RADIO: Von Kreuzberg aus in die große Welt

Der 31. Dezember 2008 war ein schwarzer Tag für die Vielfalt der Berliner Medienlandschaft. An diesem Tag wurde dem 1994 als „SFB 4 Multikulti“ ins Leben gerufenen und später in „Radio Multikulti“ umbenannten Radiosender vom Rundfunk Berlin-Brandenburg der Saft abgedreht.

Sogar der Herr Wowereit wagte sich in den multikulturellen Glaskasten, hier neben der Geschäftsführerin Brigitta Gabrin.

Vierzehn Jahre nach dem Start des bis dahin einmaligen Projekts eines interkulturellen und partizipativen Radios wurde aus Spargründen die RBB-Welle mit der niedrigsten Einschaltquote einfach stillgelegt. Nur etwa 20 fest Angestellte konnten innerhalb des RBB neue Aufgaben übernehmen, der Großteil der freien Mitarbeiter wurde auf die Straße gesetzt. „Ich ärgere mich darüber, dass in einer Zeit, in der die Bevölkerung in Deutschland die Themen Migration und Integration endlich zu akzeptieren beginnt, der RBB einen Sender wie `Radio Multikulti‘ einfach schließt“, so Nikolaus Huss vom „Freundeskreis Radio Multikulti“ wenig später gegenüber der woxx.

Doch schon damals war klar, dass sich einige Unbeirrte nicht unterkriegen lassen und dafür kämpfen würden, dass „Radio Multikulti“ weiterlebt. Nur wenige Stunden, nachdem der Sender an Silvester 2008 seinen Betrieb beendet hatte, begann eine neue Etappe, und zwar im Internet: Rund 25 ehemalige Mitarbeiter des „alten“ „Radio Multikulti“, darunter auch Brigitta Gabrin, bis dahin freie Mitarbeiterin für den interkulturellen Sender, gründeten den Internetsender „multicult 2.0“. Gabrin, die heute Geschäftsführerin des Radios ist erklärt: „Der Name `multicult 2.0′ stand für zweierlei: Erstens war er eine Anlehnung an das Web 2.0, andererseits sollte er aber auch zeigen, dass es die zweite Version des Radios war“. Nach einer Übergangsphase nahm der Sender schließlich den bis heute gültigen Namen „multicult.fm“ an.

Zu den 25 Pionieren der Anfangszeit gesellten sich schon nach zwei Monaten etwa 100 neue Stimmen, die am Überleben des Senders mitarbeiten wollten. Das größte Problem war also nicht die Motivation für das Radio, sondern seine Finanzierung. Denn anstatt mit einem 2-Millionen-Euro-Etat wie beim RBB musste man nun von einem Tag zum anderen praktisch mit einem Null-Etat arbeiten. Anfangs hielt man sich mit Spenden über Wasser. „Doch die Finanzkrise traf uns hart, die Einnahmen durch Spenden brachen regelrecht ein“, so Gabrin, die sich zusammen mit der Mannschaft nun noch schwerer tat. Der Sender hatte bereits in der ersten Januarwoche 2009 mit der Ausstrahlung eines täglichen Live-Magazins begonnen, was generell erheblich teurer ist, als nur vorab produzierte Sendungen zu senden. Wären die Probleme beim Akquirieren der Spendengelder vorherzusehen gewesen, hätte man mit der Verwirklichung des Live-Magazins gewartet, versichert Gabrin. Hinzu kam, dass Gelder von der Medienanstalt Berlin-Brandenburg, auf die man gehofft hatte, letztendlich ausblieben. „Wenigstens hat sich die Medienanstalt dafür eingesetzt, dass wir wieder eine terrestrische Frequenz bekommen“, so die Geschäftsführerin. Und so sendet „multicult.fm“ seit Mai 2010 während eines täglichen sechsstündigen Zeitfensters auf der Frequenz des Offenen Kanals Berlin auf UKW 88,4 MHz. Da die Frequenz 88,4 aber nur eine Sendeleistung von 0,5 KW hat, ist der Empfang nicht im gesamten Stadtgebiet gewährleistet und insbesondere in topographisch anspruchsvolleren Lagen nicht zufriedenstellend.

Möglichst Werbefrei

Ein weiteres Problem besteht darin, dass man während der sechs Stunden keine Werbung ausstrahlen darf. Denn im Offenen Kanal ist Werbung tabu. „Werbetechnisch müssen wir uns also auf der Website und im Internetradio austoben“, so Gabrin. Sie betont, dass man den Sender so werbefrei wie möglich halten will, dass aber die Kosten für den laufenden Betrieb, wie zum Beispiel die Urhebervergütungen oder die Streaming-Gebühren für die Internetausstrahlung, irgendwie hereingebracht werden müssen. „Multicult.fm“ krankt an dem Konstruktionsfehler, dass es einem Format entspricht, das eigentlich nie vorgesehen war. In Deutschland gibt es entweder die Sender der ARD, die sich durch Gebühren, oder die privaten Radios, die sich über Werbung finanzieren. „Ein kulturelles, partizipatives Radio wie „multicult.fm“, das weder öffentlich-rechtlich noch kommerziell ist, ist im System nicht vorgesehen“, so Gabrin. Und so kann man im Moment auch nur eine feste Stelle finanzieren, alle anderen Mitarbeiter arbeiten ohne Bezahlung. Wie viele alternative Projekte lebt auch „multicult.fm“ von der Selbstausbeutung der MitarbeiterInnen. „Wir sind Lebenskünstler, die sich mit sehr wenig Geld über Wasser halten. Aber manchmal frage ich mich schon, ob dieser Idealismus noch gesund ist“, gibt sich Gabrin nachdenklich.

Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, dass der große Rundfunk Berlin-Brandenburg das kleine Radio „multicult.fm“ offenbar als Konkurrent betrachtet und ihm Steine in den Weg legt, wo er nur kann. So bekommen Mitarbeiter, die eine prägende Stimme bei „multicult.fm“ haben, keine Aufträge von „Funkhaus Europa“. Dieser mehrsprachige Sender, eigentlich eine Einrichtung des WDR, hat Silvester 2008 die Berliner Frequenz von Radio Multikulti übernommen. Auch die Androhung einer Klage gab es schon. Denn der RBB hat sich den Begriff „Radio Multikulti“ sowie das alte Logo des Senders schützen lassen. Offensichtlich sah man in der RBB-Zentrale in der Masurenallee die Gefahr der Verwechslung zwischen dem Logo von „multicult.fm“ und dem des untergegangenen „Radio Multikulti“. Also mussten die Kreuzberger RadiomacherInnen ihres ändern.

Bei diesen ganzen Widrigkeiten ist wenigstens dies eine große Hilfe, dass man für die Studios in der Kreuzberger Marheineke-Markthalle keine Miete zu zahlen braucht. Die Betreiberin der Halle, die „Berliner Großmarkt GmbH“, unterstützt das Überleben des Radios. Ihr Manager Andreas Foidl spricht im Gespräch mit der woxx vom Reiz der Verbindung von Kultur und Kulinarischem. „Wir sind stolz, die einzige Markthalle in Europa zu sein, die einen eigenen Radiosender in der Halle hat“, so Foidl. Und natürlich erhofft man sich auch einen gewissen Werbeeffekt. Immerhin wird mehrmals am Tag während der Sendungen erwähnt, dass man aus der Kreuzberger Marheineke-Markthalle sendet. Die Kunden können den Moderatoren im gläsernen Studio im ersten Stock der Halle bei der Arbeit zusehen.

Neue Möglichkeiten durch das Internet

Was das Programm von „multicult.fm“ anbelangt, so lehnt es sich stark an das frühere Programm von „Radio Multikulti“ an. „Wir wollten aber die Fehler vermeiden, die dort gemacht wurden“, so Gabrin, und meint damit vor allem die muttersprachlichen Sendungen am Abend. Viele HörerInnen hätten abgeschaltet, wenn sie die Sprache der Moderation nicht verstanden. Diesen Wechsel der HörerInnenschaft will man bei „multicult.fm“ vermeiden, und nutzt dazu die Möglichkeiten des Internets, wie Stefan Kirsch von der Webredaktion erklärt. „Wir benutzen ein Tool, mit dem man sich eine Sendung im Internet selber zusammenmixen kann. Man kann eine Sendung auf Deutsch hören oder aber in der Sprache, in der sie ursprünglich produziert wurde“, so Kirsch. Natürlich ist dadurch der Produktionsaufwand viel größer, was wiederum die Kosten in die Höhe treibt.

Ansonsten zeichnet sich das Programm durch seine Vielfalt aus. Es gibt klasse DJ-Sendungen und guten Musik-Journalismus. Als interkulturelles und partizipatives Radio ohne finanzielle Zuschüsse ist „multicult.fm“ auf Inhalte von außen angewiesen. Das Partizipative bringt mehr Farbe und ganz unterschiedliche Inhalte in die Sache. Das Aushängeschild ist ohne Zweifel das zweistündige Morgenmagazin von 7 bis 9 Uhr. Live von Kreuzberg aus wird ein aktuelles, berlinerisches und weltoffenes Magazin gesendet, das einen kritischen und politischen Anspruch hat. Ein unaufgeregtes und abwechslungsreiches Potpourri, das sich angenehm von den grenzdebilen, kommerzialisierten Dudelwellen der öffentlich-rechtlichen und privaten Sender in der Region abhebt. Brigitta Gabrin ist sich aber durchaus bewusst, dass es gerade im alternativen Zielpublikum in Berlin den einen oder anderen geben dürfte, der um 7 Uhr noch nicht vorm Radio sitzt. Auch hier will man die Möglichkeiten des Internets nutzen und in Zukunft einen personalisierten Stream zusammenstellen. „So können auch Leute, die erst um 10 Uhr aufstehen, die Morgensendung hören“, so Gabrin.

Die Einschaltquoten eines Radiosenders zu messen, der sein Programm hauptsächlich über Internet ausstrahlt, ist natürlich schwierig. Man könne zwar feststellen, wieviele Leute über das Streaming auf der Website „www.multicult.fm“ auf das Programm zugreifen. Da es aber verschiedene Verbreitungswege im Internet gibt, wie etwa über Streamprovider oder Replikatoren, kann man nicht mit konkreten Zahlen aufwarten. Doch angesichts der Rückläufe über den Chat oder der Zusendungen von Hörern aus der ganzen Welt sei man ganz zuversichtlich, was die Anzahl der HörerInnen anbelangt. „Wir hatten auch schon Zuschriften aus Luxemburg“, versichert Brigitta Gabrin. Außerdem will die Medien-
anstalt Berlin-Brandenburg demnächst erstmalig die Einschaltquoten für die UKW-Frequenz 88,4 MHz veröffentlichen. Nicht zuletzt für die Berechnung der Werbetarife sind die Zahlen von Belang.

Gut zwei Jahre nach dem Aus für „Radio Multikulti“ gibt es in Berlin weiterhin ein multikulturelles und partizipatives Radio, das von der Kreuzberger Marheineke Markthalle in die große, weite Welt sendet. Und wenn alles gut läuft, so hoffen Brigitta Gabrin und Stefan Kirsch, wird man vielleicht eines Tages noch die eine oder andere, feste Stelle schaffen können.

Im Internet kann man das Radio hören unter www.multicult.fm


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