TANZ: „Eine Form von Underground“

Der israelische Choreograf Hofesh Shechter gehörte früher als Tänzer der Batsheva Dance Company an und arbeitete mit Ohad Naharin und anderen berühmten Choreografen zusammen. Nach steiler Karriere ging er 2002 nach England und gründete dort seine eigene Tanzkompanie. Heute ist er ein Star der internationalen Tanzszene.

(Foto: Gabriele Zucca)

woxx: Ihre Tanz-Stücke kann man immer auch politisch verstehen. Muss man „Sun“ ebenfalls politisch deuten?

Hofesh Shechter: Ja, auf jeden Fall. Einige Bilder sind sehr ausdrucksstark und selbstverständlich zu interpretieren. Kunst ist ja immer irgendwie eine Antwort auf politische Geschehnisse. Ich schneide in meinem Stück Politik sicher nicht in einer kohärenten Weise an, aber da sind definitiv Bilder, die man politisch deuten kann, und ich denke, die Zuschauer werden schon etwas darin sehen, was mit sozialen gesellschaftlichen Strukturen zusammenhängt.

Empfinden Sie sich als politischen Menschen, und falls ja, wie weit fließt das in Ihre Arbeit ein? Und wollen Sie mit Ihrer Arbeit etwas verändern?

Ich glaube nicht daran, dass wir irgendetwas verändern können. Ich bin eine Person, die relativ wenig Hoffnung hat, etwas zu verändern. Ich denke, meine Arbeit besteht eher darin, Fragen in Bezug auf unsere Umwelt und die sozialen Strukturen, in denen wir uns bewegen, zu stellen. Und das ist auch, worum es in „Sun“ geht. Das Stück ist ein Tableau voller unbequemer Fragen. Und hoffentlich kann es dazu anregen, über die Strukturen nachzudenken, in denen wir leben. Ich fühle mich aber nicht so, als hätte ich Antworten. Ich will den Leuten weder den richtigen noch den falschen Weg predigen. Ich glaube, Fragen zu stellen, kann helfen, etwas zu verändern.

In ihrer bekannten Choreografie „Political Mother“ ist das Verhältnis des Individuums in einer von Zwängen beherrschten Gesellschaft das Leitmotiv. Ist das Ihre Gesellschaftskritik in unserer schnelllebigen Welt, in der der Mensch wie in einem Getriebe „funktionieren“ muss?

Es ist ein gewisses Gefühl, das ich habe. Und ich denke, „Sun“ eröffnet vielleicht eine neue Perspektive. Wir beobachten nicht Opfer, sondern eher Menschen, die uns kontrollieren und manipulieren. Der Blick ist eher auf die Herrschenden gerichtet. Die Frage ist eher, ob sie wirklich ihren Weg gewählt haben und an das glauben, was sie machen. Es ist ein anderer Rahmen. Aber was sicher ist, ist dass es einen massiven Existenzkampf gibt. Wir streben soziale Harmonie an, die wir natürlich noch nicht gefunden haben. Wir finden Momente in unserem Leben, in denen es uns gut geht, aber in der Welt gibt es auf lange Sicht kaum etwas, das nicht funktional ist.

Ihre Choreografien sind kraftvoll und dynamisch. Wollen sie damit in erster Linie gesellschaftliche Verhaltensregeln hinterfragen? Oder hat tänzerische Präzision und Ästhetik Vorrang vor der gesellschaftskritischen Dimension?

Es ist eine Mischung aus Beidem. Ich genieße es, mit starker Dynamik und mit großen Gruppen zu arbeiten, aber ich hinterfrage dies auch und frage mich danach, was mich daran eigentlich zufrieden macht. Es gibt etwas, das Menschen zu Gruppen und Macht hinzieht. Und es wird langsam zu meinem Statement. Man kann es auch ein Urteil nennen. Aber ich bin genauso schuldig wie alle anderen auch, instinktiv etwas Starkes zu fühlen. Was macht unsere Natur aus? Dass Gruppen diese Energie genießen.

Dass Humor und Witz für den zeitgenössischen Tanz kennzeichnend sind, könnte man wohl kaum behaupten. Wieso gibt es in den meisten Choreografien so wenig Witz?

Oh, nein. In „Sun“ mache ich jede Menge Witze. Vielleicht lacht niemand, weil sie nicht witzig sind, aber es gibt viele. Als ich an der Choreografie zu „Sun“ gearbeitet habe, habe ich mir genau diese Frage gestellt. Ich scherze ja auch mit meinen Tänzern. Wie kann man diese Stimmung auf die Bühne bringen? Es ist schwierig, weil wir ein sehr schweres Thema vermitteln. Und die Leute denken dann, dass sie nicht lachen dürfen. Es hat eher Komik, als dass es wirklich witzig ist. Aber ich denke schon, dass Witz und Komik ihren Platz im zeitgenössischen Tanz haben. Choreografien müssen nicht tiefsinnig und ernst sein, um wichtig zu sein. Es ist wichtig, über sich selbst lachen zu können. Vor allem, wenn es ernst wird. Je ernster die Situation ist, desto wichtiger ist es, zu lachen. Und was wir in „Sun“ machen, ist der Versuch, sich der Welt mutig entgegenzustellen. Das ist mein Zugang.

Sie haben in England Ihr eigenes Tanzensemble gegründet, die „Hofesh Shechter Dance Company“. Ist Europa Ihr „Zuhause“ geworden?

Ich fühle mich sehr wohl in England. London ist eine reiche, farbenfrohe Stadt. Da wohnen Menschen aus der ganzen Welt. Es ist wie eine Stadt voller verlorener Seelen. Ich bin stolz, eine davon zu sein. Ich wohne dort seit zwölf Jahren, meine Kompanie ist in England, und mittlerweile fühle ich mich hier zu Hause.

Wo steht der Ausdruckstanz heute? Und wo wird er in zehn Jahren stehen? Hat er viel Entwicklungspotenzial?

Heute erscheint mir der zeitgenössische Tanz fast wie eine Underground-Kunst-Sparte. Es ist so, dass die Leute, die sich Modernen Tanz ansehen, den Dreh dazu haben. Und oft ist es wie ihr eigenes Geheimnis. Das sind nicht unbedingt Experten, sondern Leute, die diesen komischen, heftigen Tanz für sich entdeckt haben. Beim Modernen Tanz ist es meistens so, dass man das Stück entweder total liebt oder aber es ganz ätzend findet und nichts mit ihm anfangen kann. Das sagt wenig darüber aus, ob die Show gut ist oder nicht, sondern nur, ob man einen Bezug dazu hat. Es ist also echt „Underground“. Ich hoffe, dass der zeitgenössische Tanz in zehn Jahren genau da steht, wo er jetzt ist. Weil es mir Ruhe gibt. Es gibt für mich keine Definitionen, keine Grenzen, niemand schreibt einem vor, wie man es machen soll. Man kann auf der Bühne wirklich das tun, was man will. Das gibt mir ein einzigartiges Gefühl von Ruhe. Vor hundert Jahren konnte man nicht aus den Rollen herausschlüpfen. Ich hoffe, der moderne Tanz bleibt eine Underground-Kunstform.

Hofesh Shechter’s Sun – Europapremiere. Am 25. und 26. Oktober um 20 Uhr im Grand Théâtre.


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