CATTENOM: Großes Kraftwerk, kleiner Fluss

Am Donnerstag referierte der Nuklearexperte Christian Küppers vom Öko-Institut Darmstadt auf Einladung des Nationalen Aktionskomitees gegen Cattenom in Remerschen. Die woxx wollte wissen, was Cattenom besonders gefährlich macht.

woxx: Was ist das Besondere an der Situation in Cattenom – verglichen mit anderen Atomstandorten?

Christian Küppers: In Cattenom wurden vier große Kraftwerksblöcke an einem Flusslauf mit relativ geringem Abfluss errichtet. Die Mosel ist zwar nicht sehr schmal, aber sie ist dort aufgestaut. Deshalb wirkt der Fluss bei Cattenom wasserführender als er es in Wirklichkeit ist. Dieses Anstauen bringt das zusätzliche Problem mit sich, dass an solchen Staustufen erhöhte Ablagerungen von bestimmten Radionukliden auftreten. Außerdem sind die Ableitungen radioaktiver Stoffe in das Wasser deutlich höher als bei den vergleichbaren deutschen Kernkraftwerken. Das liegt daran, dass die Abwasserreinigung nicht so weit optimiert worden ist, wie es Stand von Wissenschaft und Technik wäre. Die Forderung, hier nachzubessern, wurde immer wieder erhoben; im Jahre 2003, beim letzten Bewilligungsverfahren mit geänderten Ableitungswerten, auch von Seiten der deutschen Strahlenschutzkommission.

Wurde diese Forderung immer in den Wind geschlagen?

Gegenüber dem Zeitraum kurz nach Inbetriebnahme sind deutliche Verbesserungen eingetreten. Sowohl bei den Grenzwerten als auch bei den tatsächlichen Einleitungen hat man sich nach unten bewegt. Aber trotzdem ist der Zustand immer noch weit entfernt von dem, was erreichbar wäre. Wenn man die Tritium-Konzentrationen in deutschen Gewässern vergleicht, stellt man fest, dass die Mosel besonders herausragt. Dieses Tritium stammt natürlich aus Cattenom; Deutschland betreibt kein Kernkraftwerk an diesem Fluss.

Was sind die Folgen, wenn diese erhöhten Werte auch in Zukunft nicht zurückgeführt werden?

Dann reichern sich die langlebigen Radionuklide in der Umwelt an – zum Beispiel Cäsium 137 im Sediment des Flusses. Am Ufersediment in Überschwemmungsgebieten kommt es zu äußerer Bestrahlung von Personen, die sich dort aufhalten. Wenn auf gelegentlich überschwemmten Gebieten Lebensmittel gewonnen werden, durch eigene gärtnerische Tätigkeit oder durch landwirtschaftliche Nutzung, hat man die erhöhte Radioaktivität in den Lebensmitteln. Das gilt natürlich auch für Fische, da insbesondere Cäsium und Kohlenstoff 14 in ihnen stark angereichert werden. Es ist sicherlich keine dramatische Exposition, doch auch bei einer nur leicht erhöhten Strahlenbelastung entsteht ein Krebsrisiko.

Was sollte jetzt, da eine Schließung von Cattenom durch Frankreich nicht mehr aktuell ist, konkret gefordert werden?

Aus radiologischer Sicht würde sich am ehesten die Reduzierung von Kohlenstoff 14 und langlebigen Aktivierungsprodukten im Abwasser lohnen. Dazu müssen nicht unbedingt die Genehmigungswerte nach unten geschraubt werden, wichtig ist vielmehr, dass die tatsächlichen Emissionswerte deutlich abnehmen. Es gibt ein Gebot der Minimierung von Strahlenbelastungen und Umweltkontaminationen, und zwar sowohl im deutschen Strahlenschutzrecht und den entsprechenden französischen Bestimmungen als auch in den Grundnormen der EU zum Strahlenschutz. Der Aufwand sollte zwar nie unverhältnismäßig sein, aber wenn deutsche Anlagen deutlich niedrigere Ableitungen erreichen, so müsste sich dies mit vertretbarem Aufwand auch in französischen Anlagen realisieren lassen.


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