UNI BELVAL: Umzugswehen

Am Donnerstag bewilligte das Parlament einstimmig 140 Millionen Euro, damit die Uni Luxemburg endlich ihren Umzug nach Belval in Angriff nehmen kann. Doch große Glücksgefühle blieben bei den abstimmenden PolitikerInnen und bei den Betroffenen aus.

Im Hintergrund das Uni-Hauptgebäude – die „Maison du Savoir“ mit dem markanten 83 Meter hohen Turm der die Univerwaltung beherbergen wird. Das von Baumschlager Eberle und Christian Bauer & Associés Architectes zur Nordseite hin errichtete Gebäude soll „horizontale Wissensweitergabe, vertikales Streben der Institution“ symbolisieren. Bescheiden fiel hingegen die Uni-Mensa (links) aus. (© Fonds Belval)

Dass das vergangene Wochenende verregnet war, dürfte nur ein schwacher Trost für die Berichterstatterin des Gesetzesprojektes 6697 gewesen sein. Nicht nur, dass Josée Lorsché bei der Konsultationsdebatte zur Pflegeversicherung am vorigen Dienstag kurzfristig für ihre aus dem Amt scheidende Kollegin Isabelle Wickler einspringen musste ? am Donnerstag vergangener Woche wurde ihr eröffnet, dass sie auch den Bericht zum Gesetz zum „équipement meublant, scientifique, informatique et autre“ einiger bereits fertiggestellter Gebäude der neuen Uni in Esch-Belval verfassen müsse. Und der sollte nicht später als am darauffolgenden Montag in der Kommission für nachhaltige Entwicklung verabschiedet werden.

Diese Auftragsvergabe kam nicht nur überraschend, sie bedeutete für die vielbeschäftigte Mehrheitsabgeordnete auch, dass sie sich kurzfristig in ein Dossier einlesen musste, das bislang eigentlich zur Domäne der KollegInnen aus der Hochschulkommission gehörte. Wohl um die leidige Angelegenheit des Uni-Umzugs endlich einem gütlichen Ende zuzuführen, wurde das Dossier im alleinigen Zuständigkeitsbereich des Infrastrukturministers François Bausch belassen und folglich das am 16. Juni deponierte Gesetz an die entsprechende Kommission verwiesen. Auch wenn der Staatsrat monierte, das Drängen des Infrastrukturministers auf schnelle Erledigung sei eigentlich eine Amtsanmaßung weil eine solche Bitte an den Staatsrat um rasche Behandlung allein dem Premier zustehe, zeigte er doch Verständnis für die besonderen Umstände und reichte schon am 24. Juni sein Gutachten ein. Er drohte darin zwar einige „oppositions formelles“ an, doch beschränkten die sich auf fehlende Präzisierungen, die mittels entsprechender Textanpassungen durch die Chamber-Kommission nachgebessert werden konnten.

So fand am Donnerstag zumindest formell eine unrühmliche Episode ein Ende, was allerdings nicht dazu beitrug, die Geburtsfehler der Uni auf Belval zu beheben, sondern lediglich half, einige der mit diesen verbundenen Schlampereien zu übertünchen. Die Luxemburger Universität ist nämlich weder Besitzerin der Gebäude auf Belval, noch ist sie mit dem Betrieb und dem Unterhalt der zu ihnen gehörenden Installationen betraut. Zwar sollten Bau und Betrieb der Gebäude im Einvernehmen mit den Uni-Verantwortlichen vonstatten gehen, doch der letztendlich Verantwortliche ist der „Fonds Belval“, eine gemeinnützige Institution, die die Entwicklung des Standortes Belval zur Aufgabe hat, der ja aus der Rekonversion der dortigen Industriebrache entstanden ist und weit mehr als nur die Uni-Gebäude umfasst.

Wer soll das bezahlen

Wer zur Miete wohnt, kennt das Problem der Unterhaltskosten und den Streit darüber, wer für welche Art von Instandhaltungskosten aufkommen muss. Ganz ähnlich liegt das Problem bei den Uni-Gebäuden auf Belval. Als diese nach und nach fertiggestellt wurden, schob man die Frage nach den nicht-fixen Installationen und dem Mobiliar immer weiter vor sich her, bis man irgendwann im Jahr 2013 – also recht kurz vor dem ursprünglich auf 2014 festgelegten Umzugstermin – erkannte, dass die bis dahin bewilligten Gelder es nicht erlaubten, die für eine Uni unumgänglichen Dinge, wie die informatische Verkabelung oder die Beschaffung von Mobiliar usw., zu bezahlen. Irgendwo im Dickicht zwischen Hochschulministerium, Fonds Belval und Uni-Direktion war das Dossier verlorengegangen, weshalb ein neues Finanzierungsgesetz notwendig wurde. Das mit 140 Millionen Euro veranschlagte „kleine Missverständnis“ ließ sich nämlich nicht so einfach aus der Portokasse des Infrastruktur-Ministeriums beheben. Übersteigen Ausgaben die Grenze von 40 Millionen Euro, müssen sie per Gesetz durch das Parlament bewilligt werden.

