Verkehrssicherheit: Die Schwachen sollen sich anpassen

Mit dem Beginn der dunklen Jahreszeit wird die „Réfléchissez!“-Kampagne von Polizei, Sécurité routière und Infrastrukturministerium wie schon im Jahre zuvor durchgeführt. Die visiert aber nicht die Täter*innen, sondern die Opfer.

(Foto: CC-BY Jørgen Schyberg)

„Seien Sie sichtbar“ ist die Hauptbotschaft der Kampagne, die seit Ende Oktober wieder angelaufen ist. Vor allem Fußgänger*innen, Jogger*innen und Radfahrer*innen sollen Maßnahmen ergreifen, um in der Dämmerung und Nacht sichtbar zu sein. Dazu gehört vorzugsweise das Tragen von Kleidung mit reflektierendem Material bzw. Armbänder oder andere Accessoires, die Scheinwerferlicht zurückstrahlen. Auch Fahrradfahrer*innen sollten darauf achten, sichtbar zu sein und die gesetzlich vorgeschriebene Beleuchtung sowie Reflektoren montiert zu haben. Diese Maßnahmen sollen die Sichtbarkeit erhöhen und es sei damit möglich, die Unfallgefahr zu senken, so die Kampagne.

Das ist nicht falsch, aber es ist fatal, dass diese Botschaft sich vor allem an die schwachen Verkehrsteilnehmer*innen richtet. Zwar werden Autofahrer*innen dazu aufgefordert, sich gemäß der Straßenverkehrsordnung zu verhalten (als sei dies nicht sowieso selbstverständlich), aber die Grundbotschaft der Kampagne lautet dennoch: Wer sich nicht von Kopf bis Fuß in fluoreszierende Stoffe hüllt, ist selbst Schuld, wenn er*sie überfahren wird.

Mit der Kampagne wird auch eine (nicht maßstabsgetreue) Infografik verbreitet, die anzeigt, auf welche Distanz Fußgänger*innen mit welcher Kleidung sichtbar sind: reflektierende Kleidung bereits mit 140 Metern, helle Kleidung mit 40 Metern und dunkle Kleidung erst mit 25 Metern. Für die Sicherheit von Fußgänger*innen kann mangelnde Sichtbarkeit in Ortschaften tatsächlich zum Problem werden: Der Anhalteweg (Bremsweg plus die Reaktionszeit) liegt bei Tempo 50 km/h bei ungefähr 40 Metern. Bei 30 km/h sind es lediglich 18 Meter.

Die ganze Kampagne könnte also auch ein Argument sein, die Geschwindigkeit innerorts auf 30 km/h zu beschränken. Das hätte viele andere angenehme Nebeneffekte, würde aber auch auf jeden Fall die Verkehrssicherheit erhöhen und dafür sorgen, dass weniger Fußgänger*innen im Straßenverkehr sterben. Warum die Kampagne eigentlich nicht auch Autofahrer*innen dazu ermutigt, besser aufzupassen und in der Dämmerung bewusst etwas langsamer zu fahren, ist also unverständlich. Immerhin sind es sie, die tonnenschwere potenziell tödliche Fahrzeuge lenken. Zusätzlich könnte sich durch die Kampagne eine Art falsches Sicherheitsgefühl à la „Die Fußgänger*innen tragen ja sowieso alle reflektierende Kleidung, da muss ich nicht besonders aufpassen“ einstellen. Auch eine bessere Beleuchtung von Schutzwegen („Zebrastreifen“) könnte helfen.

Grafik: MDDI

Fahrradfahrer*innen, die ihre Beleuchtung angesichts der drohenden Gefahr im Straßenverkehr überprüfen lassen wollen, können dies am morgigen Donnerstag beim Beleuchtungscheck der Lëtzebuerger Vëlos-Initativ (LVI) tun und gegebenenfalls ihr Equipment an Ort und Stelle reparieren lassen. Gemeinsam mit der Polizei und einem lokalen Fahrradanbieter werden zwischen 17 und 19 Uhr am Rond-Point Schuman in Luxemburg-Stadt Fahrräder kontrolliert und aufgerüstet. Reflektierende Gadgets werden ebenfalls verteilt – im Endeffekt bei den schwächeren Verkehrsteilnehmer*innen nämlich nichts anderes übrig, als visuell „aufzurüsten“, solange sich die Bedingungen – die Infrastruktur und die Mentalitäten – nicht ändern.


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