Spritziges Duell auf hohem intellektuellen Niveau. Bei der Idea-Debatte zum Ende der Arbeit ging es um ein neues Luxemburger Modell und um die Rolle des Staates.

Bild: Pyotr Ivanovich Subbotin-Permyak. Arbeiter (1921)
Wann werden die FahrerInnen endlich durch Roboter ersetzt? Eine Frage, die – wenn auch nicht ganz ernst gemeint – sich auf der RĂĽckfahrt von Kirchberg aufdrängt, wenn man aus einer Debatte ĂĽber das Ende der Arbeit kommt. Der Verkehrssicherheit wĂĽrde das guttun und Aufgaben, fĂĽr die FahrerInnen ihre menschlichen Qualitäten bräuchten, werden sowieso wegrationalisiert: Eine TĂĽr mit der Aufschrift „DĂ©fense de parler au chauffeur“ verhindert, dass sich die Frau mit dem Kartonticket in der Fahrerkabine einen Rat holt. Das zeichnet ein mögliches Zukunftsszenario vor: Produktivitätsgewinne könnten dazu genutzt werden, eigentlich ĂĽberflĂĽssige Jobs beizubehalten.
Doch soweit gingen die beiden Kontrahenten – Jean-Jacques Rommes und Franz Fayot – am Mittwoch beim Erörtern der Konsequenzen der Third Industrial Revolution (TIR) dann doch nicht. Immerhin hatte die Fondation Idea fĂĽr ihre erste Veranstaltung in Debattenform zwei fĂĽr ihre Fähigkeit zum Querdenken bekannte Persönlichkeiten verpflichtet.
Luxemburg soll aus sich selber wachsen
So richtig mutig waren beide jedoch nicht. Der Anwalt und LSAP-Abgeordnete plädierte fĂĽr einen Staat, der Grenzen setzt, um „unsere demokratischen und humanistischen Werte zu schĂĽtzen“ – eine vage Formulierung und eher eine Absage an einen eingreifenden, die industrielle Revolution gestaltenden Staat.
Der Direktor der Union des entreprises luxembourgeoises (UEL) dagegen plädierte für ein Wirtschaftsmodell, in dem Luxemburg „aus sich selber wachsen“ könnte, statt auf die ausländischen Arbeitskräfte angewiesen zu sein. Weiter als die Landesgrenzen scheint die Fantasie des Ökonomen nicht zu reichen, obwohl er kurz zuvor die Funktion Luxemburgs als Drehscheibe zwischen den benachbarten Sprachen und Kulturen als „einzige verbliebene Nische“ bezeichnet hatte.

„Alexa, lies mir ein Buch vor!“ Welche Berufe von der digitalen Revolution betroffen sind, ist noch nicht abzusehen.
(Foto: Wikimedia / brewbooks / CC BY-SA 2.0)
Von dieser Zaghaftigkeit auf beiden Seiten einmal abgesehen, bot die Debatte dann doch intellektuelle Unterhaltung auf höchstem Niveau. Schon die Einführung durch den Idea-Mitarbeiter Michel-Édouard Ruben sorgte für Schmunzeln und Stirnrunzeln: Die Site WillRobotsTakeMyJob.com gebe für den eigenen Berufsstand ein Risiko von 43 Prozent an, berichtete der Wirtschaftswissenschaftler.
Wachstumsskeptischer Arbeitgebervertreter
Als Sozialdemokrat verwies Fayot mehrfach auf das Konzept „Arbeit 4.0“, das vom deutschen Arbeitsministerium unter SPD-FĂĽhrung ausgearbeitet wurde. Dabei geht es um die Verbesserung des Datenschutzes und die konstruktive Anpassung des Arbeitsrechts im Kontext der TIR. Rommes hingegen bekannte sich zum Rifkin-Prozess – mit Einschränkungen. FĂĽr ihn ist der vor allem „ein sehr nĂĽtzlicher Denkprozess“, der aber nicht eins zu eins umgesetzt werden solle. Der wahrscheinlich erste wachstumsskeptische Direktor in der Geschichte der UEL bezeichnete den Rifkin-Prozess als „unsere Exit-Strategie aus dem extensiven Wachstum“ – also dem beschäftigungsintensiven und wenig produktiven derzeitigem Wachstum.
Eine Position, die im Mittelpunkt des großen öffentlichen Rifkin-Rundtischgesprächs zum qualitativen Wachstum vom 9. November steht. Und an der fünf MinisterInnen und fünf Vertreter von Berufskammern teilnehmen werden. Unter diesen zehn befinden sich zwei Gewerkschafter, eine Frau und null NGO-VertreterIn. Die woxx wird am Freitag darüber berichten.

