AVANTGARDE KABARETT: Ahhhh Freak out! Le Freak c’est chic…

Freaks faszinieren, weil sie von Normen abweichen. Das tun auch die Tiger Lillies – und das nun schon seit 22 Jahren. Müde ist der Sänger der Tiger Lillies aber noch lange nicht.

Es ist alles so schön bunt hier – Die Tiger Lillies haben immer Kostüme und Schminke bei ihren Shows dabei.

Der Jahrmarkt hat eine jahrhundertealte Tradition. Jahrmärkte waren nicht nur als volkswirtschaftliche Multiplikatoren bedeutsam, da sie die umliegenden Bauernschaften mit Vieh und Agarerzeugnissen versorgten und dem örtlichen Handwerk neue Absatzchancen ermöglichten – sie erfüllten auch die wichtige soziale Funktion einer lokalen Nachrichtenbörse. Außerdem wurde auf ihnen das Unterhaltungs- und Sensationsbedürfnis der Bevölkerung befriedigt. Man traf auf ihnen allerlei Schausteller des fahrenden Volkes an: Bärenführer, Wahrsager, Musikanten, Gaukler usw. Wandermenagerien, die mit einer Sammlung exotischer Tiere auf Tournee gingen, oder Tingeltangel, wandernde Variétés mit burlesken Gesangsvorträgen, auch Akrobatik- und Dressureinlagen, kamen hier zusammen. Auf den größeren Jahrmärkten gab es auch die sogenannte „Freakshow“, also die Vorführung körperlich abnormaler Menschen: Kleinwüchsige, „Frauen mit Bart“, „stärkste Männer der Welt“ usw. Das Spektrum war groß, und die Illusion spielte keine unwesentliche Rolle.

Eine Mischung aus all dem bietet die „Freakshow“ der „Tiger Lillies“, die an diesem Samstag im Cape in Ettelbrück zu erleben sein wird. Die Londoner Kultband besteht aus dem Sänger Martyn Jacques, der auch Akkordeon, Klavier und Ukulele spielt, dem „James Joyce on drums“, Adrian Huge, der mit allen möglichen Alltagsgegenständen Perkussion vollführt, und last but not least dem vom Blues und Jazz inspirierten Kontrabassisten Adrian Stout. Äußerlich zeichnet sich das Trio durch die adretten Outfits mit Melone und Weste und die geschminkten Gesichter aus. Reichen sechs Arme aus, um einen Menschen zu trösten? Wie viele Herzen muss eine Frau haben, um ihr ganzes Schicksal zu ertragen? – solche Fragen verfolgt das Musiktrio in seinen dunklen aber auch skurril-ironischen Liedern im Stil der Vaudeville-Varietés vergangener Jahrhunderte, wobei der Ausgangspunkt ihre sogenannten „Circus Songs“ aus dem Jahre 2000 sind. Die Band ist bekannt dafür, dass sie stets mehr bietet als pure Musik: So werden auch in Ettelbrück die Songs choreografisch von siamesischen Tänzerinnen untermalt, von einer Frau mit den längsten Haaren der Welt, Kleinwüchsigen und einer Riesenmarionette. Und über dem ganzen Rummel spannt sich die zum Teil krächzende und schrille Falsettstimme von Martyn Jacques, dem Gründer und Songschreiber der Londoner Kultband.

„The Tiger Lillies“ sind um keine Provokation verlegen. Ihre Geschichten stammen aus den Grenzbereichen der Gesellschaft, ihre Songtexte thematisieren gefallene Mädchen, Drogenabhängige und vermeintliche Loser. Sie handeln von Blasphemie, Bordellen, Missbrauch. Und von Geschlechtsverkehr mit Fliegen oder der Kreuzigung Jesu („I’m banging in the nails“).

Geschichten aus dem Grenzbereich der Gesellschaft

Der Name der Gruppe ist eigentlich exotisch; er bezieht sich auf eine asiatische Lilienart mit orangenen Blütenblättern und schwarzen Punkten. Chinesische Kräuterkenner glaubten, dass diese Blume die Macht besitzt, Agressivitäten zu mildern. Es sei ein Gemälde einer solchen Lilie an seiner Wohnungswand gewesen, das den Ausschlag für den Namen gegeben habe, erklärt Sänger Martyn Jacques ganz unprätentiös in einem Telefoninterview mit der Woxx. „Letztlich muss man sich ja nach irgendetwas benennen“. Auch sonst gibt sich der Sänger im Interview – entgegen seinem Badboy-Image auf der Bühne – eher zurückhaltend, ja bescheiden. Und das, obwohl das Trio mittlerweile auf rund 30 veröffentlichte CDs zurückblicken kann.

Die „Tiger Lillies“ sind mittlerweile halbwegs im Establishment (jedoch noch nicht im Mainstream) angekommen. In ihrer Anfangszeit, erinnert sich Jacques, seien die Reaktionen der Zuschauer auf die provokativen Texte viel heftiger gewesen. „In den Bars warfen die Zuhörer mit Biergläsern nach uns. Sie verließen die Vorführungen, und an einigen Orten, wie der Union Chapel in London, durften wir nicht mehr auftreten.“ Dank ihrer größeren Popularität passiere das mittlerweile seltener. „Die Kunst und Theaterwelt hat uns an ihren Busen geholt. Wir werden akzeptiert. Und unter dem Deckmantel der Kunst wird unsere Musik eher toleriert“, so der 52-jährige Leadsänger. Doch bis dahin war es ein weiter Weg.

