Einladungspolitik: Wichtig sind fast nur Männer

Wer wird frühmorgens zum Radiointerview eingeladen? Die woxx-Analyse der Gäste bei RTL und 100,7 zeigt: Es kommen vor allem Männer zu Wort.

Sowohl bei 100,7 wie auch bei RTL kommen wenig Frauen zu Wort. Beim öffentlich-rechtlichen Sender werden auch die Fragen meistens von Männern gestellt. (Foto: CC BY-SA 4.0 Deror_avi/wikimedia)

In den letzten Jahren ist es eine kleine Tradition geworden: Zum Jahreswechsel analysiert die woxx, wer bei den beiden nationalen Radiosendern 100,7 und RTL Lëtzebuerg in den wochentäglichen Interviewsendungen zu Gast war. Auch für 2021 haben wir uns angeschaut, wer in den Sendungen „Invité vum Dag“ und „Invité vun der Redaktioun“ eingeladen war. Die Ergebnisse sind überraschend, denn manche Tendenzen, die sich letztes Jahr herauszuschälen schienen, haben sich wieder umgedreht.

Lag der Frauenanteil beim öffentlich-rechtlichen Sender 100,7 im Jahr 2020 noch bei etwas über 30 Prozent, so ist er 2021 auf unter ein Viertel gesunken: lediglich 23,4 Prozent der Interviewten in der Sendung „Invité vum Dag“ waren Frauen. 2019 lag dieser Wert bei 22,8 Prozent. Umgedreht ist es hingegen beim Privatsender RTL: Hier waren letztes Jahr 30 Prozent der „Invité vun der Redaktion“ Frauen, in den beiden Vorjahren waren es jeweils nur leicht über 20 Prozent.

Eine eindeutige Erklärung, wie es zu diesem Wechsel kam, gibt es nicht. 2020 spielte die damals neue Gesundheitsministerin Paulette Lenert (LSAP), die mehrmals Stellung zur Lage der Corona-Pandemie nahm, eine kleine Rolle: Wäre der ehemalige Minister Etienne Schneider noch Gesundheitsminister gewesen und statt Lenert bei 100,7 eingeladen worden, so hätte sich der Frauenanteil auf 28 Prozent verkleinert. Der „Lenert-Faktor“ allein konnte jedoch auch 2020 nicht den erhöhten Frauenanteil beim öffentlich-rechtlichen Sender erklären.

Der Lenert-Faktor

Ein Blick auf die Personen, die mehrmals zu Gast in der täglichen Interviewsendung bei RTL waren, zeigt, warum sich der Frauenanteil dort 2021 erhöht hat. Mit Lydie Polfer (DP), Martine Hansen (CSV) und Paulette Lenert waren drei der vier Personen, die viermal morgens im RTL-Studio Rede und Antwort stehen durften, Frauen. Der vierte im Bunde war übrigens Copas-Präsident Marc Fischbach. 2020 gab es nur drei Personen, die viermal eingeladen wurden – und sie alle waren Männer. Bei 100,7 waren 2021 nur zwei Personen vier Einladungen zugutegekommen: Kriegs- und Mobilitätsminister François Bausch (Déi Gréng) und Luc Feller vom Hochkommissariat für nationale Sicherheit.

Interessant ist auch, wer die Interviews führt: Bei 100,7 sind es in der Regel männliche Journalisten, die durch die Gespräche führen, während bei RTL sowohl Männer als auch Frauen die Fragen stellen dürfen.

Ein paar Menschen, die oft eingeladen werden, beeinflussen die Statistik zwar nicht übermäßig, können jedoch für Verschiebungen sorgen. Das zeigt, dass es für Redaktionen gar nicht so einfach ist, für eine Ausgewogenheit zu sorgen, denn wer zum Beispiel den Mobilitätsminister einladen will, muss zwangsläufig einen Mann einladen. Doch aus welchen Bereichen werden überhaupt Menschen eingeladen?

RTL beschreibt sein Format „Invité vun der Redaktion“ als „das Hintergrundinterview mit Vertretern aus Politik und Zivilgesellschaft“. Bei 100,7 klingt es recht ähnlich: „Ein Interview über ein aktuelles Thema. Gäste aus allen möglichen gesellschaftlichen Bereichen werden be- und hinterfragt.“ Was die Sender jeweils darunter verstehen, unterscheidet sich zwar in einigen Details, jedoch nicht großartig. Um vergleichen zu können, welche Funktionen die eingeladenen Menschen inne hatten, hat die woxx die Interviewpartner*innen grob in Kategorien eingeteilt. Bei beiden Sendern sind es überwiegend Politiker*innen, die morgens zur Primetime zu Wort kommen, rund 39 Prozent bei RTL und etwa 35 Prozent bei 100,7. Bei 39 Prozent der Politiker*innen-
Interviews kamen bei RTL Frauen zu Wort, bei 100,7 waren es lediglich 22 Prozent. Dem Privatsender kommt bei dieser Zahl zugute, dass er viele Politikerinnen mehrmals einlud.

Wichtig: Verwaltung 
und Wirtschaft

Beim zweiten Platz unterscheiden sich die Sender allerdings: Beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk kommen hier Menschen aus der Verwaltung, öffentlichen Institutionen oder parastaatlichen Einrichtungen zu Wort. Sie stellen etwas weniger als ein Fünftel der Eingeladenen. Bei RTL sind die Menschen aus dieser Gruppe mit 16,4 Prozent nur an dritter Stelle. Der Privatsender lud häufiger Vertreter*innen der Privatwirtschaft ein, ein Fünftel der Gäste kamen etwa aus Industrie, Handwerk, Finanzsektor oder sonstigen Gewerben. Wirtschaftsvertreter*innen kommen bei 100,7 mit 11 Prozent auf den dritten Platz.

