Ernährungssouveränität: Open Source fürs Feld

Weil große Konzerne bestimmen, was angebaut wird, ist Sortenvielfalt in der modernen Landwirtschaft oft ein Fremdwort. Die Initiative OpenSourceSeeds  will Saatgut wieder zum Allgemeingut machen.

Die „Black Chili Heart“ Paprikasorte steht unter Open Source Lizenz. (Foto: OpenSourceSeeds/Agrecol)

Die Nahrungsmittelknappheit, die durch die russische Invasion der Ukraine ausgelöst wurde, zeigt wie abhängig wir von weltweiten Lieferketten sind. Das betrifft vor allem die direkten Lieferungen von Getreide oder Düngemittel. Angesichts der weltweiten Krisen wird vermehrt über eine Relokalisierung der Produktion nachgedacht. Gerade bei Lebensmitteln gibt es mittlerweile wieder ein hohes Bewusstsein für regionale Produkte. Doch oft sehen die regionalen Tomaten genauso aus wie jene aus Spanien – wo bleibt da eigentlich die Sortenvielfalt?

Ein Grund für die mangelnde Sortenvielfalt ist die Macht der großen Saatguthersteller. Lediglich drei Firmen beherrschen 60 Prozent des Marktes: Corteva, ChemChina-Syngenta und Bayer-Monsanto. Letztere ist für ein knappes Drittel des Weltmarktes für kommerzielles Saatgut verantwortlich. Diese Konzerne bieten nicht nur Saatgut an, sondern auch „passenden“ Dünger und Pestizide. Das führt dazu, dass Landwirt*innen kaum noch selbst entscheiden können, was sie anpflanzen und damit an das System eines Herstellers gebunden werden.

Es besteht sogar die Gefahr, dass Landwirt*innen wegen Patentverletzung verklagt werden, wenn sie Samen wiederverwenden, den sie selbst geerntet haben. Werden in ihrer Nachbarschaft patentierte, genmanipulierte Pflanzen angebaut, kann es zur Bestäubung mit geschütztem Material kommen. Monsanto führte in der Vergangenheit mehrere solcher Prozesse – allerdings hatten die Landwirt*innen wissentlich Monsanto-patentierte Samen vermehrt und ausgesät. Die Gefahr, dass diese Praktiken auch Landwirt*innen treffen könnten, die gar nicht wissen, dass sie patentiertes Saatgut verwenden, besteht dennoch.

In Europa sind Patente auf Pflanzen eigentlich verboten. Stattdessen gibt es den sogenannten Sortenschutz, mit dem Pflanzenzüchtungen rechtlich geschützt werden können. Patente auf Züchtungen werden trotzdem vergeben – vor allem, wenn bei genetisch veränderten Organismen bestimmte Eigenschaften geschützt werden sollen, etwa die Resistenz gegen ein Herbizid. So entsteht ein System, das Landwirt*innen abhängig von großen Firmen macht und die traditionelle Saatgutvermehrung verschwinden lässt. Damit werden auch alte und regionale Sorten nach und nach verdrängt – und auf dem Teller landet ein Einheitsbrei.

Wie Linux, nur mit Tomaten

Eigentlich könnte das auch alles ganz anders sein: Züchter*innen könnten Saatgut allen zur Verfügung stellen, die es anbauen wollen. Landwirt*innen könnten ihre eigenen Samen vermehren, um standortgerechte Sorten zu kreieren. Das dachte sich auch Johannes Kotschi, als er 2017 die Initiative Open Source Seeds gründete. Der Verein entwickelte eine spezielle Lizenz, mit der sichergestellt wird, dass Saatgut frei genutzt werden kann. Außerdem müssen auch Züchtungen, die aus dem Ausgangsmaterial entstehen, unter der Open Source Seeds-Lizenz vertrieben werden.

Obwohl es eigentlich keine Patente auf Pflanzen geben sollte, werden erstaunlich viele davon angemeldet und vergeben. (CC-BY 4.0 Atlasmanufaktur/Heinrich-Böll-Stiftung)

Das Prinzip gibt es bei Software schon viel länger: Quelloffene Programme und Betriebssysteme gibt es überall. So laufen zum Beispiel die allermeisten Webserver unter Linux. Es gibt viele verschiedene „Sorten“ oder „Züchtungen“ von Linux – alle müssen jedoch quelloffen sein, weil es sich um Weiterentwicklungen einer Open-Source-Software handelt.

„Wir bieten einerseits einen Dienst an, nämlich die Beratung von Züchter*innen, wie sie ihre Sorten als Open Source lizensieren können. Und andererseits ist es unsere Aufgabe, die Idee dieser Lizenz zu verbreiten und die Sorten, die schon Open Source sind, bekannt zu machen. Die Züchtung und das Vermehren des Saatgutes übernehmen nicht wir, sondern die Spezialist*innen“, erklärt Bella Aberle der woxx in einem Videogespräch.

