Der letzte linke Kleingärtner, Teil 42: Salat fürs Proletariat


„Komm in die Ordnung“ ist ein Spruch, den der letzte linke Kleingärtner auf dem Fußballplatz wie in seinem Garten kultiviert. Vielleicht wird so bald sogar die Arbeiterklasse wieder reformiert.

Planvolle Verrottung: Auch ein Komposthaufen will gut organisiert sein. (Foto: Traumrune/Wikimedia Commons/CC BY 3.0)

„Diese Kolumne wird Ihnen präsentiert von ‚Amerikanischer Brauner’ und ‚Rucola’“, müsste eigentlich hier stehen. Denn am liebsten hätte ich erstmal einen leckeren Salat aus meinem Kleingarten der Vielfalt gegessen, um dann gestärkt diese Kolumne schreiben zu können. Doch soweit ist es noch nicht ganz. Da ich ohne Gewächshaus arbeite, zeigt sich zwar schon recht viel von dem gesäten Grünzeug, aber bis zur Ernte muss ich mich ein paar Tage oder sogar Wochen gedulden.

Rucola ist eine Salatsorte, die in den vergangenen Jahren in Mode gekommen ist, sicherlich auch als Resultat der Kolumnenfolge „Rucola radikal“ in woxx1507/08. Der Vorteil dieses Gewächses ist, dass es auf nahezu jedem Boden wächst und kurz nach dem Säen aufgeht. Diese Art und Weise des Wachstums erinnert mich an den preußisch-militärischen Stechschritt. Aber der Geschmack entschädigt für die irritierende Zackigkeit. Wo Licht ist, gibt es natürlich Schatten. So schnell Rucola Blattwerk zum Essen erzeugt, so rasch ist es mit der Herrlichkeit wieder vorbei: Die Pflanze wächst ratzfatz aus. Und dann ist Schluss.

Vom Namen her gewöhnungsbedürftig ist die Salatsorte „Amerikanischer Brauner“. Es handelt sich dabei um einen Pflücksalat, der im Gegensatz zu Rucola nicht schnell auswächst und über Wochen hinweg eine enorme Menge an Blättern erzeugt. Ich pflücke jede Pflanze bis auf ihr Herz ab. Das muss stehen bleiben, weil es dafür sorgt, dass nach wenigen Tagen schon wieder essbares Blattwerk auf den Kleingärtner wartet. Er gehört in die aus Lifestyle-Magazinen bekannte Kategorie der „knackigen, frischen Salate“. Das sind jene Salatsorten, die gesundheitsbewusste Metropolenbewohner ohne Bezug zum Land oder gar zur Arbeiterklasse – die es zwar nicht mehr gibt, sich in einer Kolumne aber immer gut anhört – bevorzugt goutieren, nachdem sie aus dem Fitnessstudio kommen. Und was für diese Schickimickis gut ist und auf deren Teller kommt, ist mir recht. Denn insgeheim träumt doch jeder Kleingärtner davon, so zu sein, wie „die da“ in der Stadt. Der Name dieser Sorte, die seit Jahren mein Lieblingssalat ist, bezieht sich auf die rot-braune Färbung des üppigen Blattwerks. Wer andere Assoziationen hat, kann auch glücklich werden auf Erden, liegt aber daneben.

Wo wir schon bei Assoziationen sind – das Wort hat eben jemand erwähnt, ich greife es nur auf – eigentlich ist ein Kleingärtner gerne jemand, der aus seinen gewundenen Assoziationen keinen Hehl macht und den Menschen in der Welt außerhalb seines Gartens gerne damit bedenkt.

„Komm in die Ordnung“ meint also das Praktizieren taktischer Formationen.

So etwa mit dem Ausruf „Komm in die Ordnung“. Der hat auf allen Fußballplätzen der Welt in jeder Sprache seinen Platz. Trainer wie Trainerinnen geißeln damit insbesondere im Jugendbereich die ihnen Anvertrauten. – Exkurs: Schließlich spielt man nicht aus reinem Spaß mit der runden Kugel, sondern um zu gewinnen. „Ich will Spaß haben“ oder „Dabei sein ist alles“ sind ziemlich bescheuerte Formulierungen, um die eigenen Fehler und Unzulänglichkeiten zu übertünchen. Würden die Menschen, die diese Zeitung machen, dies „nur zum Spaß“ tun, dann käme sie zum einen nicht Woche für Woche pünktlich heraus, zum anderen stünde nicht viel Gescheites drin. Exkurs Ende.

„Komm in die Ordnung“ meint also das Praktizieren taktischer Formationen im Fußball oder einer anderen Teamsportart; aber nicht zum Spaß, sondern um zu siegen. Ein Team, das dies gut beherrscht, kann eigene technische Unzulänglichkeiten wenigstens zum Teil kompensieren und sich so tendenziell auf die Gewinnerseite des Lebens gruppieren. – Was hat das jetzt mit dieser Gartenkolumne zu tun? Danke für den Hinweis.

„Komm in die Ordnung“ rief ich unlängst meinem Boden zu und gab ihm damit zu verstehen, er solle sich auf das Legen der Kartoffeln für die neue Ernte vorbereiten. Aber nichts geschah. Der Boden verweigerte sich meinen Befehlen. Also musste ich ran. Erstmal Quecken als Wurzelunkraut entfernen, wobei eine Grabgabel statt eines Spatens die klügere Wahl ist, denn mit dem Spaten zerteilt man die Wurzelunkräuter nur und motiviert sie damit zum Wiederaustrieb. Ist das Unkraut draußen, wird Kompost eingearbeitet und, sofern vorhanden, Kuh-, Pferde- oder Hühnermist. Damit Kompost und Mist beim Ausbringen der Kartoffeln gut verrottet sind, was die Nährstoffaufnahme begünstigt, empfiehlt es sich, mit der Bodenvorbereitung bereits im Herbst zu beginnen. Dann brauche ich im Frühjahr den Boden nur noch leicht aufzuhacken.

Soweit also die Theorie von „Komm in die Ordnung“. In der Praxis ist es wie im Fußball. Von 90 Spielminuten bewegen sich die Akteure und ihr Ball in mindestens zwei Dritteln der Zeit unabhängig von jeder vorher mit dem Schlachtruf „Komm in die Ordnung“ eingehämmerten Theorie. Genauso verhält es sich im Garten. All die wohldosierten und mir bestens bekannten Schritte der Bodenvorbereitung habe ich wieder aufs Frühjahr verschoben, statt sie, wie geplant, bereits vergangenen Herbst zu machen. Der Kleingärtner ist halt auch nur ein Mensch. Wer hätte das gedacht.

Drei Praxistipps:

„Komm in die Ordnung“ 
trägt dich durchs Leben.
Lass dich von „Amerikanischer Brauner“ salattechnisch durch den Sommer tragen.
„Rucola“ ist kein Schweizer Hustenbonbon.


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