Sprache und Gewalt: Worte als Waffe

Die Rede von der „geistigen Brandstiftung“ soll verdeutlichen, dass eine aggressive Rhetorik Gewalttaten vorbereiten kann. Dabei wird häufig verkannt, wieviel Gewalt bereits im Sprechen selbst zum Ausdruck kommt. Die Philosophin Petra Gehring untersucht die physische Präsenz und „Kraft“ der Sprache.

„Wir sind genauso in unserer Sprache, wie wir in unserem Körper sind“: die Philosophin Petra Gehring. (Foto: Alexander Vejnovic)

woxx: Nach dem antisemitisch motivierten Anschlag auf die Synagoge in Halle wurde die von Politiker*innen der „Alternative für Deutschland“ verwendete Rhetorik für den Angriff mitverantwortlich gemacht. Inwiefern kann Sprache Gewalt vorbereiten?


Petra Gehring: Grundsätzlich ist es natürlich problematisch zu suggerieren, es bestehe eine unmittelbare Beziehung von Ursache und Wirkung zwischen konkreten Aussagen von bestimmten Personen einerseits und Gewaltakten andererseits, sofern es sich nicht explizit um Aufforderungen zu diesen Gewalttaten handelt. Dennoch wird die öffentliche Stimmung nicht nur durch die Vermittlung bestimmter Inhalte beeinflusst, sondern auch durch die Form, in der geredet wird. Das Identifizieren von Gruppen, die vermeintlich gefährlich sind oder als Störfaktoren im Alltag gelten sollen, enthält die implizite Aufforderung „Weg mit ihnen!“ Das ist Teil der unterschiedlichsten aggressiv gefärbten politischen Diskurse. Und natürlich ist die Idee des Vertreibens nicht meilenweit entfernt von der Idee des Tilgens überhaupt, also des Vernichtens, des Tötens.

In Ihrem Buch sprechen Sie auch von der „Autorisierung zur Feindschaft“, die von solchen Redeweisen ausgehe.


Was man immer wieder hört, verwendet man leichtfertiger: Man entwickelt das Gefühl, es sei eben normal oder in Ordnung, so zu reden und auch seine Wahrnehmung in dieser Weise zu organisieren. Das umfasst nicht nur eine bestimmte Wortwahl, sondern auch den ablehnenden Ton, die Betrachtung von anderen als nicht dazugehörend. Das ist eine indirekte Autorisierung und Legitimierung von Feindseligkeit: Ich darf entscheiden, ob jemand hierher gehört oder nicht; ich habe das Recht, andere zum Gegner, zum Feind, zum Zielobjekt für Zumutungen und Angriffe zu machen. Man schlüpft mit der Sprachgeste in eine Position der Selbstermächtigung zu solchen Sätzen. Andererseits lässt sich dies wiederum auch sprachlich konterkarieren.

Inwiefern?


Aussagen wie „Wir Deutschen“ oder „Ihr, die ihr nicht hierhergehört“, nutzen grammatisch vorbereitete Rollen. Und wenn man ein solches, sich aufblähendes Wir hinterfragt, kann dessen angemaßte Sprecherposition ins Wanken kommen. Wenn ich also sage: „Moment mal, solche Sätze müssen sich zu einem Namen bekennen: Herr X ist der Meinung, dass…“, dann durchkreuzt das jene unmittelbare Ermächtigung zum „Wir“, die Anmaßung, im Namen einer Gruppe zu reden, die eine Mehrheit für sich beansprucht. Es ist also wichtig, solche aggressiven Sprecherpositionen auf die Frage zurückzuführen, wer spricht, wo ist das wessen Geste?

„Hass keimt als Tat“, schreiben Sie in Ihrem Buch. Wie ist das zu verstehen?


Die verbreitete Vorstellung, wonach Gefühle im Inneren eines Menschen entstehen und dann erst nach außen treten, ist ein naheliegendes, aber viel zu simples theoretisches Modell, dem ich meinen Blick auf die Sprache entgegensetzen will. Ich sage, dass gemeinschaftliche starke Regungen nicht nur von Sprache begleitet sind, sondern dass sie in den sprachlich orchestrierten Akten durchaus auch erst entstehen. Etwa in euphorischen Arten des Brüllens, wie wir sie im Falle des Skandierens kennen, im Fußballstadion, oder bei Demonstrationen. Das Gefühl entsteht aus einer Praxis, deren Pointe ist, dass ich sie mit anderen teile und erlebe. Auf diese Weise werden auch die dazugehörigen Gefühle gespürt und gesteigert. Es ist also nicht so, dass tobende Menschenmengen nur zusammenfinden, wenn sie bereits ein bestimmtes Gefühl in sich tragen, um dann schließlich gemeinsam zu einer sprachlichen Praxis zu finden, in der das Gefühl zum Ausdruck kommt. Sondern Begeisterung oder eben auch Hass keimen mit den Sprechakten. Der Blick auf die Entstehung und Verstärkung von Gefühlslagen und Stimmungen lässt sich umkehren.