Dass dies jetzt so schnell und wahrscheinlich auch recht oberflächlich geschieht, ist sicherlich nicht im Sinne des Parlaments und seiner immer wieder erhobenen Forderung nach besserer Kontrolle der Staatsausgaben. Wenn es dennoch die parlamentarische Hürde ohne größere Widerstände passierte, dann nur deshalb, weil kaum jemand ein Interesse daran hat, den Umzug der Uni noch weiter zu verschleppen. Auch so wird noch viel Zeit verloren gehen. Denn obwohl einige der jetzt anstehenden Aufträge schon ausgeschrieben und vergeben wurden, konnten gewisse Vorarbeiten infolge der budgetären Ungewissheit noch nicht in Angriff genommen werden. Deshalb halten sich die Uni-Verantwortlichen, allen voran Noch-Rektor Rolf Tarrach, mit Aussagen, wann der Umzug denn nun wirklich stattfinden wird, auffällig zurück. Nur eines ist gewiss: Tarrachs 2010 gemachte Prophezeiung, dass die Uni nicht vor seiner Pensionierung nach Esch ziehen werde, wird sich bewahrheiten: Er hört zum Ende des Jahres auf.

Die CSV, die ja die ganzen Jahre über die Verantwortung für das Hochschulministerium und den Aufbau der Uni trug, hält sich bedeckt, denn auch ohne die Neuwahlen vom Oktober 2013 hätte es ein solches Not-Gesetz geben müssen, das dann wohl von Claude Wiseler, dem jetzt frisch gekürten Oppositionsführer, unterschrieben worden wäre.

Doch gehen die Sorgen beim Lehr- und Forschungspersonal, aber auch bei den StudentInnen der Uni, weit über fehlende Kabel, Tische und Stühle hinaus. Wegen der langen Planungs- und Instandsetzungsarbeiten auf Belval sind die Bedürfnisse der Universität, die sich seit ihrer Gründung vor zehn Jahren rasant entwickelt hat, stärker gewachsen als ursprünglich gedacht. Die Folge: Der Fonds Belval hat als Bauherr von Beginn an den Raumbedarf für die Universität zu niedrig eingeschätzt. Im April 2009 zum Beispiel wurde, bei einem Treffen auf Campus Walferdange mit Vertretern des Fonds Belval und der Architektin des Maison des Sciences Humaines, Tatjana Faber, von Seiten der humanwissenschaftlichen Fakultät darauf hingewiesen, dass die den Planungen zugrundeliegenden Zahlen – schon zu diesem Zeitpunkt – völlig überholt waren. Doch der Fonds Belval lehnte jedwede Korrektur ab.

Fehlende Bibliothek

Auch übergeordnete Planungsvorgaben des Standorts Belval machen so manchem Uni-Mitarbeiter Sorgen. Während bei den meisten Unis die Bibliothek sozusagen das zentrale Kernstück des Areals ausmacht, wurde für Belval beschlossen, sie später „nachzureichen“. Böse Zungen behaupten, dass Rektorat habe sich mit dieser Vorgehensweise abgefunden, weil klassische Bibliotheken vor allem für die Naturwissenschaften eine immer geringere Rolle spielten und neue, und mittlerweile auch frühere, Forschungsarbeiten ohnehin in digitaler Form vorlägen.

Das sehen die GeisteswissenschaftlerInnen natürlich anders, doch müssen sie jetzt auch noch indirekt die Konsequenzen dieser zeitlichen Verschiebung tragen: Der Anteil am Gesamtraum der „Maison des Sciences“, der ihnen 2010 bei einer mit dem Fonds Belval durchgeführten Bedarfserhebung für Labos zugestanden worden war, wurde immer wieder nach unten revidiert. Die Labos im Untergeschoss wurden gestrichen ? denn hier soll provisorisch die Bibliothek unterkommen. Die Aufteilung der verbliebenen ersten Etage war eigentlich im Detail mit dem Vertreter der FLSHASE-Fakultät abgesprochen worden, doch stellte sich heraus, dass der jetzt erfolgte Innenausbau den Plänen in vielen Punkten nicht gerecht wird. Es fehlen Verbindungstüren und Waschbecken. Wände wurden versetzt, sodass sich die Frage stellt, ob diese Räume in diesem Zuschnitt überhaupt nutzbar sind und ob die Labos, die klinischen Zwecken dienen, den gesetzlichen Mindeststandards gerecht werden. Die mangelnde Absprache wird also kostspielige Detailverbesserungen nach sich ziehen.

