Der letzte linke Kleingärtner, Teil 11: Gemetzel im Hühnerstall

Bislang hat uns der letzte linke Kleingärtner seinen Garten als Refugium und Ort des Friedens präsentiert. Wer diese Fantasie bewahren will, sollte heute lieber nicht weiterlesen: Diese Folge der Kolumne beginnt wie ein Splattermovie – und endet wie ein Kriegsfilm.

Von Hühnern und Hunden: Friedliche Koexistenz ist zwar durchaus möglich, hat aber beim letzten linken Kleingärtner nicht so gut geklappt. (Foto: Andrewburke100/CC BY-SA 4.0)

Was für ein Gemetzel. Der Nachbarshund dringt in meinen Garten ein, überwindet den Zaun zum Hühnergehege und die Dinge nehmen ihren tragischen Lauf. Ein Huhn wird sofort niedergestreckt, dem zweiten hängen nach hartem aber chancenlosem Kampf einige Innereien heraus, sodass es besser ist, es von seinen Qualen zu erlösen. Vom dritten Huhn fehlt bis auf ein paar Federn jede Spur.

Was dann folgt, sind die obligatorischen Bescheidwisser aus dem Bekanntenkreis, die einen zu allem Elend mit ihren bescheuerten Weisheiten nerven: So sei es halt in der Natur, Hunde und Hühner vertrügen sich nun einmal nicht. Auf dummes Geschwätz dieser Sorte kann ich liebend gern verzichten.

Ich vertrage mich auch nicht mit Hunden. Deshalb kille ich sie aber nicht gleich. Außer vielleicht in meiner Fantasie. Aber Fantasie ist sowas wie Literatur oder Philosophie. Als Kleingärtner lebe ich jedoch im Hier und Jetzt.

Auffallend still übrigens auch wieder mal die Vegetarier und die Tierrechtler. Kein Wort der Anteilnahme von dort. Wenn es um große Fragen von richtig und falsch geht, überschlagen sie sich und kriegen sich nicht mehr ein. Aber das konkrete Leid der einzelnen Kreatur scheint ihnen herzlich egal.

Was also tun, angesichts dieser Tragödie? Immerhin kommt mir nun zugute, dass ich bei der Auswahl meiner Nachbarn durchaus meine Beziehungen als Kleingärtner spielen lasse. Nur die besten Anwärter sind gut genug für meine Umgebung. Da kenne ich nichts und vor allem kein Pardon. Wer in meiner Nähe sein will, muss in den Wettbewerbskategorien Anstand, Ordnung, Fleiß und Sauberkeit mindestens in meiner Liga spielen. Wenn auch nicht vor mir. Da ist eh kein Platz mehr.

Meine Nachbarn, zeigten sich als Besitzer dieses hühnermordenden Drecksviehs daher einsichtig, hielten mit mir eine Schweigeminute ab und zeigten auch sonst das nötige Maß an Anteilnahme. Als Ausdruck ihres nachbarschaftlichen Pragmatismus organisierten sie sofort formidablen Ersatz. Ein Hoch auf die Marktwirtschaft. Das ganze Jahr über Erdbeeren und junge und legereife Hühner. The show must go on und der Rubel muss rollen.

Haarlack für Hühner

Der Bestand wurde also wieder aufgefüllt. Zu allem Überfluss torkelte, Tage nach dem Hundeüberfall, das vermisste dritte Huhn, völlig entkräftet und um viele seiner Federn beraubt, wieder in den Hühnerstall. Es hatte sich satte 48 Stunden versteckt und gewartet, bis sich sein rasend schnell klopfendes Herz wieder beruhigt hatte. Schließlich trieben Hunger und Durst es wieder zurück zu mir.

Jetzt aber gab es ein Problem mit den neuen Hühnern. Die Hackordnung war noch nicht hergestellt. Ich traute kaum meinen Augen: Das völlig entkräftete Huhn ging sofort auf die „Neuen“ los und traktierte sie mit dem spitzen Schnabel. Unfassbar, wie reflexhaft auch diese Zweibeiner agieren. Statt „Wunden zu lecken“, zu fressen und zu trinken, wird sofort gekämpft. Das ging mir zu weit. Ich griff zu einer Dose Haarspray und sprühte die neuen Hühner damit ein. Das Gehacke hörte augenblicklich auf, denn von solchem Gestank hielt sich das „verlorene“ Huhn dann doch lieber fern. Wäre ja auch gelacht, wenn ich die paar Hühner nicht unter Kontrolle bekäme. Das Haarspray hatte ich mir schon vor drei Jahren gekauft, als ich ebenfalls neue Hühner bekommen hatte. Eine lohnenswerte Investition.

Ansonsten läuft im Garten alles wie es soll. Wie der Vater des großen Plans es vorgesehen hat. Die Ernte der Zuckererbsen hat begonnen. Das wird drei Wochen lang ein Fest. Kein Wunder, bestes Saatgut, wurde ja auch von mir persönlich nachgebaut. Gerade Reihen, mit Kompost gut vorbereiteter Boden und schon gibt es Wachstum ohne Ende. Ohne Wachstum ist alles nichts.

Auch an der Salatfront folgt ein Sieg auf den andern. Nachhaltig und mit viel Potenzial für die Zukunft. Nachdem es zu Beginn nicht ganz optimal lief, folgen die verschiedenen Salate inzwischen dem Wachstumsdiktat und legitimieren damit ihr Dasein. Voller grenzübergreifender Symbolik bin ich geneigt zu sagen: Die Grünen und das Grünzeug wachsen wie doof. Fragt sich nur wohin. Bevor alles ins Kraut schießt, muss ich als Kleingärtner einschreiten und das Wachstum in für mich genehme Bahnen lenken. Ich bin schließlich der Chef des grünen Gemüses. So oder so.

Bei der Aussaat von Kürbissamen gibt es derweil eine Panne nach der anderen. Egal was ich bisher ausprobiert habe, das Ergebnis ist immer gleich Null. Kein Kürbis will aufgehen. So bleibt mir nichts anderes übrig als feldherrenmäßig auf volles Risiko zu gehen und schlichtweg das komplette Kürbissaatgut in die Schlacht an der Gemüsefront zu werfen. Wenn nur 20 Prozent meiner Truppen sich festsetzen und aufgehen, stifte ich die Setzlinge als Prämie für die nächsten 100 Abonnenten dieser Zeitung. Als Kleingärtner agiert man wie ein Feldherr. Ständig die eigenen und die fremden Bataillone im Blick. Irgendwann wird unsereinem das zarte Hin und Her und das ständige Rücksichtnehmen zu viel. Wenn der Punkt gekommen ist, dann wird aus allen Rohren geballert. Irgendein Kürbissamen wird schon aufgehen.


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