Womex: Finnischer Wagemut und mehr

Die 25. Ausgabe der Weltmusikmesse Womex fand im Oktober im finnischen Tampere statt – die woxx war dabei und fand heraus wie die Finn*innen ihre Traditionen immer wieder neu defin(n)ieren.

Das finnische Quartett Tuuletar. (Foto: Willi Klopottek)

Unklar ist, ob alle Finnen den schrägen Humor des Filmemachers Aki Kaurismäki teilen. Gesichert ist, dass es gemessen an der Bevölkerungszahl nirgendwo mehr Saunas als in Finnland gibt. Auch die Menge an Metal-Bands soll weltweit einzigartig sein. Ebenso rekordverdächtig ist die Vielfalt und Originalität der jungen Folk-Szene.

Die weltgrößte Weltmusik-Messe Womex bezog Ende Oktober in der ehemaligen Industriestadt Tampere Quartier; zwei Stunden Zugfahrt von der finnischen Hauptstadt Helsinki entfernt. Ziel der Messe war es wieder, die aktuelle globale Szene der lokalen Stile, ergo die Weltmusik, in all ihren Variationen zu präsentieren. Vor Ort konnten die Besucher*innen auch in die zeitgenössischen Klänge von acht Acts aus dem Gastgeberland eintauchen.

Typisch für die gegenwärtige Szene ist die Koexistenz von überlieferten Aufführungsformen mit wilden Experimenten; darüber hinaus spielen Frauen dabei eine zentrale Rolle. Ein junges Duo bestehend aus Emilia Lajunen und Suvi Oskala präsentierte etwa alte, traditionelle Melodien auf ihren fünfsaitigen Geigen. Der älteren Generation gehört Wimme Saari an, der den außergewöhnlichen Joikgesang der Samen mit den elektronisch heftig verfremdeten Bassklarinettenklängen Tapani Rinnes verbindet. Diese Lust am Experiment teilen ganz viele junge Künstler*innen. Die Vielfalt der Stile, die alle – wenn auch in unterschiedlicher Intensität – in finnischen Traditionen gründen, ist schlicht gesagt phänomenal, weil die Akteure Rock-, Pop-, Jazz-, Hip-Hop- und andere Elemente gänzlich angst- und klischeefrei für die Schaffung eigener, ganz individueller Ausdrucksformen nutzen.

Finnische Variationen

Auf der Eröffnungsveranstaltung präsentierten sich drei finnische Gruppen und ein Solokünstler, die unterschiedlicher kaum sein können. Im ganz jungen Duo Vildá vereinen die preisgekrönte Akkordeonistin Viivi Maria Saarenkylä und die Sängerin und Perkussionistin Hildá Länsman die traditionelle Musik Ostfinnlands mit dem samischen Joikgesang, der auch hier in seiner Ausdrucksstärke und Virtuosität beeindruckt. Das Resultat ist eine ganz verblüffende Mischung, die fast überirdische, aber kraftvolle Vokalartistik instrumentell erdet.

Das Quartett Suistamon Sähkö wirkt provokant, fast punkig. Die Gruppe um die Akkordeonistin Anne-Mari Kivimäki und den Elektroniker Eero Grundström ist stark an Beats orientiert und klingt in ihren Eigenkompositionen trotzdem sehr finnisch – dabei ist die Bühnenpräsenz richtig athletisch und die Musik in ganz positivem Sinne schräg.

Bei seinem Solo-Auftritt singt und spielt Pekko Käppi die ganz alte dreisaitige Jouhikko-Leier, die er um eine Saite ergänzt hat und mit einem Bogen streicht. Eine ganze Reihe von Effektgeräten sorgen für Sounds, die von lieblich bis brutal verzerrt reichen. Selbst wenn man Grunge-Rock-Elemente stellenweise ahnen kann, macht Käppi letztendlich zeitgenössischen finnischen Folk. Ganz allein mit einem nur vierseitigen altertümlichen Instrument einen äußerst abwechslungs- und spannungsreichen Auftritt zu bestreiten ist eine große Leistung.

