Aktuell verhandeln die Sozialpartner*innen über Maßnahmen gegen die Energiekrise. Neben kurzfristigen Lösungen wäre es an der Zeit, unser Mobilitätssystem grundlegend umzukrempeln.

Das Fahrrad könnte ein Teil der Lösung sein, um von fossilen Energien wegzukommen. Dafür benötigt man allerdings eine gute Infrastruktur. (Foto: Unsplash)
Als 1973 die erste Ölkrise die Weltwirtschaft erschütterte, ergriffen viele Staaten Maßnahmen, die heute kaum noch vorstellbar sind: Autofreie Sonntage, stärkere Begrenzungen der Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen, ja sogar spezielle Schulferien. Die internationale Energiebehörde IEA schlug Ende März ganz ähnliche Maßnahmen vor, um die Nachfrage nach Benzin und Diesel zu drosseln: Autos sollten nur jeden zweiten Tag fahren dürfen, wer kann sollte von Zuhause arbeiten und die Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen sollte um mindestens zehn Stundenkilometer gedrosselt werden.
Am vergangenen Mittwoch war der Welttag des Fahrrads. Mobilitätsministerin Yuriko Backes und Tourismusminister Eric Thill (beide DP) nutzten den Moment, um den „Vëlosummer 2026“ vorzustellen. Dabei verkündigten sie auch, dass bis Juni 2027 ganze 20 Kilometer Radwege fertiggestellt werden sollen. Außerdem soll mit dem Bau etwa 30 weiterer Kilometer begonnen werden. Das nationale Radwegenetz bekommt außerdem ein Knotenpunktsystem, mit dem die Orientierung leichter wird. Das ist alles gut, und Backes schlug mit Sätzen wie „Das Fahrrad ist heute mehr als bloß ein Freizeitvergnügen“ sogar den richtigen Ton an. Dennoch legt die Mobilitätswende in Luxemburg nicht gerade ein Tour-de-France-Tempo vor, sondern schleicht eher im Rhythmus der Echternacher Springprozession voran.
Die Mobilitätswende in Luxemburg legt nicht gerade ein Tour-de-France-Tempo vor, sondern schleicht eher im Rhythmus der Echternacher Springprozession voran.
Kann das Fahrrad allein die Energiekrise besiegen? Natürlich nicht, denn Mobilität ist nur ein Aspekt dieser Krise. Zudem gibt es vielfältige Mobilitätsanforderungen, die nur mit einem breiten Angebot befriedigt werden können. Doch gerade in einem kleinen Land, in dem ein Großteil der Bevölkerung in zwei urbanen Gebieten lebt, könnte es ein wichtiges Puzzlestück sein. Nicht nur, um kurzfristig den Verbrauch von Erdöl zu senken, sondern um langfristig die Klimakrise im Zaum zu halten. Der „Vëlosummer“ war ursprünglich die Luxemburger Umsetzung der „Pop-Up-Lanes“. Während der Hochphase der Covid-19-Pandemie funktionierten manche Großstädte Fahrstreifen kurzerhand zu Radwegen um. Im Großherzogtum wurde die Idee auf Landstraßen verlegt und damit die Chance vertan, eine echte Mobilitätswende zu erproben.
Höchste Zeit dies nachzuholen: Warum nicht den Vëlosummer in die Innenstädte holen? Eine temporäre Fahrradinfrastruktur zu schaffen würde ein Signal an alle Bürger*innen senden: Wir befinden uns in einer Energiekrise, sehen wir uns nach Alternativen um. Außerdem könnte mit niedrigen Kosten erprobt werden, wie sich ein dichtes Netz an Fahrradwegen am besten umsetzen lässt. Auch die Fahrradinitative „ProVelo“ fordert zum Welttag des Drahtesels eine komfortable Infrastruktur, die so sicher ist, dass sie auch von Anfänger*innen benutzt werden kann. Um dafür zu demonstrieren, organisiert die NGO am kommenden Samstag einen Fahrradkonvoi, der ab 15 Uhr vom Heiliggeistplatz startet.
Die aktuelle Energiekrise – von der wir bisher erst den Anfang gesehen haben – zeigt, wie gefährlich die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen nicht nur für das Klima, sondern auch für die eigene Brieftasche ist. Investitionen in ein Radwegenetz, das diesen Namen auch verdient, kämen jetzt genau richtig, um die Mobilitätswende endlich voranzutreiben und gegen künftige Krisen besser gewappnet zu sein.

