Emotionsforschung: Ein politisches Gefühl

Der Ekel sei eine unterschätzte Empfindung und präge politische Präferenzen, behauptet der Philosoph Philipp Hübl. Man sei derlei Gefühlsneigungen allerdings nicht hilflos ausgeliefert, über die Vernunft seien Neukalibrierungen möglich.

Vertritt zum Teil steile Thesen: der Philosoph Philipp Hübl. (Foto: © Juliane Marie Schreiber)

In seinem neuesten Buch beschäftigt sich der Philosoph Philipp Hübl mit der Frage, wie unsere Gefühle und die Vernunft unsere Moralvorstellungen prägen und um Deutungshoheit ringen. Die Lektüre zieht einen regelrecht in ihren Bann. Dank der darin verwendeten lebensnahen Beispiele ist das Buch zugleich unterhaltsam und in seinen Grundzügen informativ. Gestützt wird Hübls Analyse durch empirische Studien über Urteile und beobachtbare Verhaltensweisen.

Hübl, der bis 2018 eine Juniorprofessur an der Universität Stuttgart innehatte, kommt zu dem Schluss, dass Moralvorstellungen sich primär an Emotionen ausrichten, darunter vor allem Angst, Scham und Schuld. Moral ist biologisch grundiert und wird durch Erziehungs- und Umwelteinflüsse mitgeformt. Besondere Beachtung schenkt er einem seines Erachtens bisher vielfach übersehenen Gefühl: dem Ekel. Sein Fazit: „Je stärker sich Menschen ekeln, desto traditioneller und konservativer sind sie, und desto ‚unreiner‘ und ‚unnatürlicher‘ erscheint ihnen alles, was von der Normvorstellung von Leben, Tod und Sex abweicht: Homosexualität, Prostitution, Abtreibung oder Sterbehilfe.“ Ausgehend von dieser Beobachtung formuliert der Autor die provokante These, man könne anhand der Ekelneigung bestimmter Personen deren politische Präferenzen zuverlässiger ableiten als anhand klassischer Merkmale wie Bildungsstand oder Einkommen. Nicht Angst verleite primär zu Fremdenfeindlichkeit, auch wenn diese empfänglich für Themen wie Sicherheit und Ordnung mache. Der Motor für rechtes Denken gründe jedoch eher in einem übersteigerten Ekelempfinden.

Seine in dem Buch mit dem Titel „Die aufgeregte Gesellschaft“ gemachten Beobachtungen möchte Philipp Hübl keinesfalls auf den westlichen Kulturkreis beschränkt wissen. Emotionen wie Ekel bilden für Hübl die Grundlage jener sechs „moralische Grundprinzipien“, denen er weltweite Geltung zuspricht. Zum einen identifiziert er die drei „F“: Fürsorge, Fairness und Freiheit. Hinzu kämen die Werte Autorität, Loyalität und Reinheit. An den F-Werten orientierten sich vor allem progressiv, links oder liberal eingestellte Menschen. Autorität, Loyalität und Reinheit zählten hingegen vornehmlich für traditionsbejahende Konservative.

„Je stärker sich Menschen ekeln, desto traditioneller und konservativer sind sie“.

An diesen Kategorien orientierte Erhebungen zum Lebensstil ermöglichen dem Philosophen zufolge, Rückschlüsse auf politische Präferenzen, wobei Hübl seine Methode durchaus weitschweifend fasst: Wer Katzen mag, ist demnach progressiv gesinnt, weil Katzen freiheitsliebend sind. Wer Hunde bevorzugt, wählt hingegen konservativ (der Hund verkörpert das Loyalitätsprinzip).

Auch am Äußeren von Personen vermag Hübl seine Kategorien anzuwenden: Progressive tragen zerrissene Jeans und haben amorphe Styling-Vorlieben, wie etwa Piercings oder zerzaustes Haar. Konservative hingegen bringen ihre Haare unter Kontrolle, notfalls mit Gel. Zudem schätzen sie Statussymbole wie Perlenketten, edles Fell und teure Anzüge. Selbst das Traumverhalten der beiden Gruppen könne unterschieden werden: Laut Umfragen haben US-amerikanische Republikaner dreimal so oft Albträume wie ihre politischen Kontrahenten von den „Progressives“. Immerhin spart der Autor beim Thema Kleidung auch die inneren Widersprüche der Progressiven nicht aus. Durch ihren Wunsch nach Neuem und Andersartigem halten sie die Modeindustrie am Laufen. Und Kleiderkreisel mögen zwar ökologisch sein, sind aber letztlich ebenso durch und durch kapitalistisch, weil man immer mehr für stets weniger Geld bekommen will.

Konservative fürchteten sich stärker vor als andersartig empfundenem und sähen sich stärker in ihrem Lebensstil bedroht. Vor allem Werte wie Loyalität und Reinheit verstärken Hübl zufolge die Furcht vor von der Migration ausgelösten Mischformen. Die Angst vor dem Arbeitsplatzverlust sei im Vergleich dazu eher sekundär mitursächlich für Fremdenfeindlichkeit.