Kann man dann überhaupt noch der Motivation von Gewalthandlungen fragen?


Ja, aber man muss sie woanders suchen. Die Motivation zur Gewalt kann auch in kommunikativen Räumen entstehen, sie muss sich nicht einsam im einzelnen Individuum vorbereiten. Deshalb sollten wir auch von Orten, Räumen und sozialen Konstellationen des Hassens sprechen, von konkreten Gruppen, die marschieren, die das Anschreien und herausgebrüllte Aggressionen einüben und genießen lernen.

Demnach spielt der Kontext, in dem etwas gesagt wurde, eine entscheidende Rolle, um die Gewaltsamkeit von Sprache einzuordnen?


Es gibt eine breite Diskussion über politisch unkorrektes Sprechen, die sich am Vokabular festmacht. Sie geht von einer aus dem jeweiligen Zusammenhang genommenen generalisierten Sprachlichkeit aus. Bestimmte Worte werden verdächtigt, gar als gewaltsam klassifiziert. Solche Überlegungen mögen gut gemeint sein, verfehlen aber das Problem. Worte selbst sind Rohlinge, aus denen wir Gesagtes formen, entscheidend ist jedoch die Frage, wie Sprache in konkreten Sprechsituationen eingesetzt wird. Es gibt Vokabeln, die abstrakt betrachtet abwertend oder als Angriff wirken mögen, man kann sie alle aber auch so verwenden, dass sie diesen Charakter gar nicht haben. Umgekehrt gibt es „harmlos“ oder „neutral“ wirkendes Vokabular, das man so einsetzen kann, dass es zur Waffe wird. In der Beantwortung der Frage nach den Verletzungen, die Sprache zufügen kann, halte ich den Zusammenhang und Vollzug der Sprechhandlung für das Entscheidende. Und die drastischsten Sprechhandlungen sind solche, die besagen: „Jetzt will ich dich nur noch verletzen mit dem, was ich mit diesen Worten tue.“ So verhärtet sich Sprache zu etwas, das die kommunikative Seite dieser Sprechhandlung in einen Schlag verwandelt, in eine bloß noch auf Zerstörung ausgerichtete Geste.

„Die Motivation zur Gewalt kann auch in kommunikativen Räumen entstehen.“

Das ist der Punkt, an dem laut Ihrer Darstellung Sprache Gewalt nicht mehr nur vorbereitet, sondern „ist“?


Sie kann gewaltförmig werden, genau. Umgekehrt bleibt die Frage: „Gelingt es mir noch, darauf eine Antwort zu finden?“ Dann habe ich ein Stück dieses Verletzungspotenzials abgewendet, denn die Verletzung passiert durch das Stummgemachtwerden, mit dem Effekt, nicht mehr kommunizieren zu können. Wechselseitiges Lautwerden wird keine ultimative Verletzung gewesen sein, sondern eine Gemengelage von heftigem Austausch, von Beschimpfungen oder Kritik, aber eine Antwort war noch möglich. Insofern gehört zu Verletzungen immer auch, dass es tatsächlich zum Kommunikationsabbruch kam; dass der einen Seite tatsächlich nichts mehr bleibt, als ohnmächtiges Schweigen.

Worin besteht die von Ihnen postulierte „Körperkraft der Sprache“?


Es gibt viele philosophische und sprachtheoretische Konzepte, die Grenzsituationen, in denen Sprache nicht nur Sprache ist, sondern über sich hinauswächst, auf eine Weise interpretieren, als ob dann der Körper mit unseren Gefühlen die Leitfunktion in unserer Kommunikation übernimmt. Das Stichwort „Körperkraft von Sprache“ soll das Gegenteil auf den Punkt bringen: Es tritt nicht der Körper nach vorn, sondern unsere gelebte Sprachlichkeit selbst entwickelt eine eigene Form von körperlich einprägsamer Stärke, von Körperlichkeit also, auch von körperlicher Macht. Wenn wir noch einmal beim Verletzungsakt als einer möglichen Extremform von Sprache bleiben: Es ist also nicht so, dass es am Ende „der Körper“ ist, der verletzt, sondern es ist tatsächlich „die Sprache“, die diese Verletzungskraft entfaltet hat. Es kann folglich eine physische Präsenz und physische Macht genuin von der Sprache ausgehen.

