DIESEL: Stinkend fahren zum Billigtarif

von | 20.02.2004

Er war der Renner beim diesjÀhrigen Autofestival in Luxemburg. Der VW-Golf V, Zwei-Liter-Diesel, Einstiegspreis knapp 16.000 Euro. Er verbraucht weniger Sprit. Schadstoffklasse Euro IV, ohne Filter.

Schadstoffklasse Euro IV. Da ist also der Haken. Das heißt nĂ€mlich: Auch kĂŒnftig gehört der Dieselrußfilter nicht zum Pflichtprogramm. Nicht mal beim allseits gepriesenen neuen Golf hielt es der deutsche Autohersteller fĂŒr nötig, seine Fahrzeuge serienmĂ€ĂŸig mit diesem relativ simplen Zusatz auszustatten. Was wiederum bedeutet: Der Golf in Diesel-AusfĂŒhrung bleibt im Normalfall eine Giftschleuder.

Dabei ist schon seit langem bekannt, wie gefĂ€hrlich dieser Kraftstoff ist. Der Ruß, den das Dieselauto aus seinem Auspuff ballert, ist gerade mal ein Zehntel Millimeter groß. Je kleiner die Partikel sind, desto tiefer dringen sie in die VerĂ€stelungen der Lunge vor. Und sie nisten sich fest. Bis zu 1.000 Tage und lĂ€nger können sie den Selbstreinigungsprozess der Atemorgane behindern. Man kann von GlĂŒck reden, wenn es dabei nur zu Bronchitis, Asthma oder zum Herz-Kreislauf-Kollaps kommt. Zahlreiche Studien haben bewiesen, dass Diesel-Ruß Lungenkrebs erzeugt. Und wenn die Partikel noch kleiner sind, können sie gar in den Blutkreislauf gelangen und Krebserkrankungen in jedem anderen Körperorgan verursachen. Ein zugegeben gruseliges Szenario. Eben aber RealitĂ€t. Denn Dieselruß ist nun mal ein weit verbreiteter Luftschadstoff, dem zumindest die meisten StadtbewohnerInnen schutzlos ausgeliefert sind.

In BallungsrĂ€umen erkrankt derzeit etwa jeder 90. Bewohner an Lungenkrebs. An Hauptverkehrsstraßen ist sogar jeder 39. Anwohner betroffen. Windstille und beidseitig bebaute Straßen fördern die Anreicherung des Rußes. Einem noch höherem Risiko ausgesetzt sind Personengruppen, die an ihrem Arbeitsplatz den ganzen Tag Dieselabgase einatmen mĂŒssen, wie beispielsweise LKW- und Busfahrer. In Deutschland sterben wegen der Giftpartikel jĂ€hrlich bis zu 14.000 Menschen. Auf Luxemburger VerhĂ€ltnisse herunter gebrochen heißt das: Zwischen 60 und 70 Menschen sterben im Großherzogtum an den Folgen der Abgase. Eine hohe Sterblichkeitsrate, bedenkt man, dass man diese Art zu sterben zu 99,9 Prozent vermeiden könnte. Und zwar durch Rußfilter.

Sie werden immer mehr, die Dieselfahrzeuge. Nach einer unternehmenseigenen Studie des Autozulieferers Bosch werden schon bald 50 Prozent aller neu zugelassenen PKW in Westeuropa mit einem Dieselmotor fahren. Allein im vergangenen Jahr sei der Dieselanteil um 3,2 Prozentpunkte auf 43,7 Prozent gestiegen. Diesel-Spitzenreiter: Österreich mit einer Quote von bereits jetzt 71,4 Prozent. In Luxemburg liegt die Quote mit etwa 66 Prozent nur wenig darunter.

Doch nicht nur der Ruß macht Diesel so schĂ€dlich. Die Stickoxid-Abgase, die beim Dieselmotor mit in die Umwelt gestoßen werden, gefĂ€hrden nicht nur den Menschen, sondern die Umwelt im Allgemeinen. Stickoxid-Abgase verursachen etwa den in der breiten Öffentlichkeit kaum mehr beachteten sauren Regen, der nach wie vor bei jedem Unwetter vom Himmel prasselt und Tausende von Hektar Wald erkranken lĂ€sst.