Obwohl bei Philipp Hübl den Emotionen und Umweltkontexten eine zentrale Stellung bei der Bildung bestimmter Einstellungen und Haltungen zukommt, vertritt er die Ansicht, Menschen könnten ihre Vorannahmen über die Vernunft revidieren und sich für ihre eignen Vorurteile sensibilisieren. Dabei könnten auch Statistiken weiterhelfen: Mitunter werde in den Nachrichten der Eindruck erweckt, die meisten Menschen würden durch Morde oder Flugzeugabstürze umkommen, aber jährlich sterben etwa eine halbe Million Kinder unter fünf Jahren allein an Durchfall. Leider sei die Begeisterung zum Umdenken nicht besonders hoch, denn dies koste Energie. Einfacher sei es, die eigenen Normen und Vorstellungen systematisch heraufzubeschwören und zu reproduzieren.

Gelegentlich dürften Hübls Leserinnen und Leser historisch-kritische beziehungsweise kulturanthropologische Perspektiven vermissen. Dass diese bei ihm kaum eine Rolle spielen, zeigt sich auch in den Interviews, die der Autor gibt. Im April 2019 beispielsweise betonte er in der Youtube-Sendung „Jung & Naiv“, dass die „Länder der westlichen Welt“ die ersten gewesen seien, die Homosexualität legalisiert hätten. Nur vergisst er dabei zu erwähnen, dass etwa in Indien die britische Kolonialregierung zunächst die juristische Ahndung gleichgeschlechtlicher Sexualität vorangetrieben hatte. Im Jahr 2018 dann gratulierte die „westliche Welt“ Indien zum Ende der Kriminalisierung gleichgeschlechtlicher Liebe – eine Kriminalisierung, die sie selbst geprägt hatte. Bedenkt man die stellenweise positive Konnotation homosexueller Praktiken im Kamasutra, wird umso deutlicher, dass Hübl Fortschrittserzählung in mancher Hinsicht brüchig ist.

Und wenngleich viele lehrreiche und verblüffende Studien vorgestellt werden, kommen einige zu monokausal daher. Beispielweise stellt Hübl das sogenannte Parasitenmodell vor, dem zufolge es kein Zufall sei, dass sich am Äquator, wo die meisten Infektionskrankheiten verbreitet sind, zugleich die meisten autoritären Regimes befinden. Oktroyierte Vorschriften könnten tendenziell besser vor Krankheiten schützen, so Hübls biologistisch angereicherte problematische Vereinfachung. Denn geopolitische Überlegungen und andere Aspekte, die Autokratien begünstigen, muss sich die Leserschaft selbst in Erinnerung rufen.

Und so stimmig viele der von Hübl angebotenen Interpretationen intuitiv auch erscheinen mögen, lassen sie sich doch recht mühelos konterkarieren. Kommt man etwa auf das Hund-Katze-Beispiel zurück: Ist es nicht erstaunlich, dass die auf Reinheit bedachten Konservativen sabbernde, haarende Vierbeiner halten, während sich die Progressiven graziöse, auf Fellpflege bedachte Samtpfoten anschaffen?

Hübl sind die Erkenntnisgrenzen der von ihm vorwiegend verwendeten Studien aus dem Bereich der empirischen Psychologie durchaus bewusst. Besonders schwierig sei die Aussagekraft von älteren Studien, die hauptsächlich mit sogenannten „weird“ Versuchspersonen durchgeführt wurden. „Weird“ ist das Akronym für „western, educated, industrialized, rich, democratic“. Diese Studien seien teils sehr situations- und milieuabhängig und nicht universell übertragbar.

Dass man aus empirischen Feststellungen keine Werte ableiten kann, akzeptiert Hübl wie die meisten Wissenschaftler. Objektive, moralische „Fakten“ gibt es in dem Sinne nicht. Dennoch gibt es ihm zufolge universelle Werte, die als moralische Tatsachen angesehen werden können und die über vernunftgeleitete Reflexion ausgelotet werden können. Damit positioniert er sich etwas anders als Philosophen wie Cora Diamond, die betont, dass Werturteile oftmals ihren Ausgangspunkt in Gefühlen wie Zuneigung, Liebe und Mitleid haben. Und Diamond will diese nicht vom Tisch wischen, sondern ernst nehmen: Denn wer andern gegenüber einen rein analytischen Blick einnehme, verneine seine eigene Menschlichkeit wie auch die des Gegenübers.

Hübl konstatiert, dass die Welt polarisiert sei: Junge, progressive Städter stoßen auf konservative Landbewohner. Dennoch ist sein Fazit optimistisch: Die Ambiguitätstoleranz nehme zu; dies macht er unter anderem an den vielschichtigen Charakteren der modernen TV- und Streaming-Serien fest, wo das eindeutige Gut-Böse-Raster nicht mehr angesagt sei. Philipp Hübl glaubt an den moralischen Fortschritt, vorangebracht durch die Vernunft.

Philipp Hübl: Die aufgeregte Gesellschaft. Wie Emotionen unsere Moral prägen und die Polarisierung verstärken. C. Bertelsmann 2019, 432 Seiten.

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