Dennoch werden viele Leute spontan die Beschimpfung als weniger heftig einstufen als den Faustschlag.


Ja. Beides sind sehr verschiedene Akte, die auf sehr unterschiedliche Weise verletzen. Allerdings behaupte ich, dass ich den physischen Schlag, den ich als unangenehm empfinde, unter Umständen schneller vergesse. Es kann sein, dass sich der verbale Schlag in meinem Leben nachhaltiger auswirkt, und wir wissen nicht so genau, wie das eigentlich heilt, was er uns zufügt. Ich will die beiden Gewaltformen nicht gegeneinander ausspielen, ich will nur ein genuines Vermögen der Sprache neben das ohnehin vorhandene physische Vermögen stellen, das Körper haben. Wir sollten beides gleichberechtigt in den Blick nehmen – als gleich wichtig unter dem Gesichtspunkt der Verletzungskraft, die da potenziell enthalten ist, und beide Male nicht immer freigesetzt werden muss. Auch über das, was Gewalt auf der rein physischen Ebene ausmacht, kann man lange diskutieren. Fußballer*innen etwa können sich im Spielgeschehen gegenseitig ordentlich verletzen, das tut dann weh und alles, aber man wird hier nicht automatisch den Gewaltbegriff verwenden. Die Gewaltfrage hängt also nicht an der physischen Verletzung. Wir sind genauso in unserer Sprache, wie wir in unserem Körper sind.

Oft werden die sozialen Medien für eine Dynamik verantwortlich gemacht, wonach eine immer gewaltvollere Rhetorik um sich greife. Hat das tatsächlich eine neue Qualität?


Digitalmedien haben nicht aus sich heraus mehr Macht als klassische. Dass Geschriebenes heftig wirken kann, kann man auch an Briefen oder an unerwarteten kleinen Zetteln erleben, die unter der Tür durchgeschoben werden. Aber natürlich sind digitale Umgebungen durch die Menge an anonymisierten Äußerungen, die dort kursieren, etwas Neues – ebenso wie die sich dort entwickelnde ganz eigene Form von entfesselten Sprachgesten. Das kann schon schockieren, vor allem, wenn man nicht daran gewöhnt ist. Zugleich stellt sich die Frage, was es mit Menschen und zumal Kindern macht, sich daran zu gewöhnen.

In den sozialen Medien scheint der Körper, anders als im face-à-face-Dialog, abwesend zu sein. Macht es das einfacher, andere zu attackieren?


Ich bin mir nicht sicher, dass man im Netz enthemmter agiert, weil man sein Gegenüber nicht sehen kann. Ich glaube auch nicht an eine Art Beißhemmung durch physische Anwesenheit des Gegenübers. Ich denke eher, das Gefühl, dass man ein Publikum hat, das goutiert, was man tut, ist für die Frage des Fallenlassens von Hemmungen entscheidend. Und im Netz kann man sich ein riesiges Publikum imaginieren.

Was bedeuten Ihre Ergebnisse für eine derzeit häufig angemahnte neue Streitkultur?


Man sollte sich klarmachen, dass Geschriebenes und Gesagtes nicht wirkungslos bleibt. Sprache hat Kraft, und es gilt zu verstehen, dass man neben der bloßen Wortwahl auch in Sprachakten handelt. Ob das Internet eine neue Verantwortlichkeit mit sich bringt, bleibt eine andere Frage. Aber Sprache ist etwas, das zu hundert Prozent ernst genommen werden muss, das, denke ich, ist die generelle Botschaft.

Petra Gehring ist Professorin für Philosophie an der Technischen Universität Darmstadt. In ihrem Buch „Über die Körperkraft von Sprache“ geht sie von dem Gedanken aus, dass Sprache weder per se das Gegenteil von Gewalt ist, noch dass Worte als solche bewertet werden sollten. Vielmehr können „Ausnahmezustände“ des Sprachgebrauchs selbst zu einer verletzenden Waffe werden. In ihren Studien untersucht sie Sprechakte daher unter konsequenter Einbeziehung der Körperlichkeit und einer „Kraft“ der Sprache selbst. Der gängige Dualismus von Sprache und Körper steht damit in Frage.

Petra Gehring: Über die Körperkraft von Sprache. Studien zum Sprechakt. Campus Verlag 2019, 201 Seiten.


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