Welche vielfältigen Folgen die Umbrüche aufgrund der KI-Technologie haben werden, ist unklar. Was sie zerstören können, ist indes nur die Illusion einer Arbeitsgesellschaft, wie sie seit der IT-Revolution der 1980er- und 1990er-Jahre mühsam aufrechterhalten wird.

Am Altar der Künstlichen Intelligenz: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron auf dem „AI Action Summit“ vergangenen November in Paris. (Foto: EPA/JULIEN DE ROSA / POOL MAXPPP OUT)
Der breite Einsatz von Systemen Künstlicher Intelligenz (KI) in der spätkapitalistischen Arbeitsgesellschaft steht – abseits einiger Nischen in der IT-Industrie – erst am Anfang, die Folgen dieses Umbruchs zeichnen sich erst undeutlich ab. Es ist demgemäß die Zeit großer, sich gerne widersprechender Studien, die der Wissenschaftsbetrieb inzwischen im Wochenrhythmus veröffentlicht. Ob dem Arbeitsmarkt nun eine Apokalypse oder ein Boom bevorsteht – nahezu jede Meinung scheint sich durch Untersuchungen oder Expertenaussagen begründen zu lassen.
Das „Massachusetts Institute of Technology“ (MIT) veröffentlichte Ende 2025 eine Studie, der zufolge in den USA bereits jetzt rund 11,7 Prozent der Lohnarbeiter durch KI-Systeme ersetzt werden könnten, was einer Lohnsumme von rund 1,2 Billionen US-Dollar jährlich entspräche. Anfang 2024 kam die Zeitschrift des Instituts, die „MIT Technology Review“, noch zu der optimistischen Schlussfolgerung, dass die durch Agentensysteme und Große Sprachmodelle ausgelösten Arbeitsplatzverluste durch neue Stellen ausgeglichen werden könnten, die im Rahmen der KI-Revolution entstehen sollen. Das KI-Unternehmen „Anthropic“ bietet ebenfalls für jeden Geschmack etwas: Anfang März veröffentlichte die Firma einen Bericht, der keine Beweise dafür sehen konnte, dass aufgrund von KI die Arbeitslosigkeit steige, während zur selben Zeit das Wirtschaftsblatt „Fortune“ unter Berufung auf Untersuchungen derselben Firma von einer drohenden „Rezession für die Büroangestellten“ warnte.
Ein Bericht der Stanford University sieht in den USA vor allem junge Menschen durch die Umbrüche gefährdet, da es in den für den KI-Einsatz besonders geeigneten Branchen bereits 13 Prozent weniger Stellen für Berufsanfänger gebe. Anthropic schlussfolgert wiederum, dass vor allem ältere, weibliche, gut ausgebildete und hoch bezahlte Lohnabhängige durch KI ersetzt werden könnten. Weitere Diskussionsbeiträge verwiesen auf das Automatisierungspotenzial bei Selbständigen, die Online-Content anbieten, vom marktschreierischen Influencer bis zum Pornosternchen der Plattform „Onlyfans“. Es finden sich auch empirische Studien, zum Beispiel im Umfeld der Denkfabrik „The Brookings Institution“, die schlicht feststellen, dass eindeutige Schlussfolgerungen über die Auswirkungen der KI noch nicht möglich seien.
Ob dem Arbeitsmarkt nun eine Apokalypse oder ein Boom bevorsteht – nahezu jede Meinung scheint sich durch Untersuchungen oder Expertenaussagen begründen zu lassen.
Nichts Genaues weiß man also. Dennoch lassen sich einige Konturen der kommenden Umbrüche der spätkapitalistischen Arbeitsgesellschaft aufzeigen, die in nahezu allen Studien zu finden sind. Die KI-Revolution könnte demnach einen ähnlichen Automatisierungsschub im Dienstleistungssektor entfachen wie die IT-Revolution der 1980er- und 1990er-Jahre in der Industrieproduktion. Die avancierten Ökonomien der Zentren des Weltsystems gelten gerade deswegen als Dienstleistungsgesellschaften, weil der Anteil der Industriebeschäftigten im Zuge der Digitalisierung stark sank. Das Ausmaß des nun drohenden Arbeitsplatzkahlschlags ist aber umstritten, ebenso wie die Frage, ob ihn neu entstehende Stellen im KI-Bereich abmildern können. Innerhalb des Dienstleistungssektors gelten Bürotätigkeiten, Kundenbetreuung, kreative Tätigkeiten in der Medienbranche, Rechts- und Finanzdienstleistungen und insbesondere der IT-Sektor als besonders gefährdet. Großbritannien sei wegen der Dominanz der Finanzbranche bereits von Arbeitsplatzverlusten betroffen, wie ein Bericht des Finanzdienstleisters „Morgan Stanley“ Anfang 2026 schlussfolgerte, da KI-gestützte Produktivitätssteigerungen um 11,5 Prozent unterm Strich zu Arbeitsplatzverlusten von acht Prozent geführt hätten.
