JUNGE LITERATUR IN ITALIEN: Der Kosmos der Familie

Was ist italienische Literatur heute? Was ist aus diesem von politischen und sozialen Krisen zerrissenen Land zu erwarten? Der Berliner Wagenbach Verlag, seit Jahrzehnten für die Entdeckung und Übersetzung der italienischen Nachkriegsliteratur bekannt, ging diesen Fragen nach.

Eine im Berliner Wagenbach Verlag veröffentlichte Anthologie zeitgenössischer Erzählungen markiert einen doppelten Neubeginn: Da die meisten der jungen Autorinnen und Autoren bisher noch nicht übersetzt worden waren, entschied sich der Verlag, die Texte ebenso jungen Übersetzern anzuvertrauen. Das war ein Wagnis, wie Susanne Schüssler in einem überraschend offenen Vorwort gesteht. Und es klingt wie eine Vorankündigung, denn tatsächlich werden die Zweifel der Verlegerin von der Sammlung kurzer und kürzester Erzählungen nicht widerlegt, sondern bestätigt.

Der Titel „A Casa Nostra“ ist wörtlich zu nehmen: „Bei uns zu Hause“ ist eine Sammlung von Beziehungs- und Familiengeschichten. Auch die faschistische Vergangenheit und die Schrecken des Zweiten Weltkriegs werden als Familiendramen nacherzählt: Seit der Dezembernacht, in der die Deutschen 1943 den Hafen von Bari bombardierten, werden der einen Familie keine Stammhalter mehr geboren, während in einer anderen der ehemalige Faschist seinem Bruder, einem ehemaligen Kommunisten noch fünfzig Jahre später zornig vor die Tür kackt. Durch den beinahe durchgängigen Gebrauch der Ich-Perspektive fehlt jedes Moment der Distanzierung, die Verengung auf den Familienkosmos wird total. Dass die Protagonistinnen reihenweise Sara heißen, verstärkt das Gefühl bedrückender Monotonie ebenso wie die durchgängig unglücklichen Beziehungskonstellationen. Dabei sind nicht mehr nur die Frauen gelangweilt und betrogen. Auch die Männer sind einsam und orientierungslos. Die Erzählungen zeichnen das hyperrealistische Bild eines schwer verunsicherten „latin lover“, der sich in sentimentalen inneren Monologen über seine Kindheit verliert und missratenen Vater-Sohn-Beziehungen nachsinnt.

Die deprimierenden Familiengeschichten lassen die soziale Depression nur erahnen. Während ein „Station Wagon“ die Ausfallstraße entlang zu einem Multiplex-Kino fährt, erheischt man einen Blick auf die Trostlosigkeit der römischen Peripherie. Doch das „diffuse, unabwendbare und sich unendlich multiplizierende Elend“ wird im Vorbeifahren nur stichwortartig aufgezählt. Rom, heißt es in einer Erzählung, sei eine „brutale Stadt in einer noch schlechteren Welt“. Dass der Stadtautobahnring knapp zwei Meter vom Balkon des Familienwohnzimmers verläuft, empfindet der jungendliche Protagonist als „Anstiftung zur Gewalt“. Er belässt es dann beim Abfackeln einiger Mülltonnen und unterschreibt, einmal erwachsen geworden, eine Petition für den Abriss der Hochstraße. Radikalere politische Gesten sind selten: Auch wenn gelegentlich antiziganistische Vorurteile, behindertenfeindliche Anordnungen oder die Deregulierung des staatlichen Schuldienstes den Familienalltag tangieren, wird höchstens moralische Empörung spürbar. Nur einmal wird in einer großspurigen Ersatzhandlung eine Karre Mist in den Vorgarten einer Fernsehmoderatorin gekippt.

Die Erzählungen zeichnen das Bild eines schwer verunsicherten „latin lover“, der sich in sentimentalen inneren Monologen über seine Kindheit verliert.

Zusammengestellt wurde die Anthologie von Paola Gallo und Dalia Oggero, zwei erfahrenen Lektorinnen des Einaudi Verlags. Es ist deshalb nicht überraschend, dass viele der vorgestellten neuen literarischen Stimmen aus dem Turiner Traditionshaus kommen. Doch nicht jeder Verkaufserfolg eines Erstlingswerks steht für literarische Qualität und nicht alle Texte, die erklärtermaßen „sehr italienisch“ sind, berühren, wie von den Herausgeberinnen erhofft, auch das „Zuhause der Anderen“. Soziologisch betrachtet, bietet die Anthologie zweifellos einen interessanten und repräsentativen Überblick, die politische Aufbruchstimmung der jungen italienischen Literatur wird dagegen von Autorinnen und Autoren getragen, die in dieser Anthologie kaum vertreten sind. Sie haben sich im Sommer mit Verlagsmitarbeitern, Journalisten und anderen, meist prekären Kulturschaffenden der Altersgruppe Trenta/Quaranta zur „Generation TQ“ zusammengeschlossen und drei programmatische Manifeste zu den Themen Politik, Verlagswesen und Öffentlichkeit herausgegeben.

Paola Gallo, Dalia Oggero (Hg.) – A Casa Nostra. Junge italienische Literatur. Wagenbach Verlag, 208 Seiten.


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