Das Ende eines Modells

Im Rahmen der Reihe „Cahier économique“ des nationalen Statistikamtes STATEC legt der ehemalige „Kolléisch“-Professor Gérard Trausch eine echte Fleißarbeit vor, die sich spannender liest, als der Titel „Les mutations économiques et sociales de la société luxembourgeoise depuis la révolution française“ es erwarten lässt. In acht Kapiteln, die sich chronologisch aneinander reihen und sich entweder durch die unterschiedlichen Regime oder Phasen wirtschaftlicher Entwicklung definieren, versucht der Autor die Zusammenhänge des ökonomischen und gesellschaftlichen Umbruchs Luxemburgs zu beschreiben. Dabei wird auch deutlich, wie sehr das Land durch eigenes Zutun dazu beigetragen hat, das Modell Luxemburg zu dem zu machen, was es (noch) ist. Die Fülle an Daten, Zitaten, Verweisen sowie einigen seltenen und prägnanten Illustrationen dürfte dabei vor allem eher geschichtlich- und sozialwissenschaftlich interessierte LeserInnen begeistern. Dass bürgerliche Wirtschaftswissenschaftler in einen linken und fast marxistischen Jargon verfallen, vor allem wenn es um länger zurückliegende Epochen geht, ist nicht neu. Und so kam anlässlich der Pressevorstellung auch Pierre Bourdieu zu Ehren – als es darum ging zu erläutern wie die Luxemburger Gesellschaft des 19. Jahrhunderts es verstand die Reproduktion der Klassen durch unüberwindbare kulturelle Barrieren festzuschreiben. Da wo der Autor sich mehr in der Gegenwart bewegt, gleichen sich seine Analysen dann doch eher an die „klassische“ Wirtschaftswissenschaft an. Seine These das Luxemburger Modell sei dabei die Jugend für eine „Gesellschaft der Alten“ zu opfern, mag vor allem aus dem Mund eines emeritierten Professors uneigennützig klingen. Sie ist aber nicht neu, und klingt doch sehr nach dem von der Arbeitgeberseite geforderten Rückbau des Sozialsystems. Dass das bismarcksche Rentenmodell, das bei seiner Einführung ein Renteneinstiegsalter vorsah, das über der damaligen Lebenserwartung lag, einiger Anpassungen bedarf, ist unumstritten. Doch dürfte gerade die ganzheitliche Sicht, die Trauschs Publikation stellenweise auszeichnet, auch andere Schlüsse zulassen als nur in die von vielen herbeigesehnte Kürzungsorgie zu verfallen. Das 220-seitige Werk kann für 6,80 Euro erstanden werden, lässt sich aber auch gratis über den Link www.statec.lu unter „publications“ als PDF herunterladen. Zumindest hier dürften jugendliche LeserInnen also im Vorteil sein.


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