Die drei Musiker fanden sich 1989 in London zum Trio zusammen. Schon vorher hatte Martin Jacques Musik gemacht und verschiedene Gesangstrichtungen ausprobiert. Jedoch erst mit neunundzwanzig habe er sich ein Akkordeon zugelegt und begonnen, mit hoher Stimme zu singen: „Ich versuchte in meiner Musik drei Sachen zu verbinden: Die Emotionalität eines Jacques Brel oder einer Edith Piaf mit meiner Falsettstimme und der Akkordeonmusik. Daraus wurde ein eigener origineller Stil.“ Schon als junger Mann habe ihn die Hingabe bei Jacques Brel fasziniert, anders als Serge Gainsbourg gehe es Brel um mehr als nur Komik oder Ironie. Auch die „Tiger Lillies“ suchten, trotz ihres schwarzen Humors, mehr als das bloße Vergnügen. Neben dem französischen Chanson habe auch das deutschsprachige Kabarett einen wesentlichen Einfluss auf die Gruppe ausgeübt. „Ich liebe internationale Sänger, die nicht auf Englisch singen. Das hat wohl mit dazu beigetragen, dass wir in den verschiedenen Ländern Europas oder in Russland soviel Zuspruch bekommen.“ Besonders die Dreigroschenoper von Kurt Weill hat es Martyn Jacques angetan. „Für mich ist es die beste Musik des 20. Jahrhunderts. Klar, dass die Tiger Lillies davon beeinflusst wurden.“ In der Dreigroschenoper ist auch der komödiantisch-tragische Stil angelegt, der die „Tiger Lillies“ so unverwechselbar macht. „Die Dreigroschenoper ist Theatermusik. Auch wir spielen eine Art von Theatermusik.“ Das habe auch zur Konsequenz gehabt, dass das Trio mehr von Theater- und Kunst- als von Musikfestivals gebucht wurde. „Musikkritiker sind weniger an uns interessiert. Wir hatten nie einen Artikel in irgendeiner Musikzeitung, die wissen zum Teil nicht, dass es uns gibt“, so Jacques.

Die „Tiger Lillies“ wären keine echte Londoner Formation, wenn nicht auch der Punk seine Spuren in ihrer Musik hinterlassen hätte. Martyn Jacques gibt allerdings ganz andere Ursachen hierfür an: „Am Anfang traten wir einige Jahre in Folk-Kellern auf … unsere Musik war eher leise und melancholisch. Dann spielten wir in Bars in Nord-London, und um uns hier Gehör zu verschaffen, habe ich mehr geschrieen, die Musik wurde letztlich aggressiver. So kam es, dass auch Punkelemente Einzug hielten.“

Resistent gegenüber Trends

Insgesamt sind sich die „Tiger Lillies“ in den letzten Jahren mehr oder weniger treu geblieben – vielleicht kann man ihnen auch vorwerfen, dass sich ihr Musikstil kaum verändert hat, auch nicht durch das Aufkommen neuer musikalischer Trends, wie Elektro. „Wir sind nicht Teil einer Modeerscheinung oder der Celebrity Culture. Ich habe mich nie wirklich dafür interessiert, was musikalisch gerade läuft…“ Im zeitgenössischen Sinne, gehe es der Gruppe eher darum, in vergangene Zeiten zurückzublicken.

In seinen Texten verlässt sich Songschreiber Jacques ganz auf seine Beobachtungsgabe. Lange hat er im Londoner Szeneviertel Soho gelebt und dessen Nachtleben in seine Texte einfließen lassen. Indem er die Verlierer in seiner schrillen Art thematisiert, zum Teil sogar persifliert, konfrontiert er die Gesellschaft mit ihren eigenen Schwächen und ihrer Hypokrisie. „Wir sind Sozial-Radikale, wobei mich der alltägliche Bullshit der Politik nicht weiter interessiert“, erklärt der Leadsänger. Trotzdem ist das Trio 2011 auf dem Sydagma Square gegenüber dem griechischen Parlament vor tausenden Demonstranten aufgetreten.

Auch bei ihren Lyrics greift die Band gerne auf Konzepte oder Geschichten vergangener Zeiten zurück und bereitet das Liedgut in Form von Szenen wieder auf: So wurden sowohl Heinrich Hoffmanns „Struwwelpeter“ mit seinen brutalen Morallehren, Hans-Christian Andersens „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“ und „Punch and Judy“, die komisch, derb-naiven Helden des englischen Kasperletheaters zur Vorlage genommen, um eine aus den Fugen geratene Gesellschaft zu besingen, voll von Gewalt, Verrücktheit und Paranoia. Gerne suchen sich die Tiger Lillies dabei Kindergeschichten aus, die auf elementare Weise das Böse thematisieren. Aber auch Stücke wie Georg Büchners Woyzeck oder das letzte Projekt einer Hamlet-Aufführung gehören zu ihrem breiten Fundus.

Zwar wurde das Make-up von Martyn Jacques mit den Jahren immer düsterer – der Sänger trägt mittlerweile weiße Theaterschminke mit dunklen Augenhöhlen und einem riesigen aufgeschminkten schwarzen Mund, die an einen Totenschädel erinnert – doch hat er vorerst nicht die Absicht, von der Welt oder auch nur der Bühne abzutreten. „Jedes Mal wenn ich eine neue Show plane, mache ich etwas anderes – das hält frisch.“ Angesichts des regelmäßig anwachsenden Repertoires der „Tiger Lillies“ ist wohl nicht zu befürchten, dass sich ihre Inspiration erschöpfen könnte. Und auch die Welt wird nicht besser.

Zu erleben am 14. Januar im Cape in Ettelbrück.
www.cape.lu


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