Erste Hilfe bei Gewalt

Umedo richtet sich seit 2018 an Gewaltopfer, die zunächst keine Anzeige erstatten wollen. Der Dienst und die Regierung ziehen nun eine erste Bilanz.

Opfer häuslicher Gewalt sind oft zunächst nicht bereit Anzeige gegen die Täter*innen zu erstatten. Das bedeutet nicht, dass sie die Situation verschweigen oder sie hinnehmen müssen. Wer die Gewalttaten unabhängig von einer Anzeige dokumentieren lassen möchte, kann sich seit Juli 2018 an Umedo (Unité médico-légale de documentation des violences) wenden, einen Dienst des Laboratoire national de santé (LNS).

Das Team hat bisher 28 Fälle dokumentiert, in denen körperliche Gewaltspuren physisch nachgewiesen und fotografisch festgehalten werden konnten. Bis dato habe nur eine Person die Dokumentation an Ermittler*innen weitergegeben. Bei vier der untersuchten Fälle wurden Anzeichen sexualisierter Gewalt festgestellt. Umedo selbst schreibt in seiner Pressemitteilung, es handele sich bei der Mehrheit der Fälle um Gewalttaten innerhalb heterosexueller Beziehungen, die von Männern an Frauen ausgeübt würde. Bei Gewalt gegen Männer würde der Dienst eher telefonisch um Rat gebeten. In der Antwort auf eine parlamentarische Anfrage von Dan Biancalana (LSAP), geben die Minister*innen Taina Bofferding, Etienne Schneider und Sam Tanson an, dass die Zahl der Telefonberatungen die der Untersuchungen ums zwei- bis dreifache übersteige.

Um an Gewaltopfer zu erinnern, beteiligt sich Umedo auch an der Kampagne Orange Week, die seit 2008 insbesondere für das Thema der Gewalt gegen Frauen sensibilisiert und dieses Jahr noch bis zum 10. Dezember stattfindet. Der LNS nutzt diesen Anlass, so heißt es in der Pressemitteilung zu Umedo, um auf die Anlaufstelle aufmerksam zu machen, auch wenn sich das Angebot an Gewaltopfer jeglichen Geschlechts richtet. Der LNS setzt auf „gezielte Kommunikationsmaßnahmen“. Das bedeutet die Direktansprache der Betroffenen, aber auch bestehende Kooperationspartner*innen und Multiplikatoren zu erreichen. „Ärzte in Notaufnahmen der Krankenhäuser sind zum Beispiel ‚natürliche Verbündete’ beim Erkennen von Gewaltopfern, ebenso wie Hilfsorganisationen, an die sich Opfer wenden oder mit denen wir zusammenarbeiten“, sagt Martine Schaul, die Leiterin von Umedo. „Unser Ziel ist es, zu einem Netzwerk gegen das Schweigen beizutragen, das in jeder Hinsicht genau hinschaut, Opfer ermutigt und Vertrauen schafft.“

Das Schweigen über das persönliche Schicksal begrenzt sich laut Schaul auch in Luxemburg nicht auf bestimmte Milieus. „Viele Gewaltopfer zögern damit, Anzeige zu erstatten – sei es aus Scham, aus Schuldgefühlen oder aus tiefergehenden Gründen wie emotionaler oder materieller Abhängigkeit“, sagt sie. „Mit umedo bieten wir die Möglichkeit eines ersten Schrittes hin zu einem Netzwerk aus Hilfsangeboten, der juristisch zunächst keine unmittelbaren Folgen nach sich zieht. Erst wenn das Opfer dazu bereit ist und dies wünscht, wird die Akte sozusagen aktiviert und der Fall gegebenenfalls der Justiz zur Verfügung gestellt.“

Die Gewaltopfer können sich nach vorheriger Terminabsprache im LNS untersuchen lassen. Die Spuren der Gewalt können dokumentiert und während bis zu zehn Jahren aufbewahrt werden. Das zuständige Team setzt sich aus Ärzt*innen zusammen, die auf die Verletzungslehre und im Umgang mit Gewaltopfern spezialisiert sind. Der rücksichtsvolle Umgang mit Gewaltopfern ist unter der Ärzt*innenschaft nicht immer gegeben, wie es vereinzelte Erfahrungsberichte, die der woxx vorliegen, vermuten lassen. So erzählte ein Gewaltopfer in einem persönlichen Gespräch, in der Notaufnahme auf die Bitte der Dokumentation ihrer Verletzungen mit der barschen Aussage abgespeist worden zu sein, es lägen doch keine gravierenden Verletzungen vor. Selbst wenn es sich hierbei um einen Einzelfall gehandelt haben sollte, ist jede Geste dieser Art in Notsituationen nicht tolerierbar – und Anlaufstellen wie Umedo sind deshalb umso wichtiger.

Der Dienst befindet sich in den Räumlichkeiten des LNS in Düdelingen und bietet darüber hinaus Untersuchungen in kooperierenden Kliniken (Centre hospitalier Luxembourg, Hôpitaux Robert Schumann, Centre hospitalier Emile Mayrisch, Centre hospitalier du nord) an. Die Telefonhotline (+ 352 621 85 80 80) ist täglich und zu jeder Uhrzeit erreichbar.


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