WERTEUNTERRICHT: Warum ich „fir de choix“ bin

von | 20.02.2014

Paul Galles, Jugendsozialarbeiter und Doktor der Theologie, erklärt – in neun Punkten – wieso er die Petition „fir de choix“ (fĂĽr die Wahlfreiheit) unterschrieben hat.

Erstens weil ich an die Demokratie glaube. Und es gibt tatsächlich nichts Demokratischeres als die Wahlfreiheit. Und weil ich der Meinung bin, dass die bisherige Luxemburger Lösung der Wahlfreiheit zwischen diesen beiden Fächern (und möglichen anderen weltanschaulich inspirierten Fächern) die beste, die angemessene, die liberalste und die modernste ist – so wie ĂĽbrigens in fast allen europäischen Staaten.

Zweitens weil es sich um etwas Prinzipielles handelt und nicht um ein vorgeschobenes „pro oder contra Kirche“. In Sachen Werte darf man die Menschen nicht vereinheitlichen. Der Staat darf zwar gerne relevante Fragen vorgeben, die in den verschiedenen Fächern diskutiert werden mĂĽssen. AuĂźerdem muss es gemeinsame Kriterien fĂĽr unterschiedliche Wertevorstellungen geben, und zwar, dass sie den Menschenrechten ein lebendiges Fundament geben und dass sie helfen, in Respekt miteinander zu leben. So wie es jedoch einen Pluralismus an LebensfĂĽhrung gibt, so gibt es auch einen Pluralismus an Werten. Und das ist gut so. Pluralismus ist fĂĽr mich etwas Positives. Und in der Schule lernen wir nicht fĂĽr ein einheitliches Fach, sondern fĂĽr ein vielfältiges Leben. „Non scholae sed vitae discimus“.

Drittens weil das Projekt des „einheitlichen Werteunterrichts“ zu einem regelrechten „Kampf“ um die „richtigen“ oder gar „besseren“ Werte gefĂĽhrt hat (andere nennen es „Kulturkampf“). Ich finde diese Diskussion sehr wichtig, den Kampf dagegen fehl am Platz. Ein nicht-religiöser Ansatz darf nicht gegen einen Reli-
giösen ausgespielt werden. Warum sie also in einen Kampf ums Überleben schicken und nicht einfach in Respekt nebeneinander bestehen lassen? Das angedachte Projekt scheint auf jeden Fall keine Lösung zu mehr Toleranz zu sein.

Viertens weil sich die Initiative auch fĂĽr die „Laienmoral“ einsetzt. Und weil es auch Lehrende der „Education morale et sociale“ gibt, die sich mit der Initiative „firdechoix.lu“ solidarisch erklären. Das finde ich sehr glaubwĂĽrdig.

FĂĽnftens weil es nicht alleine um ein Fach geht, sondern um Menschen, nämlich die Lehrer der beiden Fächer. Dabei handelt es sich um eine äuĂźerst gravierende Frage! Ich könnte es nicht hinnehmen, wenn der Staat (nicht ein Privatunternehmen) mir vorschreiben wĂĽrde, mich „umschulen“ zu mĂĽssen, obwohl ich meinen Beruf immer gerne und im Dienst der Gesellschaft ausgeĂĽbt habe.

Kein „Privileg“ der Kirche

Sechstens weil ich die Kirche nicht auf Fehler der Vergangenheit festlege, sondern von ihr einen hilfreichen Beitrag zur heutigen Gesellschaft erwarte, nämlich, dass sie die Kinder und Jugendlichen auf ernsthafte und aufgeklärte Weise fĂĽr eine offene und gerechte Welt vorbereitet, so wie es dem christlichen Glauben entspricht. Dabei handelt es sich nicht um ein „Privileg“ der Kirche, sondern um einen Dienst an der Gesellschaft.

Siebtens weil ich finde, dass diejenigen, die schlechte Erfahrungen mit Religion gemacht haben, das Recht behalten sollen, nichts mit Kirche und Religion am Hut haben zu mĂĽssen. Das wird aber nur durch die Freiheit gewährleistet, die Laienmoral wählen zu dĂĽrfen. Und weil alle Erfahrungen „heilig“ sind. Deswegen will ich, dass meine guten Erfahrungen mit der Wahlfreiheit genau soviel zählen wie die negativen Erfahrungen anderer. Ich will die Freiheit behalten, Reli-
gion, Kirche und Laienmoral gut finden zu dĂĽrfen.

Achtens weil ich nicht will, dass mir anhand von Zerrbildern und Karikaturen Angst vor dem Islam (oder der Kirche) gemacht wird. Wer den Religionsunterricht aus der Schule ausschließen will, nur weil sonst der Islam dieses Recht auch beantragen könnte, handelt aus Angst. Vielmehr sollten wir den moderaten Luxemburger Islam unterstützen.

Und neuntens weil mir die Neutralität des Staates wichtig ist. Ich will einen säkularen, weder einen Gottesstaat noch einen laizistischen Staat. Laizismus ist eine (anti-religiöse) Weltanschauung, Säkularismus bedeutet Neutralität. Nur ein neutraler Staat kann wahre Freiheit fĂĽr alle gewähren. Und nur er kann ohne Vorbehalte die Aufgabe der Sinn- und Wertestiftung an kompetente Partner delegieren. Zu ihnen gehört unter anderem die Kirche. Winfried Kretschmann, baden-wĂĽrttembergischer Ministerpräsident von den GrĂĽnen, schrieb unlängst dazu in einem sehr guten Gastbeitrag in der Zeitschrift „Christ in der Gegenwart“: „Der Staat muss sinnstiftende Gemeinschaften fördern, da er selber keinen Sinn stiften kann und – wenn er freiheitlich bleiben will – auch nicht darf.“

Kretschmann nennt dies eine „kooperative Trennung“, da der Staat fördert, ohne sich aber an Glaubensgrundsätze einer Religionsgemeinschaft zu binden. Sie ist „keine Verletzung der Neutralität des Staates und der Freiheitlichkeit der Verfassung, sondern eine groĂźe Chance fĂĽr den Staat und ein Gewinn fĂĽr die Gesellschaft“. Genauso verstehe ich einen säkularen Staat, der pluralistisch ist und nicht den Pluralismus zugunsten einer chemisch reinen Farblosigkeit aufopfert, sondern kreative Vielfalt fördert.

Ich bin ein mündiger Bürger, will die Wahlfreiheit behalten, übernehme für meine Entscheidungen die Verantwortung und erwarte von der Schule eine vertiefte Bildung dazu. Deswegen sage ich mit meiner Unterschrift meine Meinung, gerade auch weil es Tendenzen gibt, das Erschrecken und Trauern jener, die ein Leben lang in der Schule ihr Bestes gegeben haben und nun ihre Existenz gefährdet sehen, süffisant zu belächeln. Das ist in einem demokratischen Staat sehr beunruhigend. Auch dagegen wehre ich mich. Ich möchte ich einer lebendigen und pluralistischen Gesellschaft leben, die sich durch den Respekt für den anderen auszeichnet. Das ist meine Wahl.

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