Eigentlich gibt es sehr viele alte Sorten, die eine beträchtliche Vielfalt darstellen. Deren Erhalt ist auch nicht so einfach, wie man sich das vielleicht angesichts der Bilder von „Seed Vaults“ in der Arktis vorstellt: Es genügt nicht, die Samen in einem Archiv auf Eis zu legen. Um wirklich keimfähiges Saatgut zu erhalten, müssen die Samen alle paar Jahre ausgesät werden. Ein großer Arbeitsaufwand, wie er in Luxemburg zum Beispiel vom Kraizschouschteschgaart in Leudelingen betrieben wird. Wäre es nicht möglich, diese zu lizenzieren, statt extraneue Sorten zu züchten?

Quelloffenes Brot

„Das ist ein Bereich, an dem wir selbst noch arbeiten, die Rechtslage ist nicht immer klar. Da nicht immer genau gewusst ist, wer alles welches Ausgangsmaterial hat, könnte eine Lizenzierung zu Problemen führen. Wir sind uns aber einig, dass die Erhaltung alter Sorten eine wichtige Aufgabe ist“, so Aberle. Dadurch, dass alte Sorten zur Erhaltung regelmäßig ausgesät und geerntet würden, seien die Grenzen zwischen Erhaltung und Züchtung ohnehin fließend.

Gentechnik ist bei Open Source Seeds kein Thema, die Züchter*innen arbeiten mit traditionellen Methoden. Die Möglichkeit, gentechnische Methoden für die Analyse und Katalogisierung von Sorten zu nutzen, besteht aber durchaus. Auch die besonders heikle – weil umstrittene – Genmanipulation ist in der Lizenz nicht ausgeschlossen. Da man aber davon ausgeht, dass niemand, der so viel Geld in die Entwicklung einer neuen Sorte steckt, sie frei verfügbar machen will, wird es wohl auch auf lange Sicht keine GMO-Sorten unter freier Lizenz geben.

Die Liste der Sorten, die mittlerweile unter der Lizenz von Open Source Seeds verfügbar sind, ist durchaus beachtlich. Mehrere Tomatensorten (eine davon ist auf unserem Cover zu sehen), eine Paprika, Mais, Kartoffeln finden sich darauf. Züchter*innen, die ihre Sorten lizenzieren wollen, können sich bei der Initiative melden. Im Sortiment gibt es auch mehrere Weizensorten, zum Beispiel den Winterweizen „Nudelwunder“, der sich besonders für die Herstellung von Pasta eignet. Aber auch ein Open-Source-Brot entstand, hierfür wurde eine spezielle Weizensorte gezüchtet. „Convento C“ heißt der Open-Source-Weizen. Aberle betont, dass „Convento C“ gute Backeigenschaften habe, gesund und nicht so allergen sei. Das liege daran, dass der Weizen nicht so überzüchtet sei wie konventionelle Sorten. Mit dem Weizen wird in mehreren Bäckereien in Berlin, Cottbus und im Rheinland gebacken.

Crowdfunding für Roggen

An diesen Erfolg knüpft eine Crowdfunding-Kampagne für eine neue Roggensorte an, deren Züchtung Open Source Seeds damit mitfinanziert. „Baldachin“ soll sie heißen, und über 30.000 Euro wurden bereits gesammelt. Bis zum 11. Juni läuft die Kampagne noch. „Das ist tatsächlich etwas, was an uns herangetragen wurde“, erzählt Aberle. „Nachdem unser Open-Source-Weizen in mehreren Bäckereien verwendet wurde, gab es vermehrt Nachfrage nach einem Roggen. Weizen hat aktuell keinen so guten Ruf, deswegen wollen viele Menschen lieber Roggenbrot, diese Anfrage haben die Bäckereien an uns weitergeleitet.“

(OpenSourceSeeds/Agrecol)

Die neue Roggensorte ist die erste, die mittels Crowdfunding finanziert wird. Ein Unterfangen, das gar nicht so leicht ist – nicht nur, weil kaum jemand Roggensamen will, um sie auf dem Balkon anzupflanzen. „Hätten wir eine Tomatensorte genommen, wäre es leichter gewesen“, lacht Aberle. „Wir hatten mehrere komplexe Themen, die wir vermitteln mussten: Warum ist Saatgutvielfalt wichtig? Warum ist ökologische Züchtung wichtig, was ist da das Problem der Finanzierung? Und der ganze Open-Source-Gedanke kam natürlich nochmal dazu.“

Da die Entwicklung einer neuen Sorte mitunter über ein Jahrzehnt dauern kann, ist das Crowdfunding eher eine nachträgliche Finanzierung als wirklich ein Startkapital. „Zu sagen ‚Gebt uns Geld, wir melden uns in zehn Jahren‘ wäre eher schwer zu vermitteln“, sagt Aberle. Wer den Open-Source-Roggen unterstützt, kann ihn möglicherweise schon nächstes Jahr als Brot kosten. Als Goodie kann man sich als Belohnung aber auch Tomatensamen der Sorte „Sunviva“ liefern lassen – oder ein persönliches Kartoffelzuchtset. So geht Ernährungssouveränität durch den Magen.


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