INTERVIEW: Gemächlich wachsen

Zur Person
Mathias Binswanger, Jahrgang 1962,
Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten und Privatdozent an der Universität St. Gallen, veröffentlichte 2006 „Die Tretmühlen des Glücks“(1). Er wird am kommenden Montagabend auf Einladung sozial- und umweltpolitischer NGOs zum Thema „Die Werte einer Gesellschaft von morgen: Vom Wirtschaftswachstum, dem Streben nach Glück und Wohlstand“ referieren (2)

woxx: Kann man Glück messen?

Mathias Binswanger: Glück könnte man messen, wenn es ein Messgerät gäbe, an welches man die Menschen anschließen kann und das dann einen objektiven Glückswert anzeigt. Ein solches ideales Gerät, einen so genannten Hedonometer, haben Ökonomen bereits im 19. Jahrhundert beschrieben. Doch der technische Fortschritt hat uns da im Stich gelassen, ein derartiges Gerät gibt es bis heute nicht. Um herauszufinden, ob die Menschen glücklich sind oder nicht, bleibt also nur, sie zu befragen. Damit gewinnt man freilich nur subjektive Daten. Exakt lässt sich Glück nicht messen.

Wie können Sie dann dem unterschiedlichen Verständnis von Glück Rechnung tragen?

Das unterschiedliche Verständnis ist nicht so dramatisch. Wir gehen nur davon aus, dass Menschen, wenn sie sagen, sie seien glücklich, sich auch wirklich glücklich fühlen – aus welchem Grund auch immer. Aber wir wissen, dass, wenn man Menschen so befragt, sie im Allgemeinen ihren Glückswert zu positiv angeben. Das ist der so genannte „social desirability bias“. Wenn ich etwa eine Skala von 1 bis 4 vorgebe – wobei 1 unglücklich und 4 sehr glücklich bedeutet – dann weiß ich schon im Voraus, dass sich die Mehrheit bei 3 einordnen wird. Man will nicht gerade den Höchstwert angeben, aber einen Wert, der etwas darunter liegt. Trotzdem kann man prüfen, ob das Bild, das sich aus solchen Befragungen ergibt, sich verändert – etwa infolge der Entwicklung des materiellen Wohlstands in einem Land. Die besten Voraussetzungen ergeben sich also, wenn diese Erhebungen in regelmäßigen Abständen wiederholt werden.

Auf welche Zeiträume können Sie denn zurückschauen?

In Europa gibt es solche Daten erst seit den siebziger Jahren. Daten, die größere Zeiträume erfassen, hat man in den USA und in Japan, wo schon seit den fünfziger Jahren regelmäßig solche Umfragen durchgeführt werden. In den USA stellt man fest, dass sich, bei seither real verdreifachtem Pro-Kopf-Einkommen, der Anteil der Menschen, die sich als glücklich oder aber unglücklich bezeichnen, ziemlich genau gleich geblieben ist. Es lässt sich überhaupt kein Zusammenhang zwischen Wohlstand und Glücklichsein beobachten. In Japan ist dasselbe zu konstatieren, wobei sich hier das Einkommen im gleichen Zeitraum sogar versechsfacht hat.

Wie erklärt es sich, dass das Geld nicht zum Glück beiträgt?

Die Freude an materiellen Dingen ist eben nicht sehr nachhaltig. Klassisches Beispiel sind die Autos. In den fünfziger Jahren war man schon jemand, wenn man überhaupt ein Auto besaß. Dann konnten sich immer mehr Menschen ein Auto leisten, und man musste schon ein besseres Auto fahren, wenn man die Leute beim Vorbeifahren neidisch machen wollte. Das Ganze wiederholte sich ständig, die Automobile sind immer luxuriöser und leistungsstärker und auch teurer geworden. Aber die Menschen sind heute kein bisschen glücklicher mit ihren viel besseren Autos, als sie es in den fünfziger Jahren waren.

Aber hat das nicht eher mit der schieren Zahl der Fahrzeuge zu tun, denn das Glücksgefühl, leere Straßen vorzufinden, ist ja unerreichbar geworden?

Genau! Das ist einer der Gründe, weshalb im Durchschnitt die Menschen durch bloßen Zuwachs des Einkommens nicht glücklicher werden. Man vergleicht sich mit anderen, aber es können nun einmal nicht alle mehr haben, als die anderen. Das ist ein Nullsummenspiel, das sich auf immer höherer Ebene weiter entwickelt. Die Menschen werden zwar im Durchschnitt immer wohlhabender, doch die Zahl derer, die mehr haben als die anderen, bleibt in einer gegebenen Gesellschaft relativ konstant. Dasselbe gilt für die, die weniger haben. Aus diesem Zusammenhang entsteht die erste Tretmühle, die ich in meinem Buch anführe, die so genannte Statustretmühle.

Wie lässt sich aus dieser Glücks-perspektive das so viel beschworene Wirtschaftswachstum bewerten?

Wirtschaftswachstum ist so lange sinnvoll, wie es etwas zum Glück oder der Zufriedenheit der Menschen in einem Land beiträgt. Davon geht implizit auch die ökonomische Theorie aus, wo es nicht um ein maximales Wachstum geht, sondern um die Nutzenmaximierung der Haushalte. In die Alltagssprache umgesetzt heißt dies, dass das Ziel der Menschen darin besteht, ihre Bedürfnisse optimal zu befriedigen, um so ein glückliches Leben führen zu können. Solange das Wirtschaftswachstum dazu etwas beiträgt, ist es ökonomisch sinnvoll. Wir beobachten aber in den Industrieländern, dass das subjektive Glücksgefühl der Menschen trotz des Wirtschaftswachstums nicht mehr zunimmt.

