AFGHANISTAN: Die Gunst des Westens Die Gunst des Westens

Die große Konferenz um die Zukunft in Afghanistan kommt einerseits zu spät, andererseits zu früh. Und die Auswahl derer, die dort mitreden dürfen, ist so zweifelhaft wie die der Verbündeten im Krieg für „Demokratie und Zivilisation“.

Der Westen steht kurz vor dem Sieg in Afghanistan. Mit ihm sein Verbündeter: die Nordallianz. Über sie wurde seit Beginn des Krieges am 7. Oktober viel geschrieben, analysiert, kommentiert. Fazit: Nach westlichem Geschmack sind ihre Anführer zwar etwas zu rauhe Buschen mit zweifelhaften moralischen Vorstellungen, als Fußsoldaten, im schwer begehbaren afghanischen Gelände sind ihre Truppen jedoch unentbehrlich.

Dass die Definition von „good and evil“, die George W. Bush in diesen Wochen immer wieder kindgerecht erläuterte, am Hindukusch anders lautet, ist allen klar. Da reicht allein schon der kurze Hinweis auf die Geschichte Afghanistans: Krieg gehört dort zum Alltag, folglich haben sich die Menschen an rauhe Zeiten gewöhnt.

Jetzt, kurz vor dem Sturz des Taliban-Regimes, kommt Eile auf: Die Frage nach der politischen Führung muss so schnell wie möglich geklärt werden. Vor allem, weil es nun erste Schwierigkeiten mit dem Bündnispartner Nordallianz gibt. Zum Beispiel als die britischen Truppen nach Kabul hasteten, um dadurch klarzustellen, wer die europäische Nr. 1 in Sachen zukünftige Friedensmacht in Afghanistan ist. Nordallianz-Kommandeur Mohammed Fahim machte deutlich, dass er der britischen Besatzungsmacht keine Rechenschaft ablegen will.

In Bonn soll ab Montag unter der Regie der Vereinten Nationen darüber debattiert werden, wie ein Übergangsregime für Afghanistan aussehen könnte. UN-Sprecher betonen zwar, bei der Konferenz seien alle wichtigen Gruppen präsent. Doch: Welche Kriterien gelten eigentlich, um sich als repräsentativer Gesprächspartner anmelden zu dürfen? Was passiert mit Gruppen, die gar keine Sprecher haben? Die afghanischen Frauen zum Beispiel. Ihr Schicksal bewegt seit der Anschläge vom 11. September plötzlich die Gemüter. Die Bilder ihrer Unterdrückung dienten nicht zuletzt als eine der vielen Rechtfertigungen für diesen Krieg. Es war kaum zu erwarten, dass Organisationen, die sich für Frauen- oder andere emanzipatorische Rechte einsetzen wollen, in Afghanistan von heute auf morgen handlungsbereit dastehen würden. Jetzt, da es um die Neuverteilung der Macht geht, ist von den Frauen allerdings kaum mehr die Rede.

Die Zusammensetzung der Bonner Männer-Runde lässt da wenig Hoffnung. Frauen oder gar feministische Organisationen haben auch nach dem Sturz der Taliban keine Zuversicht, künftig nicht mit Repressionen rechnen zu müssen. In Kabul haben die neuen Herrscher kurz nach ihrem Einmarsch schon mal vorsorglich eine feministische Kundgebung verboten.

In Bonn werden die mitreden, die sich schon heute in Afghanistan auf eine Machtstruktur stützen können. Wieviel Unterstützung sie tatsächlich in der afghanischen Zivilgesellschaft genießen, sprich wie demokratisch ihr Fundament ist, steht dabei auf einem ganz anderen Blatt. In Mazar-i-Sharif etwa regiert jetzt General Rashid Dostum. Er ist unter anderem dafür bekannt, dass er seine Soldaten bestraft, indem sie, festgebunden an einen Panzer, im Militärlager vor den Augen ihrer Kameraden zu Tode geschleift werden.

Doch solche Gepflogenheiten wollen derzeit weder Donald H. Rumsfeld noch Joschka Fischer an die große Glocke hängen. Dass sich die Nordallianz ebenso wie die Taliban zu 80 Prozent aus dem Drogengeschäft finanziert, wird ebenfalls nicht gerne erwähnt. 1996 haben ihre Truppen zuletzt Kabul verlassen. Damals gab es 50.000 Tote, systematische Plünderungen und Vergewaltigungen. Die Einzelheiten der jetzigen Feldzüge der Nordallianz kommen kaum ans Tageslicht. Was sie wirklich gegenüber den Taliban als die Besseren qualifiziert, ist unklar. In einem Punkt wissen es die westlichen Verbündeten jedoch ganz genau: Sie haben Osama bin Laden nicht in einer ihrer Höhlen aufgenommen. Und das scheint vorerst immer noch auszureichen.

Ein Kommentar von Danièle Weber


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