CLAUDE LENNERS: Der Klangkünstler

Dass seine Werke zur Aufführung kommen, ist dem Luxemburger Komponisten Claude Lenners wichtig. In seinen zeitgenössisch-klassischen Musikstücken setzt er modernste Computertechnik ein. Und greift in seiner Kammeroper „Odyssey reloaded“ einen uralten Mythos auf.

Künstlich erzeugte Klänge gehören für Claude Lenners unabdingbar zur Musik des
21. Jahrhunderts – natürlich!

An der hinteren Wand die Xylofone und das Schlagzeug. Davor zwei Klavierflügel, ineinander verkeilt. Ganz vorn, fast wie ein Dirigent, ein Gerüst mit drei aufmontierten, dem Saal zugewandten Lautsprecherboxen. Weitere Lautsprecher sind an den Seitenwänden des „Espace Découverte“ in der Philharmonie angebracht. Die Instrumentalbesetzung des Konzerts am 16. November ist so ungewöhnlich nicht: Sie wurde von Bela Bartok 1942 mit der Sonate für zwei Klaviere und Schlaginstrumente eingeführt. Doch an diesem Abend, über sechs Jahrzehnte später, ist auch Elektronik im Spiel.

Die Aufführung beginnt mit Klavierklängen, dann fallen die Schlaginstrumente ein, erst leise, dann heftiger. Plötzlich steht die linke Pianistin auf, greift mit einer Hand ins Klavier, tastet im Inneren herum. Die andere Hand spielt weiter – mit einem sehr trockenen Klang, fast als würde sie Holzstäbchen statt Saiten zum Klingen bringen. Den verfremdeten Tönen antworten natürlich klingende Tonfolgen des zweiten Klaviers, die Schlagzeugspieler greifen die rhythmischen Motive auf – und man hört elektronisch verarbeitete Klänge, die durch den Raum wandern. Das Stück heißt „Wilderness of mirrors“.

„Die Töne auf ?trajectoires spatiales‘ durch den Raum schicken, das kann nur der Computer. Er steht heutzutage für den Fortschritt im Instrumentenbau.“ Claude Lenners, der Komponist des Stückes, sitzt mir gegenüber in der Kantine des Conservatoire. Er sieht aus wie ein „poète maudit“ aus dem Bilderbuch: Pullover, Stoppelbart, die Stirn in Falten mit grimmigem Beethoven-Blick. Doch wenn Lenners über seine Musik redet, hellt sein Gesicht sich auf, seine Stimme klingt eindringlich, aber freundlich. „Wilderness“ ist die musikalische Umsetzung eines Verses von T. S. Eliot. Stücke für kleine Ensembles kommen häufiger zur Aufführung und schneller, erzählt Lenners. „Bei Werken mit großer Besetzung vergehen manchmal zwei Jahre zwischen dem Zeitpunkt, an dem ich die Partitur abschließe, und dem Tag der Erstaufführung. Das ist enorm.“ Beim Komponieren muss man lernen, wie das, was man schreibt, am Ende klingt. „Fast wie beim Architekten, der eine Brücke entworfen hat und dann hofft, dass sie nicht zusammenfällt.“ Der Komponist schmunzelt: „Wobei sich der Architekt keinen Fehler erlauben kann.“ Viel Arbeit sei verlangt, doch heute wisse er, wenn er eine Note zu Papier bringt, wie das Ergebnis klingen werde. „Obwohl“, schränkt er ein, „in der zeitgenössischen Musik spielt die Erforschung neuer Möglichkeiten eine große Rolle – man probiert Sachen aus, die man nie zuvor versucht hat.“

Jazzrock gesucht, „Metastasis“ gekauft – die erste Begegnung mit „Neuer Musik“ im Plattenladen. 

Für Lenners stehen in diesen Wochen insgesamt drei Uraufführungen an: Neben „Wilderness“ am 7. Dezember das Stück „Noctis“, und vor allem seine Kammeroper „Odyssey relaoded“ am 30. November. „Es ist die x-te Fassung eines uralten Mythos. Was ist eigentlich das Schicksal, die Zukunft des Menschen? Woher kommen wir, wohin gehen wir?“, erläutert Lenners. Drei Quellen nennt er für sein Werk: Homer, James Joyce und Stanley Kubrick.

