischten Antifeministen attackiert – sie haben mich lediglich zum Abschuss freigegeben und signalisiert, dass der Hass auf mich irgendeine Legitimation hat. Dass es in Ordnung sei, die eigenen misogynen Ressentiments an mir abzulassen, weil ich es verdient hätte. Nicht nur Männer folgten ihrem Beispiel.

Ein drastisches Beispiel von unverhohlenem misogynem Hass der letzten Jahre war die Schmierenkampagne gegen die Aktivistin und Schauspielerin Amber Heard, die den im Sommer 2022 geführten Gerichtsprozess zwischen Heard und ihrem Ex-Mann, den Schauspieler Johnny Depp, begleitete.

Um diesen Zeitraum herum war Heard wohl eine der am meisten verabscheuten Personen der Welt. Ihr Verbrechen war es, zu sagen, dass ein Piratenschauspieler kein gutherziger Charmebolzen, sondern ein häuslicher Gewalttäter war. Dafür wurde sie auf eine Art und Weise öffentlich bestraft, die ihresgleichen sucht: von ihrem Ex-Mann in einem demütigenden Schauprozess, von dessen Armada an obsessiven Fans, von Antifeministen, von Influencer*innen auf Social Media und von der Boulevardpresse.

2022 war es durchaus salonfähig, ein Opfer häuslicher Gewalt öffentlich zu verhöhnen. Ein beliebtes TikTok-Meme zu dieser Zeit war, Zeuginnenaussagen der weinenden Amber Heard, in denen sie über die ihr von Depp zugefügte Gewalt spricht, zu imitieren und somit zu parodieren.

Dieser Prozess, seine Rezeption in den sozialen Medien und seine politische Auswirkung, waren der Anstoß für mich, dieses Buch zu schreiben. Ich hatte mich davor schon jahrelang mit digitaler Misogynie beschäftigt, doch diese Brutalität erschütterte selbst mich, da sie so omnipräsent und gesellschaftlich akzeptiert war. Während ich dieses Buch schreibe, realisiere ich, dass es schlicht unmöglich ist, all die Fälle brutaler, gesellschaftlich akzeptierter Misogynie gegen einzelne Frauen zu dokumentieren: es gibt schlicht zu viele. Ich beschränke mich primär auf die USA und den deutschsprachigen Raum, wie auch auf einen westlichen Kulturkampf, da ich mich in diesen Bereichen am besten auskenne. Ich erhebe mit diesem Werk keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Ich sehe es viel mehr als einen Faden im Seil der Gesellschaftskritik, das wir kollektiv flechten müssen, um die herrschenden patriarchalen Verhältnisse irgendwann zu Fall zu bringen. Wenn ich also nicht auf jeden Fall (koordinierter) digitaler Misogynie eingehen kann, hoffe ich, dass meine Arbeit dabei hilft, sie zu analysieren.

Letztendlich geht es in diesem Buch um eine ganz simple Frage: Wieso verhalten wir uns im Internet Frauen gegenüber eigentlich so scheiße? Die Antwort darauf ist, wie so vieles, dann doch ziemlich komplex.

1 Die Geschichte des Internets ist nicht ohne Grund untrennbar mit der Geschichte politischer Kämpfe von trans Personen verwoben!
2 Vielleicht ist aufgefallen, das sich unterschiedliche Formen des Genderns verwende. In der Regel gendere ich mit dem Sternchen, um eine Vielfalt von Geschlechtsidentitäten auszudrücken. Bei Personen, deren Ideologie grundlegend auf reaktionären Geschlechterbildern wie der Zwang zur Zweigeschlechtlichkeit und der Hass auf queere Identitäten basiert, verwende ich das Binnen-I, um dies schriftlich deutlich zu machen.
3 Im Januar 2026 steht die Plattform X unter heftiger Kritik, da User die plattformeigene KI dafür nutzen können, Bilder von Frauen und Kindern unter anderem zu sexualisieren oder anderweitig zu missbrauchen.
Auszug aus: Veronika Kracher: Bitch Hunt. Warum wir es lieben, Frauen zu hassen. Verbrecher Verlag, Februar 2026. 272 Seiten.

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