Insbesondere der Beruf des Programmierers scheint von Stellenverlust bedroht zu sein, da hier bereits enorme kurzfristige Produktivitätssteigerungen durch KI-Systeme entstehen (auch wenn dies langfristig Code-Instabilität nach sich ziehen könnte). Für Projekte zu veranschlagende Arbeitszeiten schmelzen in der Branche bereits von Tagen zu Stunden. Branchenkritiker wie Ed Zitron verweisen gerne und zutreffend darauf, dass vor allem der essenzielle Service für Geschäftskunden nicht voll automatisiert werden kann, doch das muss er auch nicht. Der Arbeitsmarkt als Vermittlungsinstanz allgemeiner Konkurrenz wird wohl dafür sorgen, dass sich die steigende Produktivität in sinkender Beschäftigung und Vergütung von IT-Lohnabhängigen manifestiert, da die KI-Tools zugleich die Anforderungen an die Arbeitskräfte reduzieren.
Tatsächlich wird die jahrzehntelang erfolgsverwöhnte IT-Brache, die eine der wenigen verbliebenen Bastionen für Beschäftigte aus der sogenannten Mittelschicht bildet, von enormen Entlassungswellen heimgesucht: „Oracle“, „Amazon“, „Meta“, „Epic“ – die oft in die Zehntausende gehenden Massenentlassungen werden derzeit gerne mit Investitionen in KI begründet. Dem Branchenmedium „Tech Insider“ zufolge ist die Zahl der Entlassungen in der IT-Branche weltweit von circa 150.000 im Jahr 2024 auf rund 245.000 im vergangenen Jahr hochgeschnellt, für 2026 werden rund 264.000 prognostiziert. Die Begründung der Entlassungen mit Investitionen in KI ist sprunghaft angestiegen: von fünf Prozent 2024 über acht Prozent 2025 auf rund 20 Prozent im ersten Quartal von 2026. Tech Insider schätzt, dass dieser Anteil 2026 auf bis zu 30 Prozent steigen dürfte.
Doch ist bei solchen Zahlen Vorsicht angebracht. Oracle beispielsweise will 30.000 Stellen streichen, doch wird dies nicht mit KI-bedingten Produktivitätsfortschritten begründet, sondern mit Sparmaßnahmen, um genügend Kapital für den kostspieligen Aufbau von KI-Datenzentren aufzubringen. Die „Harvard Business Review“ berichtete unter Verweis auf eine breite Befragung unter Managern vom Dezember 2025, dass die meisten durch KI begründeten Entlassungswellen nicht durch tatsächliche Produktivitätsfortschritte, sondern durch die „Antizipation der Auswirkungen von KI“ motiviert waren.
Mit anderen Worten: Die Führungsgruppen des Kapitals spekulieren auf Produktivitätsfortschritte, bevor diese realisiert werden können. Das funktioniert nicht immer: Eine Ende 2025 durchgeführte Unternehmensumfrage des Marktforschungsinstituts „Forrester Research“ kam zu dem ernüchternden Ergebnis, dass 55 Prozent der Entscheidungsträger ihre KI-bedingten Entlassungen bereuen. Die Befragten gehen davon aus, dass entweder die Produktivitätssteigerung ausblieb oder gutbezahlte Arbeitskräfte durch Niedriglöhner ersetzt werden. Eine andere Studie des MIT ergab, dass sich der Einsatz generativer KI bei Business-Anwendungen in 95 Prozent aller Fälle als nicht rentabel erwies.
Sollte es überhaupt noch zu einem massenhaften Durchbruch von KI in der Wirtschaft kommen, dann wohl erst während der wirtschaftlichen und sozialen Konsequenzen aus dem zu erwartenden Platzen der KI-Blase. Die knallharte Krisenkonkurrenz dürften nur diejenigen Marktteilnehmer überleben, die diese Technologie am effizientesten nutzen. Doch es stellt sich die Frage, ob ein neues stabiles Akkumulationsregime überhaupt noch hergestellt werden kann, da die KI nur den bereits weit vorangeschrittenen Krisenprozess ins Extrem treibt.
Arbeit ist die Substanz des Kapitals, der Kapitalismus ist in dieser Hinsicht tatsächlich eine „Arbeitsgesellschaft“, und der innere Widerspruch des Kapitals besteht darin, dass es sich dieser seiner Substanz durch konkurrenzvermittelte Rationalisierung zu entledigen sucht. Schon die erste große IT-Revolution ließ den inneren Widerspruch durch das Schrumpfen der Industriearbeiterschaft akut werden. Dessen gesamtgesellschaftliche Entfaltung konnte durch die Finanzialisierung des Kapitalismus in der neoliberalen Ära der Globalisierung verzögert werden, indem die auf globaler Ebene schneller als die Wirtschaftsleistung steigende Verschuldung mittels Spekulationsblasen in kreditfinanziertes Wachstum transformiert wurde. Der Dienstleistungssektor, dem nun KI-bedingte Umbrüche bevorstehen, ist also insofern künstlich, als er sich nur im Rahmen der neoliberalen Defizitkonjunktur entfalten konnte. Die KI-Technologie zerstört nur die Illusion einer Arbeitsgesellschaft, die schon während der IT-Revolution nur mühsam aufrechtzuerhalten war.
Ohne arbeitsintensive Industrieproduktion gibt es keine stabile Arbeitsgesellschaft. Aber ein Zurück dahin gibt es nicht, das Rad der Zeit lässt sich nicht zurückdrehen. Anstatt dem allgemeinen Arbeitsfetisch zu verfallen, müssten die verbliebenen emanzipatorischen Kräfte zu einer radikalen Arbeitskritik übergehen, die auch die in offenem Zerfall befindliche kapitalistische Gesellschaft bewusst und offen zu überwinden trachtet.