Allerdings stellt sich die Frage, ob hier nur Planungschaos herrscht, oder ob nicht doch das Kalkül dahinter steckt, den ohnehin knappen Raum auch anderen zugute kommen zu lassen. Der Verdacht wird durch den Umstand erhärtet, dass das von der FLSHASE-Fakultät gewünschte Digital-History-Lab und das gemeinsame Forschungs-Labo der Fächer Geschichte, Philosophie und Politikwissenschaft vom Fonds Belval als „Reserve“ gekennzeichnet wurden und somit zur Disposition stehen. Die Fakultät muss den Bedarf und die Auslastung der von ihr beanspruchten Labos erneut darlegen. Zweck des Ganzen: Es soll geprüft werden, ob die universitären Labos nicht vielleicht stunden- oder tagesweise an Dritte weitervermietet werden könnten.

Viele Untermieter

Um bei den Human-Wissenschaften zu blieben: Auch die Zahl der zur Verfügung stehenden Büros wird der Entwicklung der Fakultät nicht gerecht. Im Vergleich zum aktuellen Standort Walferdingen werden sich die Arbeitsbedingungen drastisch verschlechtern, denn die Büros in der „Maison des Sciences“ sind mit 13 Quadratmetern äußerst knapp bemessen. Ohnehin werden viele MitarbeiterInnen, zumindest die, die keine (Assistenz-)ProfessorInnen sind, in Dreier- oder Vierer-Büros untergebracht, die aber nicht einmal die doppelte Fläche der normalen aufweisen.

Einen gewissen Konkurrenzneid verursacht auch die Unterbringung des CEPS in der „Maison des Sciences“. Für das Forschungsinstitut ist der Umzug sicherlich ein Glücksfall, weil es in den vergangenen Jahren durch hohe Kosten in einem (privat) angemieteten Bürogebäude finanziell stark angeschlagen war. Doch jetzt scheint es im Vergleich zur FLSHASE fast privilegiert, steht ihm doch für rund 90 Mitarbeiterinnen eine gesamte Etage zur Verfügung, während die gleiche Fläche sonst für rund die doppelte Zahl an MitarbeiterInnen veranschlagt wird.

Auch andere Indizien deuten darauf hin, dass die Uni-Luxemburg sich nie richtig „heimisch“ in den ihr zugedachten Räumen fühlen wird. Die Verwaltung der Immobilien, die wie schon erwähnt dem Fonds Belval obliegt, geht soweit, dass die Vergabe von Räumen oder aber auch die Zugangsrechte für die Gebäude nicht von der Uni-Verwaltung, sondern durch den Fonds getätigt werden. Studierende oder Besucher ohne Berechtigungskarte können die Gebäude nicht betreten und müssten, den Sicherheitsregeln entsprechend, von den MitarbeiterInnen am Eingang abgeholt werden.

Und auch die Entfaltung des sozialen Lebens kann die Uni wohl kaum nach eigenem Gutdünken gestalten. Kinderkrippen sind im Rahmen der Uni-Gebäude nicht vorgesehen. Die Mensa ist mit 200 Plätzen bewusst klein gehalten, da man bestrebt ist, die Restaurants im Belval-Viertel von der Uni mitprofitieren zu lassen.

Während die human- und naturwissenschaftlichen Fakultäten mit einiger Ungeduld, trotz der vielen Unsicherheiten, auf den Umzug nach Belval warten, schlägt jetzt auch der Rektor der Rechts-, Finanz- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät, Stefan Braum, Alarm: Zwar soll seine Fakultät in die bestehenden Haupt-Gebäude der jetzigen Universität auf Limpertsberg umziehen und somit in der Hauptstadt verbleiben, doch auch hier scheint weitgehend unklar, wie und wann der Umzug vonstatten gehen soll. Und: Nirgendwo sind Gelder für die Umzugskosten, für notwendige Umbauten oder angepasstes Mobiliar vorgesehen. Ein nächstes Not-Gesetz bahnt sich demnach an.


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