Vom Klavier ins Bett

von | 20.12.2018

Annenmaykantereit stieg 2016 mit dem Album „Alles nix Konkretes“ in der Debütwoche auf Platz eins der deutschen und österreichischen Albumcharts ein. Kurz vor Jahresende erschien der zweite Streich: „Schlagschatten“.

Vertigo Berlin

Marie? Bitte bleib da, wo du bist. Auch, wenn Henning May von Annenmaykantereit mit noch so rauchiger Stimme nach dir ruft. Lass ihn den Vögeln zusehen, wie sie vom Himmel scheißen, denn selten klang das schöner, als wenn er es besingt. Vor zwei Jahren entschuldigte sich die Band bei Pocahontas und saß barfuß am Klavier. Heute zieht sie an Städten vorbei, hinter der sie keine Welt vermutet. Danach nimmt sie ihre Zuhörer*innen mit ins Bett – und aus dem Bett, kommt man nicht mehr raus. Selbst nicht zum Tanzen. Dafür sind die Geschichten, die der Sänger May mit gewohnt rauchiger, wenn auch stellenweise überraschend heller und erschreckend dünner Stimme erzählt, zu gut. Zu intim. Zu ehrlich. Ein Zuviel, das mehr Lob als Kritik ist.

Manche Textstellen sind einfach, nicht unbedingt raffiniert, aber wahr. „Sowas kriegst du aus dem Herzen nicht mehr raus“, heißt es zum Verlust eines geliebten Menschen. Oder: „Alles dreht sich, wenn du dich verliebst.“ Annenmaykantereit zuzuhören ist wie das Tagebuch der Songschreiber – oder vielleicht auch das eigene? – zu lesen. Einiges überspringt man lieber, anderes liest man immer und immer wieder. Einiges entdeckt man neu.

Auf der Seite von jpc, einem deutschen Musikversandhandel, schreibt ein Rezensent: „Ganz so genau braucht man nicht hinzuhören, denn so richtig barfuß sitzt da keiner mehr am Klavier.“ Dabei ist das, was Annenmaykantereit auf ihrem neustem Album bietet, kein poppiger Einheitsbrei. Tatsächlich bieten einige wenige Songs jedoch hektische Musik und zu kurz gefasste Texte statt Poesie zu Klaviermusik. In „Alles nix Konkretes“ hielten sich Leichtigkeit und Tiefgründigkeit mehr die Waage. Sie harmonierten einen Tick besser. Dafür wird es in „Schlagschatten“ mit der Nummer „Weiße Wand“ politisch, was im Debütalbum gänzlich fehlte. Beschränkte sich dieses vorwiegend auf Beziehungskisten, wagt sich „Schlagschatten“ auf der Suche nach Marie tiefer in eigene und fremde Welten vor.

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