Dürfen wir unglücklich sein?

In „Glücksdiktat – und wie es unser Leben beherrscht“ greifen Eva Illouz und Edgar Cabanas Glücksforscher*innen an. Ein Essay, der mit der Vorstellung des selbstbestimmten Glücks bricht und das Recht auf Leid verteidigt.

Copyright: Suhrkamp Verlag AG

Aus der Suche nach dem Glück eine Lebensweise zu machen könnte also auch andere als die positiven Folgen haben, die sich viele davon versprechen (nicht zuletzt, weil sie ihnen versprochen werden)“, schreiben die Soziologin Eva Illouz und der Psychologe Edgar Cabanas in „Das Glücksdiktat“. Einen Satz weiter heißt es: „Dieses Streben könnte sich als eine erschöpfende, obsessive und letztlich enttäuschende Erfahrung erweisen.“ Diese Zeilen fassen den Essay der Autor*innen, der 2019 auf Deutsch im Suhrkamp Verlag publiziert wurde, grob zusammen. In „Das Glücksdiktat – und wie es unser Leben beherrscht“ konfrontieren Illouz und Cabanas Leser*innen mit den möglichen Konsequenzen der Annahme der Positiven Psychologie und selbsternannter Selbstoptimierungs-Gurus, Glück sei allen Menschen gleichermaßen zugänglich: Der Mensch muss sich nur am eigenen Schopf aus der Misere ziehen und Widerstand leisten.

Illouz und Cabanas dekonstruieren die Glücksindustrie und greifen die oben erwähnte Positive Psychologie – eine psychologische Disziplin, die unter anderem der Selbstoptimierung frönt und deren Mehrwert für das Wohlbefinden der Menschen vorwiegend empirisch begründet – an. Sie führen vor, wie toxisch das Streben nach Glück und seine Darstellung in sozialen Medien sowie der Popkultur sein können. „Was ist mit jenen, die darunter leiden, dass sie es nicht schaffen, resilient zu sein oder Widrigkeiten mit einer positiven Einstellung zu begegnen? Was ist mit denen, die mit Schuldgefühlen zu kämpfen haben, weil sie mit ihren Lebensumständen nicht glücklich oder glücklich genug sind?“, fragen Illouz und Cabanas in dem Zusammenhang. „Führt die positive Rhetorik der Resilienz in Wirklichkeit nicht nur zu Konformismus? Rechtfertigt sie nicht unausgesprochen Hierarchien und Ideologien? Und macht sie nicht aus Leid etwas Nutzloses, ja Verachtenswertes?“

Die Auseinandersetzung mit dem Glück, mit dem Geschäft mit dem Wohlbefinden und der Leistungsoptimierung, ist nicht neu. Es ist eine Lebensfrage – die nach dem Glück, seiner Form, seinem Einfluss auf Wirtschaft, Berufs- und Privatleben. Das Thema mag abgedroschen sein, doch rüttelt die Lektüre des Essays gerade während der Pandemie wach. Wer während der Ausgangssperre mehr Trübsal geblasen hat als sich in neuen Freizeitbeschäftigungen oder in Resilienz zu üben und sich deswegen im Vergleich mit Anderen schlecht fühlt, findet Trost in dem Buch.

Am Ende liest sich der Essay zu oft wie ein subjektives Streitgespräch zwischen Befürworter*innen und zwei Gegner*innen der Positiven Psychologie. Die Autor*innen beißen sich an der Disziplin und an ihren Prämissen fest. Sie führen ihre Schwächen und Absurditäten auf über 200 Seiten vor. Das macht die Lektüre nicht uninteressant, nimmt jedoch Platz ein, den die Autor*innen besser hätten nutzen können: Zum Beispiel für eine intensivere Auseinandersetzung mit der Inszenierung des Glücks in sozialen Netzwerken oder zur Besprechung der Stigmatisierung mentaler Krankheiten.

Glücksdiktat – und wie es unser Leben beherrscht, 2019 in deutscher Übersetzung von Michael Adrian im Suhrkamp Verlag erschienen, 15 Euro.


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