Kann unser Wohlfahrtssystem ohne ein gewisses Wachstum überhaupt aufrechterhalten werden?

Bislang habe ich ja nur den Zusammenhang zwischen Glück und Wachstum beschrieben. Es gibt aber eine Reihe von Gründen, die dazu führen, dass eine Wirtschaft ohne Wachstum schlecht funktioniert. Wenn es kein Wachstum gibt, dann wird die Wirtschaft einkommensmäßig zu einem Nullsummenspiel. Das ist der berühmte Kuchen, der nicht mehr wächst. Wenn zum Beispiel die Renten angehoben werden sollen, dann muss das Einkommen der arbeitenden Bevölkerung sinken. Das ist eine unangenehme Sachlage. Mit ihr umzugehen, ist viel einfacher, wenn die Wirtschaft und damit auch die Einkommen wachsen. Das ist auch für die Politik wesentlich attraktiver. Aber es bleibt die Frage: Müssen wir immer ein maximales Wachstum anstreben? Es zeigt sich nämlich, dass dieses Streben mit immer größeren Risiken einhergeht. Die jüngste Finanzkrise hat es deutlich gemacht: Um das Wachstum auf einem hohen Niveau zu halten, investiert man nicht mehr nur in Dinge, die an sich vernünftig sind. Man kann davon ausgehen, dass die Menschen insgesamt etwas zufriedener wären in einer Gesellschaft, die etwas gemächlicher wächst, dafür aber weniger risikoanfällig ist.

Ist von einer Wachstumsbremse nicht vor allem der untere Rand der Gesellschaft betroffen?

Da stellt sich die Frage, wie das Größenverhältnis der Einkommen durch das Wachstum beeinflusst wird. Die Unterschiede haben in der Hochwachstumsphase ja eher zugenommen. Auch hier spielt das relative Denken eine große Rolle. Man vergleicht sich mit dem, was die durchschnittliche Bevölkerung hat. Insgesamt geht es darum, einen Ausgleich zu finden zwischen zwei verschieden Zielen, nach denen die Menschen streben: Zum einen wollen sie keine zu großen Ungleichheiten in einer Gesellschaft. Es wird als ungerecht empfunden, wenn ein paar wenige Prozent enorm viel verdienen und die große Masse umso weniger. Insbesondere, weil keineswegs ersichtlich ist, welche Leistungen eigentlich hinter diesen hohen Einkommen stehen. Zum anderen wollen Menschen aber auch individuell belohnt werden, wenn sie sich anstrengen. Und sie wollen die Möglichkeit haben, nach oben zu kommen. In den kommunistischen Ländern hat die Eliminierung dieser Möglichkeit zur Demotivation geführt. Um beide Vorgaben in Einklang zu bringen, darf die Einkommensverteilung nicht zu ungleichmäßig, aber auch nicht vollständig egalitär sein.

Gibt es denn Länder, die dieses Gleichgewicht besser hinbekommen als andere?

Das ist schwierig zu beweisen, weil die Unterschiede zwischen den entwickelten Ländern relativ klein sind. Statistisch signifikante Unterschiede lassen sich nur schwer herauslesen. Die Schweiz, zum Beispiel, schneidet immer sehr gut ab bei solchen Glücks-erhebungen. Wenn ich aber durch die Schweiz reise, dann habe ich nicht unbedingt das Gefühl, dass die Schweizer besonders glückliche oder auch zufriedene Menschen sind. Bei den Schweizern scheint der eingangs erwähnte „social desirability bias? besonders ausgeprägt zu sein. Man muss den hohen Glückswerten aus Befragungen nämlich objektiv ermittelte Daten entgegenstellen, wie zum Beispiel die Häufigkeit psychischer Krankheiten. Klar ist hingegen, dass die Menschen in den ehemaligen Ostblockländern auch heute noch speziell unzufrieden sind. Hier scheint die Frustration über das damalige System und die verpassten Gelegenheiten noch weiter durchzuscheinen.

Hat die Krise, die ja mit negativem Wachstum einhergeht, die Diskussion um eine andere Prioritätensetzung vereinfacht?

Unmittelbar ist es eher so, dass die Suche nach Wachstum wieder in den Vordergrund rückt. Man hat sich an das Wachstum gewöhnt, und nun, da es einbricht, geht man davon aus, dass etwas nicht mehr richtig funktioniert. Alle Maßnahmen werden darauf ausgerichtet, dass die alte Situation möglichst schnell wieder eintritt. Es findet kaum ein Umdenken statt, sondern eher das Gegenteil. Längerfristig stellen sich aber doch immer mehr Menschen die Frage, wie wir überhaupt in eine solche Situation geraten sind. Wenn die Renditen immer wachsen müssen, vergibt man eben auch Kredite an Kunden, die eigentlich nicht kreditwürdig sind. Und das fordert, wie in den USA geschehen, irgendwann seinen Preis.

(1) Die Tretmühlen des Glücks – Wir haben immer mehr und werden nicht glücklicher. Was können wir tun? Herder Verlag, Freiburg, 2006, 224 Seiten

(2) Die Veranstaltung findet statt um 20 Uhr im Hôtel Parc Belle-Vue, 5, avenue Marie-Thérèse, Luxemburg-Stadt. Org: Mouvement Ecologique / OekoZenter Letzebuerg in Zusammenarbeit mit Caritas, Centre de Pastorale en Monde du Travail, Institut Européen pour l’Economie Solidaire.


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