Dabei könnten Dieselautos mit Partikelfiltern zumindest das Drecksniveau eines Benziners erreichen. Doch es sind vor allem die deutschen Autohersteller, die sich gegen den serienmĂ€ĂŸigen Einbau der Filter strĂ€uben. So kritisiert die Deutsche Umwelthilfe, dass deutsche Autohersteller, trotz anders lautender Zusagen im vergangenen Jahr, die EinfĂŒhrung des Dieselfilters erneut verzögert haben. Sie versuchten so hohe Grenzwerte durchzusetzen, dass nur große PKWs mit hohem Schadstoffausstoß einen Filter brauchen, nicht aber kleine und mittelgroße Autos. Und wĂ€hrend die beiden französischen Hersteller Peugeot und Citroen bereits seit Jahren ihre Diesel-Autos mit den etwa 200 bis 400 Euro teuren Filtern serienmĂ€ĂŸig versehen, verlangen die deutschen Hersteller nach wie vor einen Aufpreis, der bis zu 1.000 Euro betrĂ€gt. Erst fĂŒr FrĂŒhjahr dieses Jahres kĂŒndigen Audi und VW Rußreinigungs-Systeme fĂŒr die Modelle von der Mittelklasse aufwĂ€rts an. Ihre Kleinwagen bleiben rußfilterfrei mit den BegrĂŒndungen des VW-Vorstandsvorsitzenden Bernd Pischetsrieder: „unausgereift“, „teuer“, „wartungsintensiv“, „unintelligent“.

In Kalifornien rußt es nicht mehr

Betrachtet man den Eiertanz, den die deutschen Autohersteller auffĂŒhren, sobald das D-Wort nur angedeutet wird, erinnert einen diese Diskussion an die EinfĂŒhrung des Katalysators Mitte der 1980er Jahre. Auch dort hatten alle Fahrzeughersteller, die mit ihren Entwicklungen im RĂŒckstand gewesen waren, ein Szenario von horrenden Kosten an die Wand gemalt. Erst als das Gesetz beschlossen war, sprangen sie auf den fahrenden Zug auf. Wenige Monate spĂ€ter hatte jedes Modell einen Katalysator.

Die KalifornierInnen haben es schon vorgemacht. Bei ihnen rußt seit kurzem kein Diesel mehr. Ein Gesetz genĂŒgte und innerhalb kurzer Zeit waren alle Dieselautos mit Filtern ausgerĂŒstet. Erste Untersuchungen ergaben, dass die LuftqualitĂ€t in Los Angeles gleich deutlich weniger Schadstoffe enthielt; zumindest der Diesel-Ruß war weg.

FĂŒr Europa bleibt dies vorerst Zukunftsmusik. Dabei gab es mehrmals Versuche. Weil die Wirtschaft von selbst nicht parierte, wagten in Deutschland die Umweltminister der BundeslĂ€nder einen Vorstoß. Im November 2003 beschlossen sie, Rußfilter in Dieselfahrzeugen mit bis zu 600 Euro im Jahr steuerlich zu fördern. Doch das EU-Recht funkte dazwischen. Entsprechende Grenzwerte werden von der EuropĂ€ischen Union abgestimmt und ein solcher Vorstoß ging der zustĂ€ndigen EU-Kommission zu schnell; obwohl selbst die BrĂŒsseler Behörden angesichts des steigenden Marktanteils von Dieselautos lĂ€ngst begriffen haben, dass die im kommenden Jahr europaweit in Kraft tretenden Grenzwerte fĂŒr die Partikelkonzentration in der Luft nicht mehr eingehalten werden können.

FrĂŒhestens 2010

Doch die EU-Kommission bleibt vorerst bei der von ihr beschlossenen Euro-IV-Richtlinie. Und die genehmigt DieselfahrerInnen weiterhin einen dreifach höheren Stickoxid-Ausstoß als Benzinern. Immerhin hat die Behörde nun begonnen, VorschlĂ€ge fĂŒr neue Abgasnormen auszuarbeiten. Ein Entwurf wird Ende dieses Jahres erwartet. Das Gesetz könnte dann frĂŒhestens im FrĂŒhjahr in Kraft treten – FrĂŒhjahr 2010.

