FLUYD: Gesunde Schizophrenie

Fast schon ein kleines Comeback: Nachdem es still geworden war um Fluyd, möchte es die Band mit ihrem neuen Album „Magma“ noch einmal wissen.

Große Erwartungen: Fluyd

Jeff Seyler zeichnet einen Kreis in die Luft. „So funktioniert Popularität: Cool, cool, cool, und dann plötzlich Scheiße.“ Der Leadsänger ist missmutig. Ende der Neunziger stand die Band mit ihrem ersten Album „Swarm“ an der Spitze der Luxemburger Rockszene – ein zweites Mini-Album, „Mind your Mind“, fand dann 2002 aber kaum noch Beachtung. Plötzlich war Fluyd passé. Viele dachten, die Band habe sich aufgelöst. Dabei machten die sechs auch abseits der Scheinwerfer weiter Musik. Mit ihrem neuen Werk „Magma“ möchten sie beweisen, dass sie noch mal ganz oben mitspielen können.

Keine Angst vor Mainstream

„Diesmal haben wir die Presse mit Material regelrecht zugebombt“, scherzt Jeff. Sie sind stolz auf ihr neues Album und möchten, dass es sein Publikum findet. Nicht ganz einfach, denn die Radiosender reagierten eher ablehnend. Zu laut, hieß es bei RTL und DNR nach erstem Reinhören. Nur Eldoradio suchte sich eine Single aus und nahm sie in sein Programm auf. „Die Ablehnung tut uns schon weh“, sagt Sängerin Carole Dondlinger. Fluyd wittert eine Verschwörung gegen Musik made in Luxembourg. Wer, wenn nicht die Luxemburger selber, soll einheimische Produkte fördern: „Wir verlangen lediglich eine gerechte
Belohnung für die geleistete Arbeit.“

Und die ist in der Tat beachtlich. Mit „Magma“ legt die Truppe ein musikalisch perfekt poliertes Album vor. Aufgenommen wurden die elf Titel in einem belgischen Studio, die MusikerInnen überwachten jeden Produktionsschritt. Pingelig seien sie und perfektionistisch, sagt Jeff, auf Platte ebenso wie live. Der Sänger macht seit den ersten Auftritten mit seiner eigenwilligen Bühnenpersona auf sich aufmerksam. Mit weiß geschminktem Gesicht und schwarz umrandeten Augen pfeffert er seine Rapsalven ins Publikum und versteckt sich hinter dem Pseudonym „Jester“. Vor kurzem hat er sein Studium abgeschlossen und arbeitet jetzt als Englischlehrer. „Ich habe mir schon überlegt, ob ich nicht vielleicht zu alt bin für diese verrückte Bühnen-Show“, gibt er zu. Aber für ihn sei es einfach eine persönliche Befreiung. „Ich brauche diese gesunde Schizophrenie.“

Sie haben keine Angst vor Mainstream – eher schon der Mainstream vor ihnen. Würde ihr Rap-Rock morgens aus dem Radio donnern, könnte den durchschnittlichen RadiohörerInnen schon mal das Frühstücksei vom Löffel plumpsen. Sägende Gitarren und wuchtige Gesangspassagen, die entfernt an die härteren Stücke der Guano Apes erinnern, das zeichnet noch immer die Musik von Fluyd aus. Wer den Rock’n’Roll im Herzen trägt, dem ist die Chartplatzierung doch eigentlich schnuppe? Bassist Pascal Dechmann sieht das anders: „Die meisten Leute hören nun mal RTL, und wir möchten, dass unsere Musik gehört wird.“

Mit dieser Einstellung macht sich Fluyd allerdings in der so genannten Luxemburger Underground-Szene keine Freunde. „In manchen Kreisen gelten wir einfach als peinlich“, sagt Jeff achselzuckend. Revolutionär ist das was Fluyd produziert sicherlich nicht – im Vergleich zu ihren früheren Titeln sind die Melodien eingängiger geworden, die Songstrukturen abwechslungsreicher, aber das Rad erfinden sie nicht neu.

Coole Attitüde à la John McAsskill zum Beispiel haben sie nicht zu bieten. Im Gespräch wirken sie eher entwaffnend offen. „Wir haben Konzerte gespielt, da haben die Leute im Publikum unsere Texte mitgesungen“, erinnert Carole. „Mal ehrlich, wer wünscht sich das nicht?“

In Deutschland seien die Kleinkriege zwischen Mainstream und alternativen Bands viel weniger ausgeprägt, sagt Jeff. Über zu wenig Beachtung können sich die sechs aber eigentlich nicht beklagen. Für 2005 sind sie bereits für den Rock um Knuedler gebucht und in der funkelnagelneuen Rockhal dürfen sie auch auftreten. „Naja, vielleicht geht es uns tatsächlich nicht so schlecht“, gibt Pascal zu.

Träumen geht immer

Irgendwann werden jeder Band die luxemburgischen Grenzen zu eng und sie beginnt nach neuen Herausforderungen zu suchen. Fluyd träumt zaghaft vom internationalen Durchbruch. „Mein Wunsch wäre es, mit unserer Musik ganz groß raus zu kommen und trotzdem alles allein entscheiden zu können – ohne Manager der uns rumkommandiert“, grinst Jeff, wohl wissend, dass er in Utopien schwelgt. Sie seien eigentlich zu alt, um noch sechs Monate mit einem Tourbus herumzureisen. Trotzdem haben sie die Woche genossen, die sie gemeinsam in Belgien im Aufnahmestudio verbrachten. „Es war schön, dass wir alle an einem Ort mit dem gleichen Ziel zusammen waren“, sagt Jeff. Besonders weil sie außerhalb der Band kaum privaten Kontakt pflegen. Alle haben unterschiedliche Interessen und unterschiedliche Freundeskreise. „Wenn du eine Band mit deinen Kumpels gründest, dann schadet das am Ende der Musik“, meint Pascal.

Wie T42 haben die sechs den Sprung von der Schülerband in die Kategorie der berufstätigen Erwachsenen geschafft. Obwohl Jeff drei Jahre lang in England studierte, schrieben die jeweils Anwesenden weiterhin Songs und probten jeden Mittwoch Abend. Jeff und Carole steuerten nachher die Texte bei. Die Musik sei mit ihnen erwachsen geworden, sagt die Sängerin. „Früher lagen wir oft im Gras und haben einfach vor uns hin geträumt, was die Band alles erreichen könnte“, erinnert sie sich. Heute freuen sie sich einfach nur darüber, dass es sie noch immer gibt.

Fluyd gibt es seit über zehn Jahren. Sie machten zum ersten Mal auf sich aufmerksam, als sie 1996 beim Melusina Band Contest zu den Newcomern des Jahres gewählt werden. Ein Jahr später begeistern sie das Publikum im Atelier als Vorband von Faith No More. Ihr Video „I Chose to Pose“ flimmert 2000 über die Bildschirme. Zahlreiche Singles und personelle Wechsel später gibt es Fluyd in der aktuellen Besetzung Carole Dondlinger und Jeff Seyler (Gesang), Michel Weiler (Gitarre), Pascal Dechmann (Bass) und Pierre Fuchs (Schlagzeug).

Fluyd stellt das neue Album an diesem Freitag, dem 27. Mai ab 21 Uhr im Hollericher Atelier vor. Mit von der Partie ist
im Vorprogramm die luxemburgische Band Cluster 5.
„Magma“ ist in den Plattenläden erhältlich oder auf www.fluyd.lu


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