In „Odyssey reloaded“ ist der Hauptprotagon ist ein Astronaut, der wie bei Kubrick in einer Kapsel im Weltraum schwebt. Sein Gegenspieler ist der Computer, der ihn in dem Raumschiff gefangen hält – eine Parallele zur Zyklopen-Episode bei Homer. „Es geht um den Menschen, der die Kontrolle über die Technik verloren hat.“ James Joyce will Claude Lenners gerecht werden, indem er Klammern öffnet: „Die Aktion wird unterbrochen durch meditative Passagen. Der Chor greift dann ein mit Wortspielen, Silbenpermutationen und Phonemen, die keinen Sinn ergeben.“

Angefangen hat Claude Lenners nicht als klassischer Komponist, sondern als Trompeter und Jazzrock-Spieler und Stückeschreiber. In den 80er Jahren hat er die Band „Network“ gegründet, zusammen mit seinem Bruder Al, Schlagzeuger und mittlerweile ein Eckpfeiler der Luxemburger Jazzszene. „Schon damals wollte ich das Modernste nachspielen und neue Ideen ausprobieren.“ Eines seiner Vorbilder war Chick Corea, der bekannte Free-Jazz-Pianist und -Komponist.

An seine erste Begegnung mit zeitgenössischer klassischer Musik kann er sich noch gut erinnern: „Ich stand im Plattenladen, auf der Suche nach neuen Jazzrock-Aufnahmen. Im Hintergrund lief eine Musik, die mich ansprach. Da waren musikalische Strukturen drin, die ich noch nie gehört hatte.“ Es handelte sich um „Metastasis“, ein Stück von Iannis Xenakis, eines der wichtigsten Werke, die während der Erneuerung der klassischen Musik in den 50er Jahren entstanden. „Ich habe im Laden nachgefragt und dann keinen Jazzrock, sondern diese Platte gekauft.“

Stravinsky ist nicht die richtige Musik für den Wartesaal beim Zahnarzt. Vielleicht ist Mozart deshalb beliebter. 

Später hat Lenners dann endgültig das Komponieren statt des Musizierens gewählt. „Das Trompetenspielen hat mir gefehlt, diese physische Erfahrung. Aber irgendwann muss man sich ganz für das eine oder das andere entscheiden.“ Ob er die Entscheidung bereut, weil seine Musik nur ein sehr spezielles Publikum erreicht? „Das war zu allen Zeiten so. Die Begeisterung für Beethovens Musik beschränkte sich auch auf aristokratische Zirkel.“ Hinzu kommt nach Lenners‘ Ansicht, dass das Publikum Kunst konsumiert um eine angenehme Zeit zu verbringen. „Die Leute wollen nicht immer die Wahrheit hören. Stravinsky zum Beispiel, das lädt einen auf, hebt einen aus dem Sessel. Nicht die richtige Musik für den Wartesaal beim Zahnarzt“, scherzt er. „Mozart ist beliebter als Stravinsky. Damit muss man leben.“

Gedanken, wie man neue Zuschauer erreicht, macht Lenners sich doch: „Mit szenischer Musik, Oper, Ballett, kann man ein anderes Publikum ansprechen.“ Auch im Kino, meint Lenners, schlucke das Massenpublikum eine „härtere Dosis“ als sonst. Zum Beispiel Ligetis Musik, die Eingang in Kubricks Film fand. „Das Publikum fand die Stücke fantastisch, doch im Konzert hätten die wenigsten sie hören wollen.“

Lenners‘ „Odyssey reloaded“ wird allerdings nicht nach Filmmusik klingen. Kein Orchester und ein einziger Solist – der Astronaut, ein Bariton – plus sein Gegenpart, der Bordcomputer in Form einer synthetischen Stimme. Und der Chor, vier Sängerinnen, vier Sänger. „Wie im antiken Theater übernimmt der Chor eine kommentierende Rolle, erklärt dem Publikum, was der Astronaut gerade empfindet.“ Der Komponist beschreibt, wie die acht Stimmen von Mikrofonen eingefangen und dann im Computer zu Raumklang verarbeitet werden. „Wir haben 25 Lautsprecher und können den Klang in Echtzeit manipulieren, wie bei ?Wilderness‘.“

Die einzige „Action-Szene“ der Oper ist Odysseus‘ Flucht. „Im Raum ist mit Laserstrahlen eine Tür dargestellt, darüber eine Kamera, die alles überwacht – das Zyklopenauge“, erläutert Lenners. Das Problem: Der Astronaut muss durch die Tür in den anderen Raum gelangen, um zur Erde zurückfliegen zu können. Am Ende überlistet er das Bordsystem, indem er es in eine Schachpartie verwickelt. Während der Computer die Mattmöglichkeiten analysiert, schlägt der Astronaut die Kamera kaputt. Wie bei Homer ist der Zyklop nun blind und Odysseus kann aus der Grotte fliehen.

