Auf kulturellen Großveranstaltungen müssen Frauen im Gegensatz zu Männern vor Toiletten meist lange anstehen. Wie schlechte Planung und fehlende staatliche Unterstützung zur Ungleichbehandlung der Geschlechter beitragen.

Ob auf Festivals oder anderen Großevents: Vor Toiletten stehen Frauen meist an – ein Zeichen fehlender Geschlechtergerechtigkeit. (Skovbjerg Fogh/EPA)
Überall Menschen, doch plötzlich öffnet sich ein schmaler Durchgang im Gedränge. Man ergreift seine Chance, zwängt sich zwischen verschwitzten Körpern hindurch und weicht dabei Händen aus, die randvoll gefüllte Becher mit schwappenden Schaumkronen balancieren. Die Uhr hat man immer im Blick, denn das Konzert beginnt in fünf Minuten. Man biegt um die Ecke, gleich hat man es geschafft. Dann die Enttäuschung: Vor dem Bereich der Frauentoiletten eine Schlange mit Dutzenden von Menschen, die nervös von einem Fuß auf den anderen treten.
Ist man ein cis Mann, kann man mit großer Wahrscheinlichkeit gemütlich an dieser Schlange vorbeigehen und das nächste Pissoir oder die nächste unbesetzte Männertoilette ansteuern. Ist man eine weiblich gelesene Person, muss man sich hinten anstellen. Wie schlimm drückt die Blase? Wie lange ist wohl noch Verlass auf das Tampon, die Binde, die Menstruationstasse? Man überschlägt Zahlen, wägt ab: Hält man es vielleicht aus bis zur nächsten Pause? Oder geht man mitten im Konzert, wenn auf den Toiletten weniger Betrieb herrscht, und nimmt in Kauf, dass man vielleicht gerade das Lied verpasst, auf das man sich so gefreut hat?
Auf Konzerten, Festivals oder anderen kulturellen Großveranstaltungen ist die beschriebene Situation keine Ausnahme, sondern die Regel: Laut einer Hochrechnung der Wissenschaftler Kurt Van Hautegem und Wouter Rogiest der belgischen Universität Gent warten Frauen auf einer öffentlichen Toilette durchschnittlich sechs Minuten und 19 Sekunden – Männer hingegen nur elf Sekunden. Die Ursache hierfür ist nicht nur, dass Frauen generell etwas mehr Zeit auf einer Toiletten verbringen (anderthalb zu einer Minute), sondern die Tatsache, dass Männern grundsätzlich mehr Möglichkeiten, sich zu erleichtern, zur Verfügung stehen. Denn auf gleicher Fläche gibt es auf Männertoiletten oft sowohl geschlossene Kabinen als auch Pissoirs, die weniger Raum einnehmen und daher im Vergleich in größerer Anzahl vorhanden sind.
Darüber hinaus haben Frauen beziehungsweise Personen mit Uterus spezifische Bedürfnisse, die sich von denen von Männern oft unterscheiden. Aus diesem Grund nutzen sie Toiletten häufig auch aus anderen Gründen als Männer: Sie müssen Menstruationsprodukte wechseln, kümmern sich um kleine Kinder – beides braucht Zeit – oder möchten aus Sorge vor Übergriffen ihre Freundin nicht alleine zur Toilette gehen lassen, weswegen sie kurzerhand mitgehen. „Auch auf Festivals findet sexualisierte Gewalt statt“, unterstreicht Claire Schadeck, Projektleiterin bei der feministischen Organisation CID Fraen an Gender, im Gespräch mit der woxx. Mit der erhöhten Vulnerabilität wächst auch das Sicherheitsbedürfnis von Frauen.
Toiletten können grundsätzlich beides sein: Schutzräume, wenn man dem Lärm entkommen oder kurz intimere Gespräche führen möchte, aber auch potenzielle Tatorte. Das Risiko, Opfer von Gewalt zu werden, steige noch, wenn man eben gerade nicht starren binären Gendernormen entspreche, so Schadeck. Genau deswegen sei es in den Augen der CID-Mitarbeiterin sinnvoll, gesonderte Rückzugsorte zu schaffen, die Menschen bei Bedarf aufsuchen können.