Sängerin Hildá Länsmann und …

Im Trio Pauanne treffen Violine, Schlagzeug und Tasteninstrumente – oft die Hammondorgel – aufeinander. Die Gruppe verwendet alte Aufnahmen von Volksliedern, um die herum sie ihre Kompositionen aufbaut. Die Geigerin der Band, Kukka Lehto, hat schon in jungen Jahren traditionelle Musik gespielt, während sich Keyboarder Tero Pennanen, für The Who begeisterte. Wenn man sich Keith Emersons Band The Nice, die 1968 die Karelia-Suite des Finnen Jean Sibelius bearbeitet hat, vorstellt, angereichert mit historischen finnischen Vokalaufnahmen und unter Beteiligung einer ausgezeichneten Violinistin, dann ist man relativ nah am Sound von Pauanne.

Im weiteren Verlauf der Womex trat Tuuletar auf. Die vier Frauen sind mit Pop aufgewachsen und haben offene Ohren für alle möglichen globalen Stile. Gleichzeitig finden sich deutlich finnische Elemente, da die Volksmusik Bestandteil der schulischen Bildung in Finnland ist. Trotz gelegentlichem Elektronik-Einsatz bestreitet Tuuletar ihren Auftritt wesentlich mit Vokalmusik, manchmal mit Beatboxing und Perkussion. Auf der Womex überzeugte das Quartett mit erstaunlicher Stimmbeherrschung und starker Bühnenpräsenz.

Globale Vielfalt

Woher kommt diese ganz besondere Vielfalt, in der sich Kreativität und hoher musikalischer Standard verbinden? Fragt man die Künstler*innen, fällt immer wieder ein Name: die Sibelius-Akademie. An der 1882 gegründeten Musikhochschule, die später den Namen des bedeutenden finnischen Komponisten angenommen hat, haben viele der Künstler*innen von heute ihre musikalische Ausbildung erhalten. Die Volksmusikabteilung der Akademie in Helsinki lehnt stupide Standardisierungen ab und ermuntert stattdessen ihre Studierenden, eigene Wege zu gehen. Zudem hilft die Organisation „Music Finland“ Musiker*innen, ihre Kunst national und international zu verbreiten. Beides sind offenbar sehr erfolgreiche Strategien.

Akkordeonistin Viivi Maria Saarenkylä vom Duo Vildá. (Fotos: Yannis Psathas)

Neben dem Finnlandschwerpunkt traten auf der diesjährigen Womex wie üblich insgesamt rund 50 Gruppen von allen Kontinenten mit unterschiedlichen Stilrichtungen auf. Im Bereich der instrumentalen akustischen Musik stachen zwei Gruppen heraus. Das Trio 3 MA (Rajery, Madagaskar; Ballaké Sissoko, Mali; Driss El Maloumi, Marokko) begeisterte mit höchster Präzision und Spielfreude in der Kombination von Valiha, Kora und Oud. Der diesjährige Artist Award ging an den kurdisch-iranischen Kamantsche-Virtuosen Kayhan Kalhor. Zusammen mit dem türkischen Saz-Meister Erdal Erzincan gab er ein Konzert von unglaublicher Intensität.

Zwei hervorragende traditionelle Frauenensembles präsentierten die Musik Nordafrikas: die neunköpfige Gruppe Lemma aus dem Süden Algeriens und das ganz junge Quartett Asmâa Hamzaoui & Bnat Timbouktou mit marokkanischen Gnawa-Klängen. Das israelische Trio von Yossi Fine, Ben Aylon und Shasha verband arabische Musik mit schwer groovendem Blues-Rock. Das Oktett Santrofi überzeugte mit schweißtreibender Ghana-Power.

Traditionellen und elektrifizierten Cumbia brachten Carmelo Torres (Kolumbien) und Los Wembler‘s de Iquitos (Peru) auf die Bühne. Aus Südkorea kommen ADG7, die auch Minyo-Musik aus Nordkorea verarbeiten. Die drei Sängerinnen und ihre gemischte Band mit traditionellen Instrumenten waren bestechend perkussiv und boten eine großartige Bühnenshow. Ihre Landleute NST & The Soul Sauce mit der Sängerin Kim Yulhee verbanden Tradition mit drückendem Dub. Die schon 80-jährige Brasilianerin Dona Onete brachte mit ihrer messerscharfen jungen Band den Saal mit dem amazonischen Carimbó zum Kochen.

Altes und Junges, Tradition und Experiment – die Womex war zu ihrem 25. Jubiläum wieder einmal die überschäumende Präsentationsplattform der aktuellen lokalen Klänge vom ganzen Globus.


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