Auf Amazon Prime: Sound of Metal

Mit „Sound of Metal“ hat Regisseur und Drehbuchautor Darius Marder ein erstaunlich fesselndes Erstlingswerk geschaffen. Neben dem tollen Drehbuch tun beeindruckende Schauspielleistungen und ein geniales Sounddesign ein Übriges, um ein immersives Seherlebnis zu garantieren.

Nachdem Ruben sein Gehör verloren hat, unterzieht er sich einem Hörtest. (Foto: Amazon Studios)

„Learn how to be deaf“ – diese Aufgabe steht für Ruben (Riz Ahmed) an der Tafel. Seit er vor einigen Tagen sein Gehör von einer Sekunde zur nächsten fast vollständig verlor, ist nichts in seinem Leben mehr wie zuvor. Fast nichts, denn plötzlich ist es wieder so stark wie schon lange nicht mehr, das Bedürfnis, sich mit Rauschmitteln zu betäuben. Ein Bedürfnis, dem er seit vier Jahren nicht mehr nachgegeben hat. Nun ist Ruben wieder an einem Punkt, wo er aus eigener Kraft nicht mehr nüchtern bleiben kann: Seine Karriere als Heavy-Metal-Drummer ist vorerst beendet, für eine Ohrenoperation fehlt das Geld, er muss lernen, in Gebärdensprache zu kommunizieren, und in den Monaten, in denen er in einer abgeschottet lebenden Gemeinschaft an Hörbehinderten lebt, darf er weder sein Handy benutzen, noch seine Lebensgefährtin Lou (Olivia Cooke) wiedersehen.

Das Erzähltempo von „Sound of Metal“ ist recht langsam, dennoch kleben die Augen in jeder Sekunde am Bildschirm. Das liegt zum einen an dem beeindruckenden Spiel von Riz Ahmed. Jede Facette Rubens verkörpert er mit absoluter Glaubwürdigkeit: seine Lebensfreude zu Beginn des Films, die aus ihm heraussprudelnde Wut angesichts seiner Diagnose, sein zögerliches Herantasten an seine neue Lebensrealität. Ahmed verleiht jeder Entwicklung, jeder Emotion Rubens eine eindrucksvolle Authentizität. Selbst wenn er nicht redet, passiert derart viel in seinem Gesicht, dass man vergisst, dass man sich gerade einen Film anschaut.

Der andere Grund für die nie nachlassende Spannung ist das Drehbuch. Immer wieder schlägt es unvorhersehbare Wege ein, nie aber der plumpen Effekthascherei wegen. Selbst nach 100 Minuten Sehzeit ist es unmöglich zu erahnen, wohin der Film uns in den letzten Minuten führen wird. Stets werden Erwartungen unterwandert und Klischees vermieden.

Auch wenn der Film Themen enthält, die so einigen Filmen zugrunde liegen – Drogenabhängigkeit, Rehabilitation, Geldprobleme –, so behält er stets eine eigene alles in allem eher pessimistische Perspektive darauf. Nicht Rubens Lebensumstände werden aber in einem negativen Licht gezeigt, sondern vielmehr wie er damit umgeht.

Daran wird deutlich, dass es Darius Marder, der das Drehbuch zusammen mit seinem Bruder Abraham verfasst hat, nicht darum geht, mit seinem Film einen politischen Kommentar zur Lage von Menschen mit Behinderung zu liefern. Wem nach einem politischeren Film zum Thema Inklusion zumute ist, sei etwa die Netflix-Doku „Crip Camp“ (woxx 1574) empfohlen. „Sound of Metal“ ist fast ausschließlich auf das Innenleben seines Protagonisten fokussiert. Der Film verbindet meisterhaft Inhalt und Form, wenn wir mittels Sounddesign immer wieder in Rubens Wahrnehmung hineinversetzt werden.

Am Ende kann man nur über die Tiefe staunen, die das Filmteam dieser Figur während nur zwei Stunden zu verleihen vermochte. Darüber, wie sehr der Streifen bewegt, ohne jemals ins Kitschige oder Moralisierende abzudriften. Wie sehr man Anteil nimmt am Werdegang dieser Figur, die längst nicht immer sympathisch ist oder nachvollziehbare Entscheidungen trifft. Und wie rund der Film am Ende wirkt, trotz seiner losen Struktur und zum Teil ambivalenten Handlungsstränge.

Der Verlust seines Gehörs war ohne Zweifel ein Katalysator in Rubens Leben. Ob dieser Bruch letztlich zu einer erfüllten Zukunft führt, ist der Interpretation der Zuschauer*innen überlassen.

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