Solche Orte sind oft Teil eines umfassenderen Awareness-Konzepts, das auf immer mehr Festivals und Konzerten eine Rolle spielt. Hierzulande arbeiten interessierte Ver-anstalter*innen mit dem Verein „4motion“ zusammen, der im Awareness-Bereich aktiv ist und 2016 die Initiative „Pipapo“ rund ums sichere Feiern ins Leben gerufen hat (woxx 1799, „Awareness auf Luxemburger Festivals: Leider noch Neuland“).
„Es ist ein Thema, das jeden etwas angeht, aber nicht jeden gleich betrifft.“
Ein gutes Awareness-Konzept schafft aber auch die Voraussetzungen für eine möglichst sichere, faire und diskriminierungsfreie Toilettennutzung für jede*n. Carlos Paulos, Direktor von „4motion“, weiß um die Toilettenproblematik auf kulturellen Veranstaltungen, nennt sie im Gespräch mit der woxx „ein Gesellschaftsthema“. Bei ihrer Arbeit käme ihr Team oft mit der Frage nach gerechten Toilettenkonzepten in Berührung, gleichzeitig würde öffentlich kaum darüber gesprochen. Warum? „Es ist ein Thema, das jeden etwas angeht, aber nicht jeden gleich betrifft“, sagt er. Im öffentlichen Diskurs werde das Thema zudem schnell auf Witze reduziert, was zeige, dass es nach wie vor tabuisiert werde.
Auch Schadeck spricht diesen Punkt an: „Auf die Toilette gehen ist eines unserer Grundbedürfnisse, und trotzdem empfinden wir es als ,eklig‘. Teils, weil es unseren Körper direkt betrifft, und unser Körper ist das Intimste, was wir haben. Das erklärt, warum die Diskussionen rund um Toiletten schnell hitzig werden und sich Menschen darüber empören. Es ist angstbehaftet.“ Angst, Ekel und natürlich auch Scham – drei Emotionen, unter denen weiblich gelesene Personen aufgrund der Tabuisierung des weiblichen Körpers und seiner Funktionen oft noch stärker leiden als männlich gelesene Personen.
Trotz dieser Hürden betont Paulos die Offenheit von Organisator*innen und Künstler*innen gegenüber dem Thema Awareness. Immer mehr Festivals setzten Awareness-Konzepte um, und das erste hätte nun ein neues Toilettenkonzept erprobt. Die Organisator*innen der „Francofolies Esch/Alzette“ (12. bis 14. Juni) stellten den Besucher*innen einen Mix von Frauen- und Unisextoiletten sowie Pissoirs für Männer und für Frauen zur Verfügung. Letztere ähnelten geschlossenen Kabinen.
Damit setzte das Festival die von vielen Expert*innen geäußerten Empfehlungen um. Die Wissenschaftler Kurt Van Hautegem und Wouter Rogiest haben bereits festgestellt, dass gemischte Toiletten frauenfreundlicher sind, weil sie deren Wartezeiten deutlich verkürzen. Zudem werden Menschen, die sich im binären Geschlechtersystem nicht wiederfinden, so nicht ausgeschlossen.
Der begrüßenswerte Vorstoß der „Francofolies“ zeigt letzten Endes auch, dass Luxemburg von allgemeiner Geschlechtergerechtigkeit auf Toiletten – im englischen Sprachraum „Potty Parity“ genannt – noch weit entfernt ist. Damit sich ein genereller Wandel vollziehen kann, braucht es laut Schadeck neben einer größeren Sensibilisierung auch staatliche Unterstützung: „Veranstaltungen finden nur statt, wenn Geld dafür da ist. Aus diesem Grund denke ich, dass Menschen, die eine Entscheidungsfunktion innehaben, auch in der Verantwortung stehen, genau zu prüfen, wen sie unterstützen und wem sie Genehmigungen erteilen.“ Beihilfen werden hier in Luxemburg aber noch nicht an das Vorhandensein eines tragfähigen Awareness- und Toiletten-Konzepts gekoppelt, wie das Kulturministerium gegenüber der woxx bestätigte. Es gilt also, abzuwarten und Tee zu trinken – doch nicht zu viel, denn vielleicht findet man sich je nach Geschlecht danach wieder in einer langen Schlange vor der Toilette wieder.


