NAHOST: Ein furchtbarer Fehler

Der israelische Premierminister Ariel Scharon wollte Tabula Rasa machen. Doch nach der Tötung Scheich Jassins stehen die Zeichen auf noch mehr Gewalt im Nahen Osten.

Mitleid hat Scheich Ahmed Jassin nicht verdient. Der Hamas-Gründer rief nicht nur zur Tötung unschuldiger Israelis auf, sondern hieß sogar den Einsatz von Kindern als Selbstmordattentäter gut. Anfang dieser Woche ist Jassin ein Opfer jenes Terrors geworden, den er unter anderem selbst gesät hatte.

Trotzdem ist seine Ermordung zu verurteilen. Statt den Scheich für seine Hetzkampagne vor ein Gericht zu bringen, wie es sich in einem Rechtsstaat gehört, ist er zusammen mit ein paar Anhängern nach der Devise „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ liquidiert worden. Israels Premierminister Ariel Scharon soll die Aktion von seiner Farm in der Negev-Wüste selbst überwacht haben.

Über die Motive für Scharons Vorgehen ist in den vergangenen Tagen viel spekuliert worden. Der Regierungschef hatte erst kürzlich angekündigt, das Militär und die Siedler aus dem Gaza-Streifen abzuziehen. Um dies innenpolitisch durchzusetzen und nicht den Eindruck entstehen zu lassen, er weiche der Gewalt, wollte er vermutlich vorher noch einmal den starken Mann spielen. Niemand sollte ihm den Abzug als Schwäche auslegen, weder die Siedler noch seine Kritiker im Kabinett, in der Armee sowie seiner Likud-Partei. Außerdem wollte er den Gaza-Streifen nicht der Hamas überlassen.

Scharons Vorgehen hat einen Hauch von Wildwest. Schwäche zeigen passt nicht in das Weltbild des 76-Jährigen, der als rechter Bulldozer bekannt ist. Dieses Image pflegte er nicht nur als Offizier 1967 im Sechstagekrieg und 1973 im Jom-Kippur-Krieg. Seine unerbittliche Linie setzte er auch als Verteidigungsminister 1982 beim Einmarsch Israels im Libanon fort. Von Friedensdiplomatie hält Scharon nichts. Das bewies er, als er mit seinem Besuch auf dem Jerusalemer Tempelberg im September 2000, einer Stätte sowohl jüdischer als auch muslimischer Heiligtümer, die zweite Intifada provozierte. Ein Cowboy eben, oder ein Rambo, der die Welt in Gut und Böse aufteilt und auch als Regierungschef seit 2001 nach dem Prinzip „die oder wir“ Politik betreibt.

Scharons Verwandter im Geiste sitzt einige tausend Kilometer weiter westlich im Weißen Haus von Washington. US-Präsident George W. Bush hat den israelischen Premier gewähren lassen. Im Wahljahr wollte er sich nicht auch noch den Nahostkonflikt aufhalsen. Die Kritik aus Washington an Israels Regierung war verhalten, der Druck der USA milde bis nicht existent. Wie sollte er auch anders sein, folgt der Verbündete doch ganz den alten Gesetzen der Prärie: Ein Rancher zäunt sein Land ein, und wenn es jemand unrechtmäßig betritt, zieht er den Colt und schießt.

Auch Israels Premierminister will sein Land mit einem Zaun schützen. Gegenüber Feinden betreibt der „Falke der Falken“, wie ihn Le Monde bezeichnete, eine Politik der „aktiven Verteidigung“. Während die palästinensische Verwaltungsbehörde im Sumpf von Korruption und Vetternwirtschaft versinkt und Palästinenserpräsident Jassir Arafat an politischer Bedeutung verloren hat, ist die Hamas für Scharon ein Widerpart, der dem Klischee des Bösen entspricht. Scharon und Hamas ergänzen und brauchen einander: Der Terror der Hamas diente dem Regierungschef dazu, den Friedensprozess von Oslo zu beenden – und die Hinrichtungen von Hamas-Führern nutzte Hamas, um ihren Vernichtungsfeldzug gegen Israel zu legitimieren. Nach Belieben drehen beide Seiten an der Gewaltspirale – dieses Mal war es Scharon, indem er Jassin töten ließ.

Den Terror hat er damit nicht besiegt, sondern das Gegenteil erreicht: Die Hamas kündigte bereits ein „Erdbeben der Vergeltung“ an. Der enthaupteten Hydra wachsen neue Köpfe, denn dem getöteten Jassin, für die radikalen PalästinenserInnen zum Märtyrer geworden, folgen neue Hardliner nach. Die Hamas kündigte bereits die Ermordung Scharons an. Ein weiteres Zeichen der Eskalation ist der im Internet aufgetauchte angebliche Racheaufruf des Terrornetzwerks Al-Qaida, das sich nun an die Seite der Hamas gesellt. Die Gewalt droht zu eskalieren. Scharon hat einen furchtbaren Fehler begangen, für den sowohl die Israelis als auch die PalästinenserInnen einen hohen Blutzoll bezahlen werden. Der Frieden ist in weite Ferne gerückt.


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