Ein Computer, der wie ein Mensch auf dem Saxofon improvisiert – faszinierend und beunruhigend zugleich. 

Ist dies eine versteckte Aufforderung, die neuen staatlichen Überwachungskameras kaputt zu schlagen? Lenners wiegelt ab. „Gewiss, es geht um das Schicksal des Menschen, der mit der Technik konfrontiert ist – dazu gehört auch ?Big Brother‘. Aber die Idee entstand bevor die Kameras Thema waren.“ Er sei kein Moralist. „Die Geschichte ist vor allem ein Anlass, Musik zu machen – hoffentlich gute“, sagt der Komponist.

Ob Technik eine Bedrohung für den Menschen sei, hänge von der Dosis ab, so Lenners. Er betrachte Maschinen als Hilfsmittel, um schneller voran zu kommen und weniger zu schwitzen. So erzeuge der Computer Klangfarben, die kein Instrument hervorbringen könne. „Zu allen Zeiten haben Komponisten sich für neue Klangfarben begeistert, neue Instrumente eingeführt“, schwärmt Lenners „zu Mozarts Zeit die Klarinette, in der Romantik die Tuba und heute der Klangcomputer.“

Wird man eines Tages die ausführenden Musiker ganz durch Computer ersetzen? Das sei jetzt schon der Fall, versichert der Komponist. Er berichtet von einer am „Institut de recherche et coordination acoustique/musique“ (Ircam) entwickelten Software. Die könne zum Beispiel einem improvisierenden Saxofonisten „zuhören“. Nach einiger Zeit musiziere der Computer dann im Dialog mit, und könne auch allein weiterspielen. „Genau im gleichen Stil, als wäre es sein Zwillingsbruder. Sie hören nicht mehr wann der Mensch und wann der Computer spielt.“ Lenners ist sichtlich begeistert. Und ein wenig beunruhigt, wie er zugibt.

Der Komponist relativiert: „Kunst geht über das Handwerkliche hinaus. Der Computer musiziert, ohne etwas dabei zu empfinden.“ Deshalb sei der Mensch immer mehr als eine Maschine. Der Mensch schaffe es, mit Tönen Gefühle wie Ergriffenheit hervorzurufen. Das ist es, was Lenners antreibt: „Um diese Eindrücke zu erzeugen schreibe ich immer neue Stücke. Weil ich das Bisherige immer übertreffen möchte – und hoffend, dass das manchmal gelingt.“ Der Computer dagegen erfinde nichts Neues, er gebe nur das wieder, was man eingespeist habe.

Ins Stück „Wilderness of Mirrors“ sind jedenfalls viele Einfälle eingeflossen. Auf einmal dreht sich die linke Pianistin zur Seite, weg vom Publikum, und schlägt auf einem Midi-Keyboard ein paar Töne an. Das ist notwendig für perfekte Raumeffekte, wie mir Lenners erklärt hat: Benutzt man vom Mikrofon erfasste Klänge, dann können die Störgeräusche Probleme bei der Computertransformation bereiten. Nun tritt eine Schlagzeugerin an das rechte Klavier, greift hinein, verändert den Klang. Noch sind viele Effekte im Stück rein akustisch, doch Lenners hat schon Pläne, mehr auf den Computer zurückzugreifen. Jetzt ein Tremolo am Klavier, vier Noten, mehrmals wiederholt, sich im Raum entfernend. Dann, unerwartet, Stille.

 

Claude Lenners

Der 1956 geborene Komponist ist einer der wichtigsten Akteure der zeitgenössischen klassischen Musik in Luxemburg. Nach seinem Studium war er Stipendiat an der Villa Médicis in Rom und gewann mehrere Preise. Lenners lehrt Fächer wie Komposition und Analyse am hauptstädtischen Musikkonservatorium. Am 30. November wird im Centre Neumünster seine Kammeroper „Odyssey reloaded“ uraufgeführt (Details siehe woxx-Agenda).

 

www.claudelenners.lu
Auszüge aus seiner CD „Beyond“ kann man bei Amazon oder bei www.jpc.de finden.


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