Die Fledermaus in Zeiten von Corona: Virenschleuder oder Glücksbringerin?

In der Schweiz gibt es einen Fledermaus-Notdienst. Und Biologie
doktoranden, deren Begeisterung für die „niedlichen“ Tiere fast ansteckend wirkt. Aber nur fast.

Fledermäuse als Dekor. Bed & Breakfast in Lijiang, China. (Foto: lm)

Am Anfang unserer Begegnung stand ein Missverständnis. Bei Dämmerlicht greife ich in das Spülbecken, um einen vermeintlichen Kaffeerest aus dem Siebträger zu entfernen. Doch der Kaffeerest bewegt sich, er lebt. Ich renne ins Wohnzimmer, schließe die Tür und rufe einen Freund an: „Kannst du schnell vorbeikommen, eine Kröte sitzt in meinem Waschbecken. Wie kann das überhaupt sein?“ Das kann auch tatsächlich nicht sein, denn der Freund identifiziert schließlich mit helvetischer Gelassenheit das Tier: „Das ist eine Baby-Federmaus.“ Kurz drauf bringen wir das tierische Kleinkind in eine Felseneinstülpung in der Nachbarschaft.

Die Kröte war eine Maus

Es vergehen zwei Tage. Nachts stehe ich auf und will mir einen Tee kochen, während ich vor dem Wasserkocher warte, huscht ein großer Schatten über die Wände. Das ist aber eine große Motte, denk ich und dreh mich um; doch dann sehe ich: Die Motte ist eine Fledermaus. Ich schrei sie an, und sie schreit mich, glaub ich, auch an, während sie vor mir hoch und runter flattert. Was tun?

Im Internet entdecke ich: Es gibt einen Fledermaus-Notfalldienst. Die Frau am Telefon ist hörbar fledermausbegeistert: „Keine Angst, das sind liebe Tiere und die haben keine Lust bei Ihnen zu wohnen. Öffnen sie einfach das Fenster.“ „Und werde ich nicht krank, falls ich versehentlich mit Fledermausausscheidungen in Kontakt komme?“ „Im Gegenteil, die Fledermaus ist ein Schädlingsvertilger; ihre Küche ist jetzt Mücken bereinigt“, klärt mich die Frau über meine unangebrachte Diffamierung auf. Statt Fledermäuse als Plage darzustellen, solle man sie als Plagenbekämpferinnen anerkennen. In der Küche des kleinen Studios gibt es allerdings kein Fenster; ich entscheide also sie am nächsten Tag einzufangen, wenn sie nicht mehr rumfliegt.

Am nächsten Tag erzähle ich beim Verlassen des Hauses den Nachbarn von meinem Gast; wie auch die Fledermaus-Notfall-Telefonbegleiterin finden sie das kleine Säugetier einfach „niedlich“. Dann fahre ich nach Bern in die Universitätsbibliothek, die in einer ehemaligen Fabrikhalle der Familie Tobler situiert ist. Im Untergeschoss blättere ich an einem Schreibtisch durch ein paar Bücher, hebe jedoch zwischendurch den Kopf, und stoße erneut auf Schweizer Fledermausenthusiasmus: Die Fensterscheiben werden nicht durch Vogel-Sticker markiert, sondern durch Fledermaus-Sticker. Es fällt einem im Alltag vor allem immer das auf, was einen gerade beschäftigt; und zunehmend wird für mich unübersehbar: In der Schweiz hat dieses rumflatternde und kopfüber schlafende Säugetier einen Fanklub.

Keine Angst vor der Phänomenologie

Abends sitze ich im Zug und denk an die Szene der gestrigen Nacht: Ich weiß nicht, wie die Fledermaus die Welt wahrnimmt, und die Fledermaus weiß nicht, wie ich die Welt wahrnehme; aber für diesen kurzen Moment hatten wir beide Angst; dieses Lebensgefühl haben wir mit großer Wahrscheinlichkeit zum gleichen Zeitpunkt am gleichen Ort geteilt. Und ich denk daran, dass die Fledermaus zum Maskottchen der phänomenologischen Philosophie avanciert ist. 1974 publizierte Thomas Nagel ein Essay mit dem Titel „What Is It Like to Be a Bat“. Darin schreibt er, es sei nicht möglich phänomenales Erleben aus dem Blickwinkel der dritten Person zu beschreiben, Zugang zu subjektiven Empfindungen könnten stets nur aus der Perspektive der ersten Person erfolgen. Nagel bleibt skeptisch: die naturwissenschaftliche Kognitionsforschung könne auch künftig keinen Zugang zu subjektiven Empfindungen bieten. Nein, ein paar Grafiken lassen mich nicht nachfühlen, wie ein anderes Wesen die Welt wahrnimmt, aber Empathie lässt mich erahnen, dass ich der Fledermaus einen Schrecken eingejagt habe, wie sie auch mir. Diese Erfahrung teilen wir, wenngleich wir nicht derselben Art angehören.

