AUSLANDSADOPTIONEN: Ein Kind um welchen Preis?

Mit der Ratifzierung der Konvention zur internationalen Adoption sollen Kinder besser vor Kinderhandel und -raub geschützt werden. Problematisch bleibt die Auslandsadoption aber weiterhin.

(ik) – Dubiose Vermittlungsstellen, die ausländische Kinder zu horrenden Preisen anbieten, ein adoptiertes Kind aus Indien, dessen Freigabe zur Adoption sich als gefälscht entpuppt – Skandale rund um das Thema Auslandsadoptionen gibt es im Luxemburger Ausland immer wieder. Solch kriminellen Machenschaften will die Den Haager Konvention aus dem Jahre 1993 zum Schutz von Kindern und zur Zusammenarbeit auf dem Gebiet der internationalen Adoption künftig einen Riegel vorschieben. Auch Luxemburg, bisher lediglich Unterzeichnerstaat, will diese Konvention nun in nationales Recht umwandeln.

An sich eine gute Sache: Die Übereinkunft sieht ein standardisiertes Verfahren für alle Unterzeichnerstaaten vor. Demnach muss jeder Vertragstaat eine zentrale Behörde für die Adoptionen bestimmen. Künftig dürfen nur sie oder von ihr ernannte Einrichtungen Kinder aus dem Ausland vermitteln. So soll die Rechtmäßigkeit von Auslandsadoptionen sowohl im Herkunfts- wie im Empfängerland sichergestellt werden.

„Sicherlich gibt es keine hundertprozentige Kontrolle“, sagt Ernest Molitor aus dem Familienministerium. Gleichwohl ist der Ministerialbeamte für Adoptionsfragen überzeugt davon, dass es bei den luxemburgischen Auslandsadoptionen „eigentlich keine Grauzone gibt“. Alle acht Organisationen, die – jeweils länderspezifisch aufgeteilt – internationale Adoptionen vermitteln, seien staatlich anerkannt, würden also überprüft.

Dass transparente Konten und (zumeist) ehrenamtliches Personal allein allerdings noch keine Garantie dafür ist, dass auch in den Herkunftsländern alles rechtens zugeht, weiß auch Ernest Molitor. Unregelmäßigkeiten wie die, dass adoptierte Kinder sich nachträglich als älter herausstellen, als von der Agentur angegeben oder dass entgegen dem Willen der BewerberInnen kranke oder gar behinderte Kinder vermittelt werden, seien in Luxemburg aber „sehr selten“. Skandale wie in Deutschland geschehen, wo sich Einwilligungen leiblicher Mütter nachträglich als gefälscht herausstellten oder gar nicht vorhanden waren, hat es laut Familienministeriums hierzulande nicht gegeben.

In Luxemburg alles in Ordnung?

„Ich bin unbedingt dafür, dass eine solche Konvention besteht“, sagt Leonie Mangers von Amicale Internationale d’Aide à l’enfance (AIAE) asbl. AIAE ist die staatlich anerkannte Vermittlungsstelle mit den meisten Vermittlungen. Seit ihrem Bestehen im Jahr 1972 hat AIAE über 600 Kinder ins Großherzogtum vermittelt, vornehmlich aus Indien und Südkorea. Im vergangenen Jahr hat AIAE 21 Kinder aus Südkorea vermittelt – mehr als das Doppelte der auf Guatemala spezialisierten Quetzal asbl. Bedenklich ist: Indien, Südkorea und auch Guatemala haben die Haager Konvention nicht unterzeichnet. Würde das Luxemburger Parlament der Meinung des Staatsrats zum Gesetzesprojekt folgen und zum Schutz der Kinder Nicht-Unterzeichnerstaaten kurzfristig vom Austausch suspendieren, müssten adoptionswillige Eltern künftig noch länger auf ihr Wunschkind warten. Schon jetzt ist die Zahl der BewerberInnen in Luxemburg etwa sechsmal größer als die Zahl der adoptierten Kinder.

Für AIAE-Präsidentin Leonie Mangers kommt ein solcher Stopp nicht in Betracht. Man arbeite mit Einrichtungen in den Herkunftsländern zusammen, deren Vertrauenswürdigkeit außer Frage stünden und die durch eine zum Teil jahrzehntelange Zusammenarbeit hinreichend erprobt seien. „Das ist eine zusätzliche Sicherheit zu einem Gesetz“, so Mangers.

Ernest Molitor ist sich der Widersprüchlichkeit, einerseits strengere Gesetze gegen Kinderhandel zu unterstützen, andererseits mit eben solchen Ländern ohne Konvention zu kooperieren, bewusst. Er verweist auf die noch laufenden Diskussionen und auf den Fakt, dass Südkorea und Indien die Den Haager Konvention immerhin beobachtend begleitet haben. Quetzal asbl, zurzeit um die Verlängerung ihrer September 2001 abgelaufenen Zulassung bemüht, muss aufgrund sich häufender kritischer Berichte in der internationalen Presse zu Kinderhandel in Guatemala dem Ministerium gegenüber genauer darlegen, woher die vermittelten Kinder tatsächlich kommen. Offensichtlich ist dann doch nicht alles so durchsichtig, wie manch eineR behauptet.

Weiß, jung, gesund

Doch neben Kontrollunsicherheiten gegenüber Vermittlungsagenturen und Herkunftsländern kennen Experten aus dem Ausland noch andere Probleme. Bernd Wacker, Mitarbeiter von „Terres des Hommes Deutschland“ in Osnabrück und Fachreferent für Auslandsadoptionen, beschreibt einen neueren Trend: Statt den Adoptionsgrundsatz „Eine Familie für ein Kind“ zu befolgen, würden Vermittlungsagenturen oder Privatpersonen zunehmend „Kinder für Familien“ suchen. Dies, so Wacker gegenüber der woxx, liege unter anderem daran, dass sich die Profile von BewerberInnen seit Beginn der 90er verändert haben: „Früher kamen die Bewerber häufig aus politischen oder religösen Motiven zur Auslandsadoption. Oft waren es Paare, die bereits Kinder hatten und nun einem Kind aus sozial benachteiligten Land ein Zuhause geben wollten. Heute sind es zumeist kinderlose Paare, die in erster Linie ein Kind wollen.“ Da sei es auch schon mal egal, woher das Wunschkind kommt: „Hauptsache jung, weiß und gesund.“

Eine Beobachtung, die das Familienministerium und manch eine Anlaufstelle auch für Luxemburg bestätigen können. So soll es vorgekommen sein, dass adoptionswillige Eltern trotz nicht bestandener obligatorischer Eignungsprüfung – auf unbekanntem Wege – einige Zeit später dann doch zu ihrem ausländischen Wunschkind kamen.

Da sich die soziale Lage in einigen Dritte-Weltländern entschärft hat, kinderlose Paare dort vermehrt selbst Kinder adoptieren wollten, seien, nach Meinung von Berned Wacker, Auslandsadoptionen jedoch oft nicht mehr notwendig. Das ist ganz im Sinne der Haager Konvention, welche inländische Lösungen als erste Wahl vorzieht, bevor ein Kind ins Ausland vermittelt wird. Die Kehrseite dieser Entwicklung: Die weltweite Bewerberzahl pro Kind steigt und mit ihr vergrößert sich die „Grauzone“ – Adoptionshandel wird immer lukrativer.

Terres des Hommes Deutschland hat aus all dem Konsequenzen gezogen: Die größte ehemalige Vermittlungsstelle für Auslandsadoptionen in Deutschland hat sich schon 1994 aus dem boomenden „Markt“ zurückgezogen.


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