Europa lahmt also in der Dieselfrage – was nur mal wieder zeigt, dass der Dieselboom auf diesem Kontinent weniger ein Ergebnis erfolgreicher Technologieentwicklung ist, als einfach geschickte Lobbyarbeit. Dieselmotoren konnten sich nur durchsetzen, weil die EU-Gesetzgeber ihnen von jeher deutlich höhere Schadstoffwerte zubilligten. Nur deswegen blieb Diesel-Kraftstoff in vielen europĂ€ischen LĂ€ndern steuerlich geringer belastet und damit billiger als Benzin.

Luxemburg mit seinem Tanktourismus hat sich in den ganzen Verhandlungen zu einem der schĂ€rfsten Blockierer gemausert. WĂ€hrend zumindest der Benzinpreis in Luxemburg in den nĂ€chsten Jahren an den der NachbarlĂ€nder angeglichen werden soll, ist es der CSV-DP-Regierung gelungen, den weitaus bedeutsameren Diesel-Tanktourismus fĂŒr die nĂ€chsten Jahre abzusichern. Erst am 1. Januar 2009 will Luxemburg die indirekte Steuer von momentan 25,3 Cent pro Liter Diesel auf das EU-weite Minimum von 33 Cent anheben. Die EU-Kommission hatte die europaweite Angleichung fĂŒr 2004 vorgesehen.

Luxemburgs UmweltverbĂ€nde und die GrĂŒnen haben die Nase deswegen gestrichen voll von der Diesel-Politik ihrer Regierung. Dabei wettern sie gar nicht grundsĂ€tzlich gegen Diesel. Aber auch fĂŒr sie gilt: mit Filter, bitte. So fordert der grĂŒne Europaabgeordnete Claude Turmes, Diesel-Autos mit eingebautem Rußfilter einen Steuerbonus zu geben. „Im Sinne der öffentlichen Gesundheit und der Umwelt“, so der Europapolitiker. Und sein Parteifreund, der Fraktionsvorsitzende in der Chamber François Bausch: „Eine sofortige Steuererleichterung fĂŒr mit Rußfilter ausgestattete Dieselfahrzeuge könnte ein erstes klares Signal sein.“ Beide finden, dass spĂ€testens ab 2006 Rußfilter fĂŒr alle PKW- und LKW-Neuzulassungen Vorschrift sein mĂŒssen.

Wer vorausschaut wird schnell feststellen, dass sich schon jetzt der Kauf rußfilterfreier Dieselautos nicht mehr rentiert. Die Schonzeit wird trotz aller BemĂŒhungen der Diesel-Lobbyisten 2010 ein Ende haben. Dann werden Dieselmotoren nur noch mit einer doppelten Abgasnachbehandlung genehmigt: einem Katalysator zur Stickoxid-Reduktion und einem Filter zur RußbekĂ€mpfung. Mit diesem Schritt wird auch der bisherige Verbrauchsvorteil schwinden. Denn Dieselmotoren mit Rußfilter und Kat schlucken etwa sechs bis acht Prozent mehr. Benzinmotoren wiederum werden gegen Ende des Jahrzehnts noch sparsamer sein als heute. Gerade mit der neuen Ventil-Steuerungs-Technik rechnen die Entwickler, dass sich der Verbrauch noch einmal drastisch senken lĂ€sst, und das Potenzial der Benzin-Direkteinspritzung ist auch noch lange nicht ausgeschöpft.

FĂŒr die Hersteller heißt da schon jetzt, dass sie eigentlich schlechter an Dieselautos als an Fahrzeugen mit Benzinmotoren verdienen werden. Diesel sind in der Herstellung erheblich teurer, und rentieren sich auf dem Markt lediglich deshalb, weil sie nur knapp ĂŒber dem Preisniveau der Benziner angeboten werden. Und mehr noch als der Protest von GrĂŒnen und UmweltverbĂ€nden könnten die AutohĂ€ndler dem Dieselzeitalter ein schnelles Ende setzen. Denn wer von ihnen möchte schon eine Dreckschleuder als LadenhĂŒter bei sich stehen haben?

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