FOTOGRAFIE: Die Quadratur des Übergangs

Lee Miller hat die Zeit des Aufatmens und Aufräumens vor Ende des zweiten Weltkrieges in Luxemburg eingefangen. Seltene Momentaufnahmen einer Umbruchszeit – zu sehen im CNA.

Das provokanteste Bild, das der Nachwelt von der amerikanischen Fotografin im Gedächtnis blieb, wurde nicht von ihr selbst, sondern von ihrem Kollegen David Sherman im Mai 1945 in München aufgenommen: Es zeigt Lee Miller in Hitlers Badewanne kurz nachdem sie in den Konzentra-tionslagern in Dachau war. Ist es Geschmackslosigkeit oder ein Akt der Verachtung gegenüber Hitler? Ein weiteres Bild, das rund zwei Jahrzehnte vorher Edward Steichen von ihr gemacht hatte und das für Aufsehen sorgte, zeigte Lee Miller in einer Werbung für Menstruationsprodukte – ein gesellschaftlicher Tabubruch. Dass Miller schon immer eine eigenwillige und selbstbewusste Frau war, davon zeugt auch ihre Korrespondententätigkeit im Zweiten Weltkrieg.

Aufnahmen der Zeit in der sie im Herbst 1944 in Luxemburg weilte, zeigt die CNA-Ausstellung „Lee Miller: Correspondance d’un No Man’s Land“. Zu entdecken ist hier nicht nur die historisch kaum dokumentierte Zeit kurz nach dem Rückzug der deutschen Besatzer vor der Ardennenschlacht – sondern auch eine interessante Frauenfigur und Fotografin. Lee Miller, 1907 in New York geboren, begann ihre Karriere als Fotomodell bevor sie 1920 nach Paris ging, um bei Man Ray das Handwerk der Fotografie zu lernen. Von den Surrealisten beeinflusst – zu ihren Bekannten zählten Größen wie Pablo Picasso, Paul Eluard und Jean Cocteau – zeigen ihre damaligen Fotos eine Neigung zu ausgeklügelten surrealistischen Posen.

Im Kontrast dazu stehen ihre Dokumentarbilder aus den Jahren 1944/45, die sie als Kriegskorrespondentin für die britische und amerikanische „Vogue“ geschossen hat. Lee Miller gelangte nach dem D-Day über Frankreich, Ostbelgien, Luxemburg und Köln, von dort weiter über Ludwigshafen und Buchenwald bis nach Dachau und München. Auf ihrer Reise dokumentierte sie die Stimmung vor Ort, nachdem die deutschen Besatzer abgezogen waren – der Krieg jedoch noch nicht beendet war. Sie fotografierte die Ruinen, die befreiten Zwangsarbeiter und die ersten Tage unter amerikanischer Verwaltung.

Die CNA-Ausstellung zeigt ausschließlich jene Bilder, die in Luxemburg gemacht wurden – rund hundert Stück – aus der Zeit als Miller in Echternach, Junglinster, Berdorf und Luxemburg-Stadt weilte. Ihre qua-dratischen Schwarz-Weiß-Aufnahmen zeigen Kinder, Soldaten, Flüchtende mit ihren vollbepackten Leiterwagen, und das einfache Landleben. Sie dokumentieren eine Zeit des vorsichtigen Aufatmens und Aufräumens. Dabei fing Miller nicht die Grausamkeiten des Krieges ein, sondern eher den Alltag auf der Straße. Ihre klaren Bildkompositionen lassen dabei nur gelegentlich ihre surrealistische Vergangenheit aufblitzen. Etwa wenn sie die Schlackenberge fotografiert und mit dem japanischen Vulkan Fuji vergleicht. Dagegen ließ sie in den meisten Aufnahmen strenge Sachlichkeit walten. Ihre schriftlichen Kommentare zu den Bildern, die auch in der CNA-Ausstellung gezeigt werden, sind umso parteiischer und subjektiver, zum Teil gar sarkastisch. Die Arbeit als Vogue-Kriegsberichterstatterin war für Lee Miller eine neue Herausforderung, da sie nicht nur Fotos aufs Geratewohl schießen konnte, sondern die Sujets so wählen musste, dass sie am Ende eine Story ergaben – auch wenn letztlich Zensoren über Text und Auswahl der Fotos entschieden. So thematisiert die CNA-Ausstellung – obwohl nur am Rande – auch die Rolle der Frauenmagazine in den Kriegsjahren. Diese waren nicht gegen politische Propaganda gefeit. So wurden auch in der damaligen „Vogue“ nicht nur reine Frauenthemen angesprochen, sondern Fotoreportagen publiziert, in denen es um neue Rollenmodelle ging, um die souveräne Frau, die im Krieg ihre Opfer bringt. Dazu passte Miller als Fotografin wunderbar – stellte doch das vormalige Fotomodell im Krieg als Reportagefotografin sozusagen „ihren Mann“.

„Lee Miller: Correspondance d’un No Man’s Land“ ist eine interessante Entdeckung, da die Ausstellung gerade eine wenig bekannte luxemburgische Geschichtsepoche aus dem Blickwinkel einer Amerikanerin beleuchtet.

Zu sehen bis zum 2. Oktober im CNA in Düdelingen.


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