Als ich zu Hause ankomme, finde ich die Fledermaus, wie bereits die Baby-Fledermaus, im Waschbecken zusammengekauert. Ich lege einen großen Topf über sie und rufe den Naturschutz an. Ein junger Biologiedoktorand eilt herbei. Auch er findet Fledermäuse „tellement chou“, nimmt sie in die Hand und deutet auf ihre Flügel: „Siehst du, das ist der Ellbogen und hier befinden sich die Finger; einen Fledermausflügel muss man sich so vorstellen, als wären bei uns Menschen Hüfte und Arm mit einer Flughaut verbunden.“

Der Biologe, der die Fledermaus in der Hand hält, erklärt, die Fledermausforschung sei ein hochspannendes Gebiet: Rätselhaft sei nämlich, weshalb die Flattertiere über 40 Jahre alt werden, das sei äußert ungewöhnlich für Tiere dieser Größe. Falls wir dem Geheimnis ihres verlangsamten Alterungsprozesses auf die Spur kämen, könnten wir Antworten auf menschentypische Belastungen finden – Demenz, Krebs, rheumatische Erkrankungen, Sehschwäche.

Illu: Stéphanie Majerus

Die Unschuld der Flattertiere

Andere außergewöhnliche Eigenarten machen schon länger die Runde: wie jene ihres Orientierungssinns. Seit kurz vor dem Zweiten Weltkrieg weiß man, dass Fledermäuse hochsensible Ohren besitzen. Diese Öhrchen sind quasi ihre Augen bei Dunkelheit: Durch die Echoortung können sich die fliegenden Säugetiere problemlos orientieren. Um die Bedeutung der Ohren herauszufinden, stach der Wissenschaftler Lazzaro Spallanzani im 18. Jahrhundert den kleinen Säugetieren etwas rabiat die Augen aus und stellte fest: Sie konnten immer noch hervorragend durch Räume navigieren – was ihnen allerdings nicht mehr gelang, als er ihre Ohren ramponierte.

Im Zuge der Corona-Krise geriet die Fledermaus aber auch in der Schweiz unter Virenschleuder-Verdacht. Der SRF titelte am 10. April: „Wie gefährlich sind Fledermäuse in der Schweiz?“ Forscher der Universität Zürich hätten auch in „Schweizer Fledermäusen“, so der SRF, ein Beta-Coronavirus gefunden, das dem Mers-Coronavirus ähnlich sei, dem Virus, das bisher vor allem auf der Arabischen Halbinsel schwere Erkrankungen und Todesfälle verursacht hat. Dieser Virustypus könne auf den Menschen überspringen. Nach ein paar Gruselparagrafen erfährt der Leser jedoch von einem Virologen: „Eine direkte Infektion durch die Coronaviren einer Fledermaus ist sehr unwahrscheinlich.“

Dass diese Art von Berichterstattung unter eidgenössischen Fledermausschützern nicht gut ankommt, war zu erwarten. Und so ließen die Reaktionen auch nicht auf sich warten; die promovierte Tierverhaltensforscherin Dina Dechmann twitterte zwei Tage später: „Alle springen auf die Coronawelle auf, das lässt sich gerade gut und rasch publizieren und dass es unnötig Angst vor den schützenswerten Fledermäusen schafft, ist diesen ‚Wissenschaftlern’ egal. CoVID wurde NICHT von Fledermäusen auf Menschen übertragen!!“

Flüchten vor dem Glücksymbol

Solches Wohlwollen brachte man in der Geschichte der Menschheit eher selten gegenüber Fledermäusen auf. Besonders im christlichen Mittelalter wurden sie mit Dämonen in Verbindung gebracht: Während man sich Engel als schwungvoll gefiederte Wesen vorstellte, galten Dämonen als mit Flughäuten ausgestattete Bedrohung. Abschätzig urteilt die Bibel ebenfalls über den ăţallêph, den Nachtvogel: „Ihre Wohnung ist ein passendes Bild für Finsternis und Widerwärtigkeit und ein Ort, wohin Menschen ihre Götzen von Gold und Silber hinwerfen werden, wenn der HERR aufstehen wird, um die Erde zu richten“ (Jes 2,20).

Heute wird das religiöse Erbe vor allem von säkularen Mythen um das Tier verdrängt. Es übertrage Tollwut und greife Menschen aus dem Nichts an. Tatsächlich aber sind tollwütige Fledermäuse in Europa kaum verbreitet und sie greifen ausschließlich Personen an, die sie bedrängen. Neue Gruselgeschichten reihen sich seit dem Ausbruch des Coronavirus an bereits bestehende an: Das Virus hätte sich über Fledermausfleisch-Suppen verbreitet, ein angeblich in China beliebtes Gericht, hieß es Anfang 2020. Allgemein genießen die fliegenden Säugetiere in China allerdings einen guten Ruf: Die chinesische Silbe „fú“ steht sowohl für „Glück“ als auch für „Fledermaus“. Fledermäuse ornamentieren in China viele Gegenstände in Fünfergruppen, die die fünf Segnungswünsche symbolisieren: langes Leben, Gesundheit, Wohlstand, Tugendhaftigkeit und ein friedlicher Tod.

Im Sommer vor dem Ausbruch des Cov-Sars2-Virus erwache ich nachts aufgrund eines seltsam dezenten und nicht identifizierbaren Geräuschs. Ich öffne die Augen und sehe vier Fledermäuse in meinem Zimmer herumkreisen – scheinbar Mütter mit ihren Kids. Mit dem Schweizer Fledermausentzücken und der chinesischen Glücksymbolik bin ich jedoch noch immer nicht infiziert. Nein, dort kreist noch immer die paar jahrhundertealte europäische Schauder-Semantik: Ich habe Angst; spanne meine Bettdecke über Kopf und Arme und fliege gewieft auf das Wohnzimmer-Sofa.


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