Foto: CC BY-SA 2.0 Bricks’n’space

Die Zivilgesellschaft, also Mitglieder von NGOs, Protestbewegungen, Vereinen oder Interessenvertretungen finden sich bei beiden Sendern auf dem vierten Platz, wobei RTL leicht mehr von ihnen eingeladen hat als 100,7. Ihre Anzahl hat sich zwischen 2020 und 2021 nicht verändert. Danach kommen Wissenschaftler*innen und Gewerkschaftler*innen. Der Anteil an ersteren ist bei beiden Sendern gegenüber 2020 gesunken, beim öffentlich-rechtlichen Sender ist der Trend jedoch weitaus deutlicher als bei RTL. Das liegt vermutlich vor allem daran, dass zu Beginn der Covid-Pandemie wissenschaftliche Expertise sehr gefragt war und somit öfters Virolog*innen und andere Mediziner*innen erklären mussten, was es mit dem Virus, den Masken und Abstandsregeln auf sich hatte. 2021 hingegen rückte das Management der Pandemie und die Details zur Impfkampagne, den CovidCheck-Regelungen sowie den neuen Maßnahmen stärker in den Vordergrund.

Interessant ist auch, dass bei RTL keine Menschen aus den Bereichen Sport und Kultur als „Invité vun der Redaktioun“ eingeladen wurden, während dies bei 100,7 schon der Fall war. Die Zahl der interviewten Sportler*innen ist gegenüber 2020 leicht gestiegen, genauso wie jene der Menschen aus dem Kultursektor. Insgesamt stellen diese Kategorien jedoch eher eine Ausnahme dar. Das gilt auch für Vertreter*innen von religiösen Gemeinschaften, die bei beiden Sendern sehr selten zu Wort kommen: Bei 100,7 stieg die Zahl leicht, bei RTL fiel sie. Bis auf eine Ausnahme waren bei beiden Sendern übrigens nur Vertreter*innen der katholischen Kirche eingeladen, wenn Mitglieder von Religionsgemeinschaften eingeladen wurden.

„Prinzipiell ist es unsere Sorge, ein Spiegelbild der Gesellschaft 
zu sein“, schrieb Guy Weber, Chefredakteur von RTL, der woxx im Dezember, als wir zur Rolle der Journalistinnen in Luxemburg recherchierten. Er gab an, kein Inventar der Personen zu haben, die bei RTL zu Wort kommen. „Wir suchen nicht spezifisch nach männlichen und weiblichen Gesprächspartnern, sondern versuchen, so neutral, objektiv und ausgeglichen wie nur möglich Akteure des öffentlichen Lebens zu interviewen, die uns Antworten auf unsere Fragen liefern können“, hieß es weiter.

Zerrspiegelbild der Gesellschaft

Das vielzitierte Spiegelbild der Gesellschaft, das Medien sein wollen, ist das Zerrbild der Macht: Wer als wichtig und mächtig wahrgenommen wird, wird öfter zu Interviews eingeladen. Das ist in Luxemburg so, aber auch in den meisten Ländern. Eine verpflichtende Quote, die die Einladungspolitik reglementiert, wäre ein grober Eingriff in die journalistische Freiheit und somit kaum zu argumentieren. Allerdings wäre es sicherlich sinnvoll, wenn mehr Medien sich ihrer gesellschaftlichen Rolle bewusster würden. Sich einzugestehen, dass man mit den Menschen, die man zum Interview einlädt, nicht nur die Gesellschaft abbildet, sondern zum Teil auch beeinflusst, wäre dazu ein erster Schritt.

Das gilt nicht nur für die Kategorie Geschlecht, die ohnehin auch nicht ganz abgedeckt ist. Soweit es der woxx bekannt ist, haben RTL und 100,7 keine einzige nicht-binäre oder intergeschlechtliche Person eingeladen – zumindest war dies niemals Thema. Überhaupt wurden LGBTIQA-Themen sehr selten angesprochen: Ein Interview im Jahr, zur Pride, reicht in manchen Redaktionen wohl, um die Fata Morgana des „Spiegelbilds der Gesellschaft“ aufrechtzuerhalten. Auch Nichtluxemburger*innen, People of Color oder Menschen mit Behinderung kommen selten vor. Während bei RTL sämtliche Interviews auf Luxemburgisch geführt werden, sorgt 100,7 manchmal für sprachliche Diversität und lässt auch Menschen zu Wort kommen, die auf Deutsch oder Französisch antworten.

Medien haben nicht immer die Möglichkeit, sich die Gesprächspartner*innen auszusuchen: Politi
ker*innen sind gewählt, Firmenchefs und hohe Beamte durch den strukturellen Sexismus in unserer Gesellschaft oft männlich. Bei Wissenschaftler*innen und anderen Expert*innen könnten die Kolleg*innen der Radios die Expertinnendatenbank expertisa.lu des CID Fraen an Gender benutzen, um andere Stimmen an ihre Mikrofone zu bringen.

Die Analysen der Vorjahre finden Sie online unter woxx.eu/inviradio

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